Noch nie herrschte am Start solches Gedränge

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 13.01.2010

Die Grossratswahlen versprechen spannend zu werden: Erstmals treten die Bürgerlich-Demokratische Partei sowie die Grünliberalen an. Unter den Newcomern finden sich aber auch exotische Gruppierungen wie BKW, Freie Wirte oder Eidgenossen.

Gestern um 16 Uhr ist die Anmeldefrist für die Grossratswahlen abgelaufen. Somit ist die Ausgangslage für den 28. März nun klar. Angesichts der Rekordzahl von 1937 Kandidatinnen und Kandidaten auf insgesamt 133 Listen ist es jedoch schwierig, die Übersicht zu behalten. Einige Namen und Fakten seien deshalb hervorgehoben:

Spannend wird die Wahl vor allem, weil gleich zwei ernst zu nehmende Gruppierungen zum ersten Mal antreten und den etablierten Parteien Sitze streitig machen wollen: die Bürgerlich-Demokratische Partei und die Grünliberalen. Beide Parteien sind in allen neun Wahlkreisen mit eigenen Listen präsent. Die Grünliberalen bieten zum Beispiel in Bern ihre ganze Stadtratsfraktion und in Biel zumindest einen grossen Teil davon auf, füllen ihre Listen aber auch mit neuen Namen. Die BDP trumpft vor allem in der Region Bern mit überregional bekannten Persönlichkeiten auf. Darunter finden sich etwa Mathias Tromp, ehemaliger BLS-Direktor, Renato Krähenbühl, ehemaliger Vizestaatsschreiber, oder Judith Renner-Bach, ehemalige Direktorin des Schweizerischen Tourismusverbands. Auch Thomas Begert, Sohn der einstigen Berner SVP-Gemeinderätin Ursula Begert, findet sich auf einer BDP-Liste.

Mentha, Zäch, Lüscher, Schlauri

Auffällig ist, wie viele Exekutivpolitiker der grössten Gemeinden eine Nebenbeschäftigung suchen. So will es der Könizer Gemeindepräsident Luc Mentha (sp) seinem Vorgänger Henri Huber gleichtun und kandidiert für den Grossen Rat. «Die beiden Ämter ergänzen sich gut», sagt Mentha, es sei sinnvoll, dass die viertgrösste Gemeinde im Kanton auch im Grossen Rat vertreten sei. Mit Gemeinderätin Rita Haudenschild (grüne), die erneut kandidiert, ist sie dies jedoch bereits. Zu einer Könizer Dreiervertretung könnte es gar kommen, sollte auch Gemeinderat Ueli Studer, der für die SVP kandidiert, gewählt werden.

Gut vertreten ist auch Biel. Hier kandidieren die Gemeinderäte Pierre-Yves Moeschler (sp) und Hubert Klopfenstein (fdp) erneut. Ebenfalls ins Kantonsparlament wollen die nebenamtlichen Gemeinderäte René Schlauri (svp) und Silvia Steidle (fdp). Und auch die Thuner und Burgdorfer Gemeinderatsmitglieder sind auf den Geschmack gekommen: Aus Burgdorf kandidieren Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch (sp), Martin Kolb (fdp) und Hugo Kummer (svp). Aus Thun treten Jolanda Moser (fdp), Peter Siegenthaler (sp) und Andreas Lüscher (svp) an. Nur in Bern scheint die Stadtregierung ausgelastet zu sein. Dort kandidiert lediglich Finanzdirektorin Barbara Hayoz’ Sohn Mark – auf der Liste der Jungfreisinnigen.

Mit Abstand am meisten Kandidatinnen und Kandidaten stellt übrigens die EVP, was schon fast Tradition ist. Sie tritt ausser im Berner Jura überall mit mehreren Listen an und kommt insgesamt auf 366 Kandidierende auf 23 Listen. In dieser Flut fällt ein Name besonders auf: Jürg Zinglé, einer der höchsten Schweizer Justizbeamten. Der Leiter des Eidgenössischen Untersuchungsrichteramts war letztes Jahr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, als er mit Hartnäckigkeit die Tinner-Akten, die der Bundesrat vernichten wollte, der Justiz zu sichern versuchte. Ziel seiner Kandidatur sei es, mitzuhelfen, den EVP-Sitz in der Stadt Bern mindestens zu halten, sagt Zinglé auf Anfrage. Er erachte seine Chancen eher als klein. Seine Kandidatur sei aber durchaus ernsthaft.

Klimaschutz und Internet

Tatsächlich klein dürften die Chancen verschiedener Neuerscheinungen sein. So gibt es im Wahlkreis Bern eine Liste der Liberalsozialen, angeführt von Edith Leibundgut, die im Berner Stadtrat eigentlich für die CVP politisiert. Ebenfalls in Bern will es eine Liste mit dem Namen «Kein Klimaschaden aus Bern» – abgekürzt BKW – wissen. Bekannt darauf ist Lukas Harder, der eigentlich zu Luzius Theilers Grünen Partei Bern gehört. Diese tritt jedoch nicht selber zu den Grossratwahlen an. Gleich in vier Wahlkreisen tritt die Piratenpartei auf den Plan. Sie wurde vergangenen Sommer vom 24-jährigen Informatikstudenten Denis Simonet aus Ipsach gegründet und widmet sich ganz der digitalen Welt. Ebenfalls am Bielersee haben «Die Eidgenossen» ihre Wurzeln. Diese Partei wurde im August von abtrünnigen Bieler Freiheitsparteilern gegründet. Weiter geht im Wahlkreis Biel die Liste «Pro Freiheit + IG Freie Schweizer Wirte» an den Start. Sie wurde von Patrick Lohri initiiert, der einst erfolglos Unterschriften für ein Referendum gegen das Rauchverbot in Restaurants gesammelt hatte. Im Emmental schliesslich versucht es der Künstler Pierre Mettraux (jener mit der Staumauer) im Alleingang. Mit seiner «Die andere Liste» schaffte er es bereits in den Heimiswiler Gemeinderat.

Die Liste mit allen Kandidierenden finden Sie im «Bund»-Wahldossier unter www.wahlen2010.derbund.ch. (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2010, 15:01 Uhr

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