Politiker zögern mit Facebook
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Das soziale Netzwerk Facebook hat mittlerweile weltweit 250 Millionen Mitglieder. In der Schweiz sollen es rund 1,4 Millionen sein, genaue Zahlen existieren nicht. Die Internetnutzer machen ihren «Freunden» persönliche Informationen oder Fotos zugänglich und treten Gruppen bei. Die Plattform im virtuellen Netz ist inzwischen derart beliebt, dass Grossfirmen wie die CS, die SBB, die Post oder die UBS und kantonale Verwaltungen die Benutzung von Facebook am Arbeitsplatz gesperrt haben. (tga)
Rund ein Fünftel der Mitglieder des Grossen Rats ist inzwischen auf der Internetplattform Facebook, dem grössten sozialen Netzwerk im Internet, vertreten. Die boomende Plattform (siehe Kasten) ermöglicht es Politikern, gratis Anhänger zu gewinnen und für ihre Anliegen zu mobilisieren – etwa unter jüngeren Wählern. Im US-Wahlkampf im vergangenen Jahr spielten das Internet und Facebook eine wichtige Rolle. Im Kanton Bern nutzen die Parlamentarier die Plattform bisher indes höchst unterschiedlich.
Einige Monate vor Beginn des Wahlkampfs ist die Begeisterung für die Plattform noch verhalten. Überdurchschnittlich stark vertreten sind SP-Politikerinnen und Politiker. Und meist jüngere Politiker jeglicher Couleur von Patric Bhend (sp) und Flavia Wasserfallen (sp) bis Samuel Leuenberger (bdp) oder Thomas Fuchs (svp) nutzen das Medium. Von den Fraktionspräsidenten im Grossen Rat beteiligen sich nur Adrian Haas (fdp) und Christine Häsler (grüne, siehe Interview rechts).
SVP trifft sich lieber in der Beiz
Die im ländlichen Kantonsgebiet stärkste Partei, die SVP, ist kaum präsent. «Mit 18 000 Mitgliedern sind wir immer noch breit gestreut», sagt Geschäftsführerin Aliki Panayides. Viele Mitglieder schätzten den persönlichen Kontakt: «Man trifft sich lieber in der Beiz auf ein Bier», sagt sie. Diverse SVP-Landesteile wollten allerdings Facebook im Hinblick auf die kantonalen Wahlen 2010 nutzen und die Partei werde entsprechende Schulungen durchführen. Gerade ältere Politiker sind längst nicht alle mit dem Gebrauch der Plattform vertraut. Bei der Wahl des Regierungsstatthalters im Wahlkreis Bern-Mittelland vom Mai versuchte die SVP bereits via Facebook Wähler zu mobilisieren – allerdings mit mässigem Erfolg. Panayides zählt selber zu den Nutzern: «Ich habe mir von meinem jungen Büroteam erklären lassen, wie es funktioniert.» Wie die meisten Nutzer vermischt sie die Politik mit Privatem – und deklariert sich etwa als Bee-Gees-Fan.
SP-Jungpolitikerin ist vorne
Mit 373 «Freunden» hat die Langenthalerin Nadine Masshardt (sp) eines der grösstes Facebook-Netzwerke unter den Kantonsparlamentariern. Die 24-jährige Studentin konnte im vergangenen Herbst die Wahlen in den USA mit einer Gruppe von jungen Europäern vor Ort verfolgen. Zuvor habe sie ein Profil eröffnet, um die geknüpften internationalen Kontakte weiter zu pflegen. Masshardt ist vom politischen Potenzial von Facebook überzeugt. Erstmals politisch genutzt habe sie die Plattform bei der Abstimmung zur Personenfreizügigkeit vom Februar. Dabei vernetzten sich Jungpolitiker von zahlreichen Parteien und versendeten ihren «Freunden» Mitteilungen, was einen Schneeballeffekt auslöste. Die Zahlen waren aber noch bescheiden: So zählte die Gruppe der Befürworter gut 4600 Mitglieder, diejenige der Gegner rund 2000 Personen. Bei den Jungen und Junggebliebenen ist die Plattform aber angesagt. Masshardt will sie denn auch als ein Kanal für die anstehende Abstimmung über das Stimmrechtsalter 16 nutzen. Bezüglich der Wahlen 2010 relativiert sie freilich die Bedeutung: «Facebook ist zwar nützlich, aber kein Kernelement des Wahlkampfs.»
FDP will Kandidaten beraten
Von den Grossräten, die auf der Plattform präsent sind, nutzen noch längst nicht alle das Potenzial. Mit 22 «Freunden» verfügt Fraktionschef Adrian Haas etwa noch über ein bescheidenes Facebook-Netzwerk – und überschreitet im virtuellen Netz keine ideologischen Gräben. «Ich habe nie aktiv Leute gesucht», sagt Haas. Er nutze das Medium bisher eher privat und weniger politisch. Auch die bernische FDP wolle Facebook für die Wahlen 2010 aber besser nutzen und ihre Kandidaten professionell beraten lassen. Einige seiner Kollegen wüssten nicht einmal, was Facebook sei. Bisher sind kantonale Parlamentarier der FDP denn auch kaum auf der Plattform vertreten. «Politiker sollten die modernen Kommunikationsmittel nicht verpassen», sagt Haas – gerade wegen der jüngeren Wähler.
Als einziger Regierungsrat ist auch der 2010 wieder antretende Christoph Neuhaus (svp) auf der Plattform präsent. Neuhaus ist etwa Mitglied der Facebook-Gruppe zu Alt-Bundesrat Ruedi Minger. Das Profil des jüngsten Mitglieds der Berner Regierung ist aber noch unvollständig – so hat Neuhaus etwa auf ein Bild verzichtet. Und sein Netzwerkpotenzial dürfte der Politiker mit 37 «Freunden» auch längst nicht ausgeschöpft haben. (Der Bund)
Erstellt: 20.01.2010, 14:48 Uhr
Bern
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