Bern

Ein Mann vom Land, der das Stadtleben kennt

Von Dölf Barben. Aktualisiert am 03.03.2010

Albert Rösti (svp) war schon einmal ganz nahe dran am Regierungsrat. Nun kandidiert er wiederum. Um den Kanton vorwärts zu bringen, brauche es keine hochtrabenden Ideen, sagt der Bergbauernsohn.

Vom Dach des Swissmilk-Geschäftssitzes im Berner Kirchenfeld hat Albert Rösti nahezu die gleiche Aussicht wie von seinem geräumigen Eckbüro aus. (Adrian Moser)

Vom Dach des Swissmilk-Geschäftssitzes im Berner Kirchenfeld hat Albert Rösti nahezu die gleiche Aussicht wie von seinem geräumigen Eckbüro aus. (Adrian Moser)

Zur Person

Der 43-jährige Albert Rösti ist in Kandersteg als Bergbauernsohn aufgewachsen. Er studierte an der ETH Zürich Agronomie. Von 1994 bis 1998 arbeitete er als Beratungsleiter und Landwirtschaftslehrer an der Bergbauernschule Hondrich. In dieser Zeit erlangte er den Doktortitel (technische Wissenschaften). 1998 trat er unter Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch in die Dienste des Kantons Bern ein: Bereits 2001 wurde er stellvertretender Generalsekretär (und bildete sich zum Master of Business Administration weiter), zwei Jahre später war er Generalsekretär. 2007 verliess er den Kanton und wurde Direktor der Schweizer Milchproduzenten und damit Chef von 120 Mitarbeitenden. Rösti wohnt in Uetendorf, wo er seit 2008 im Gemeinderat sitzt. Er ist verheiratet und Vater eines 13-jährigen Sohnes und einer 9-jährigen Tochter. (db)

Als Bauernsohn sei er «einerseits» in einem eher konservativ geprägten Umfeld aufgewachsen. «Andererseits» sei er als Kandersteger bereits als Kind mit anderen Kulturen in Kontakt gekommen. Dies steht weit vorne in Albert Röstis Kandidatenunterlagen. Weil die Familie dem internationalen Pfadfinderzentrum in einer Alphütte ein Massenlager vermietete, ergaben sich «nach dem Einstallen der Rinder» immer wieder Plauderstunden, schreibt er. Dabei habe er früh die «oft sehr verschiedenen Welten» wahrgenommen: «die urbane der Gäste und die meine – beide sehr interessant». Das Stadtleben lernte Rösti während seines Studiums in Zürich kennen. «Ich habe es ausgiebig gekostet», hält er fest – vergisst aber nicht zu erwähnen, den Draht zum Berner Oberland nie verloren zu haben.

Sind das bloss Aussagen, um möglichst viele Wähler anzusprechen? Albert Rösti sitzt in seinem geräumigen Eckbüro am grossen Sitzungstisch. Eine Mitarbeiterin hat eben Kaffee serviert. Rösti ist seit 2007 Direktor der Schweizer Milchproduzenten; der Geschäftssitz befindet sich im Berner Kirchenfeldquartier. Der Blick geht nach Süden und Westen. Der Kanton Bern komme nur weiter, wenn die Koexistenz von Stadt und Land effektiv gelebt werde, sagt er und lehnt sich etwas zurück. Rösti wirkt sehr jugendlich; wenn er spricht, merkt man aber, dass er nicht erst seit Kurzem in einer Position tätig ist, in der sein Wort Gewicht hat. Es sei zu akzeptieren, fährt er fort, «dass beide Seiten ihre Stärken und Bedürfnisse haben». Und: Stadt und Land könnten sich gegenseitig blockieren. Das im ersten Anlauf gescheiterte Projekt Tram Bern West sei ein Beispiel dafür. Aber wie blockiert die Stadt das Land? Rösti überlegt nicht lange: Wenn der ländliche Raum zunehmend nur noch als Erholungsgebiet betrachtet und das Wirtschaften darin behindert werde – «dann wird es schwierig». Auch Beispiele hat er rasch zur Hand: Beim Wohnen in der Landwirtschaftszone oder im Tourismus seien solche Entwicklungen zu beobachten – «wenn es etwa darum geht, 14 Tage früher beschneien zu dürfen».

Keine «hochtrabenden Ideen»

Wo Rösti politisch steht, ist rasch ersichtlich. Keine Regierungsratskandidatin und kein -kandidat ist auf dem Koordinatennetz der Online-Wahlhilfe Smartvote so konservativ und rechts positioniert wie er. Darüber habe er selber gestaunt, denn eigentlich sehe er sich eher in der Mitte, sagt er.

Etwas mutet eigenartig an: Wenn Albert Rösti über Politik redet, ist es so, als ob ein bisheriger Regierungsrat sprechen würde. Politik liegt zwar in der Familie: Sein älterer Bruder Hans, Meisterlandwirt in Kandersteg, ist seit 2002 im Grossen Rat. Der Grund ist aber ein anderer: Von 2003 bis 2006 war er Generalsekretär auf der Volkswirtschaftsdirektion, von 2001 bis 2003 stellvertretender Generalsekretär. Auf diesen Positionen war er ganz nahe am Regierungsrat dran. Und in diese Zeit fällt die strategische Aufgabenüberprüfung, das bislang umfassendste Sparprojekt.

Rösti hält sich im Gespräch zurück mit Kritik an der amtierenden Regierung. Er bleibt lieber im Allgemeinen: Für eine Exekutive sei es unerlässlich, die Überprüfung der Aufgaben als Dauerauftrag zu begreifen. Nur so sei es möglich, das Ausgabenwachstum im Griff zu behalten und Handlungsspielraum zu gewinnen. Seine «Vision» des Vorwärtskommens beruhe denn auch nicht auf «hochtrabenden Ideen», sagt er. Gelinge es, beim Wachstum und bei der Steuerbelastung Fortschritte zu erzielen, sei schon sehr viel erreicht.

Deshalb ist für Rösti «eine massvolle Steuersenkung» unerlässlich, trotz gegenwärtig hohem Druck auf der Einnahmenseite. Sind die Steuern niedrig, siedeln sich eher Unternehmen an. Und neue Arbeitsplätze haben zusätzliche Steuereinnahmen zur Folge. Damit dieser Prozess überhaupt in Gang kommt, muss aber der Staat sparen. Rösti schwebt ein «umfassendes Sanierungspaket» vor. Grosses Potenzial sieht er gewissermassen hinter den Kulissen. Durch das Zusammenlegen von Ämtern etwa könnte gespart werden, ohne dass es zu Leistungseinbussen käme. Rösti betont, ein solcher Prozess müsste sozialverträglich abgewickelt werden. Und auf keinen Fall wolle er als ehemaliger Verwaltungsmann mit diesem Vorschlag Kritik üben am Personal. «Die Leute dort leisten einen guten Job.»

«Ich bin in der SVP daheim»

Ein Übertritt zur BDP war für Rösti nie ein Thema. Der Ausschluss der Graubündner SVP durch die SVP Schweiz habe ihn auch gestört. Deswegen aber die bernische SVP zu verlassen und damit den liberalen Parteiflügel zu schwächen, habe er als falschen Weg empfunden. Er persönlich fühle sich der SVP emotional verbunden. «Vom Umfeld und vom Gedankengut her bin ich hier daheim», sagt er.

Albert Rösti macht kein Geheimnis daraus, dass ihn im Fall einer Wahl die Volkswirtschaftsdirektion besonders interessieren würde. «Ich kann mir aber auch die Finanzdirektion vorstellen – wie jede andere Direktion auch», sagt er. Die Wahlchancen erachtet er als intakt. Dass die bürgerlichen Parteien nicht geeint seien, führe zwar zu grossen Unwägbarkeiten. Aber vielleicht hätten ja gerade diese Diskussionen eine starke Mobilisierung zur Folge. Für Rösti ist klar, dass bei diesen Wahlen die parteiungebundenen Wähler eine wichtige Rolle spielen – und dass «Überraschungen nicht ausgeschlossen sind». (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2010, 07:45 Uhr

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