Bern

Der Tag, an dem die BDP Geschichte schrieb

Von Anita Bachmann, Sarah Nowotny. Aktualisiert am 29.03.2010 3 Kommentare

Es war die Wahl, die über das Schicksal der SVP-Abtrünnigenpartei BDP entschied. Mit der Wahl von Beatrice Simon in den Regierungsrat und 25 Grossratssitzen hat die BDP mehr erreicht, als sie zu hoffen wagte. Eine Chronik des gestrigen Wahltags.

1/12 Wahlen im Kanton Bern 2010
Philippe Perrenoud, Barbara Egger, Bernhard Pulver. Andreas Rickenbacher und Hansjürg Käser kommen im Rathaus an.
Bild: Adrian Moser

   

Es sieht aus, als würde die Sonne aufgehen: In der Halle des Berner Rathauses steigen gelbe und goldene Ballone empor. Gelb ist an diesem Abend nicht nur die Farbe der BDP. Auch die Ballone des ansonsten rot-grünen Quartetts, das die Mehrheit im Regierungsrat verteidigen will, sind goldgelb – und schliesslich ist gelb die Farbe des Neids, den die SVP kurze Zeit später verspüren dürfte. Strahlend betreten nun die bisherigen Regierungsräte den Ort, an dem sich Politiker und Medienleute im Scheinwerferlicht drängen – von BDP-Kandidatin Beatrice Simon fehlt indes jede Spur. Flankiert werden sie von nationalen Polit-Grössen wie BDP-Ständerat Werner Luginbühl und SP-Fraktionschefin Ursula Wyss. Für kurze Zeit folgt banges Warten in knisternder Spannung. Dann folgt das Resultat: Gewählt ist neben den Bisherigen auch Simon, die Spannung löst sich in einem Jubelschrei auf.

«Ich bin sehr erleichtert», sagt der abtretende BDP-Regierungsrat Urs Gasche mit triumphalem Gesichtsausdruck – er wäre als Kandidat ein sicherer Wert für seine Partei gewesen. Nun könne aber niemand sagen, der BDP-Sitz sei seinetwegen verloren gegangen, stellt Gasche entspannt fest.

Offizielles Ziel übertroffen

«Es ist überwältigend», sagt die frisch gewählte Regierungsrätin eineinhalb Stunden später vor ihren Parteileuten im Restaurant Krone. Sie dankt ihnen – die Männer tragen Krawatten und die Frauen Schals in den BDP-Farben gelb und schwarz. Sie seien ausgeschwärmt wie Bienen und hätten alles Nötige getan, sagt Simon. Dank ihrem Einsatz habe die Partei auch 25 Sitze im Grossen Rat geholt. Damit habe man das offizielle Ziel von 20 Sitzen übertroffen und ein internes Fernziel erreicht. «Wir haben heute Geschichte geschrieben», sagt Simon. Nach diesem Erfolg könne sie die Partei getrost an jemand anderen weitergeben. Sie wird nicht nur das Präsidium der Kantonalpartei abgeben, auch die Gemeinde Seedorf wird sich nach einem neuen Präsidenten umschauen müssen. Sie werde als Regierungsrätin die Direktion übernehmen, welche übrig bleibe – Bau, Verkehr und Energie sowie die Finanzen wären aber ihre Wunschdirektionen.

Dies alles sagt sie gefasst, wie ein politischer Profi. Doch auch sie habe geweint, nicht nur ihre Töchter, sagt sie. Um sich selber zu schützen, hat sie zudem den Rat der Parteistrategen und Wahlhelfer befolgt und sich am Wahlsonntag ganz zurückgezogen. Sie ging zur Kirche, weil ihr Ehemann dort mit dem Männerchor auftrat, führte ihre Hunde spazieren und putzte gar ihre Wohnung. Am Nachmittag konnte aber auch sie sich dem Wahlgeschehen nicht mehr entziehen: «Eine Stunde lang habe ich sehr gelitten», sagt sie.

Auch andere BDP-Mitglieder erleben in dieser Zeit ein Wechselbad der Gefühle. Im Restaurant Hirschen in Rügsauschachen prosten sich ein Dutzend BDPler aus Hasle-Rüegsau und Lützelflüh zu, darunter Nationalrat Hans Grunder. «Wir stossen noch nicht auf den Wahlsieg, sondern auf ein gutes Zwischenresultat an», sagt er. Zu Recht: Bei Bekanntgabe der nächsten Hochrechnungen hat sich der Vorsprung von Simon auf ihren Kontrahenten von der SVP, Albert Rösti, verkleinert. «Jetzt wird es eng», sagt jemand aus der Runde. Eine Stunde später scheint die Zitterpartie aber überstanden.

Bissig kommentieren BDP-Mitglieder im Berner Altstadtrestaurant Krone an diesem Nachmittag nicht nur Rösti, sondern auch einen Fernsehauftritt von SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Und zum Berner SVP-Präsidenten heisst es: «Ruedi hat wieder falsch gepokert.»

Blanker Hass gegenüber BDP

Richtig gepokert hat BDP-Grossrat Heinz Siegenthaler: Als einer der ersten hat er vor zwei Jahren die Abspaltung von der SVP ins Auge gefasst und «braune Tendenzen» in der SVP Schweiz angeprangert. Wenn man den Landwirt an diesem Wahltag in Rüti bei Büren besucht, kommt man fast nur an SVP-Plakaten vorbei. Im Dorf selbst gibt es von einem spannungsvollen Wahlkampf keine Spur. Siegenthaler entfernt ein Wahlplakat von der Fassade seines Bauernhauses. Doch die Ruhe täuscht ein Stück weit: «Ein paar Leute, die mir gestattet haben, Plakate auf ihrem Land aufzustellen, wurden von SVPlern beschimpft», sagt er. «Manche verspüren immer noch blanken Hass gegen die BDP.» Trotzdem habe er die meisten Plakate in einem Stück zurückbekommen.

Geschlafen hat Siegenthaler gut und lange, aber nun steigt die Nervosität, sein Computer wird zum Dreh- und Angelpunkt dieses Wahltags. Die Gemeinden, die bereits fertig sind mit Stimmen zählen, klickt er eine nach der anderen an. «Bis jetzt sieht es überall gut aus.» Ideal wäre, wenn die BDP ein paar Sitze gewinnen und die SVP einige verlieren würde. «In Zukunft werden wir uns inhaltlich noch stärker voneinander entfernen; die BDP ist nun etabliert.»

Widmer-Schlumpf zufrieden

Schon im Wahlkampf haben sich SVP und BDP nicht gefunden: Hätten die Bürgerlichen zusammengearbeitet, hätte man die bürgerliche Mehrheit im Regierungsrat zurückerobert, sagt Grunder. «Das ist ein Wermutstropfen», findet BDP-Ständerat Werner Luginbühl. Die groben Fehler seien aber bereits vor vier Jahren gemacht worden. Damals traten die Bürgerlichen mit sechs Kandidierenden an, was als überheblich angesehen wurde. Abgesehen davon habe die BDP die Hauptprobe aber bestanden, sagt Grunder. Auch BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ist zufrieden: «Die Berner haben das super gemacht.» Das werde der BDP Aufwind für die nationalen Wahlen im nächsten Jahr geben.

«Ich habe damit gerechnet, dass Beatrice Simon gewählt wird und wir gut abschneiden», sagt BDP-Fraktionschef Dieter Widmer – nun kann er dies mit gutem Gewissen tun. Überrascht habe ihn hingegen das gute Abschneiden der SVP bei den Grossratswahlen. BDP-Nationalrätin Ursula Haller will die beiden Parteien indes nicht gegeneinander ausspielen: «Wir verspüren keine Schadenfreude», sagt sie. Dass nun eine BDP-Frau Regierungsrätin geworden sei, natürlich eine besondere Freude für sie, «aber Beatrice Simon wurde vor allem als Person gewählt.» (Der Bund)

Erstellt: 29.03.2010, 09:31 Uhr

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3 Kommentare

Nicole Meier

29.03.2010, 11:45 Uhr
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Gewählte Rot - Grüne Politiker, vergesst nicht das ihr für alle Arbeiten sollt. Habt nicht nur Eure Parteiziele vor Augen, sondern auch die von Euren Gegenern. Denn jeder Zahlt hier Steuern und hat Anspruch auf eine Gute Regierung und nicht auf Parteienklüngel. Antworten


Rudolf Burgener

29.03.2010, 18:03 Uhr
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Das Lachen der Regierung ist nicht so, wie erwartet, da das Parlament nun Gegensteuer geben wird, wenn die Regierung versucht etwas durchzuboxen! Antworten



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