Bern

Bauernlobby puscht nur Albert Rösti

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 05.03.2010

Die Bauernorganisation Lobag unterstützt speziell nur den Regierungsratskandidaten Albert Rösti – zum Nachteil von Parteikollege Christoph Neuhaus. Was die Lobag empfiehlt, hat Gewicht und wird von den Berner Landwirten befolgt.

Die SVP-Kandidaten Christoph Neuhaus und Albert Rösti gibt es ausser für die Bauern nur im Zweierpack. (Adrian Moser)

Die SVP-Kandidaten Christoph Neuhaus und Albert Rösti gibt es ausser für die Bauern nur im Zweierpack. (Adrian Moser)

Den Aktenkoffer abgestellt, schlüpft ein Mann im Anzug in ein paar dreckige Gummistiefel. Mit diesem Bild und dem Slogan «Bäuerliche Vertretung in den Grossen Rat» macht die Lobag, Landwirtschaftliche Organisation Bern und angrenzende Gebiete, im Kanton Bern Wahlkampf. Die Bauernorganisation macht auch keinen Hehl daraus, dass sie in den Regierungsratswahlen den SVP-Kandidaten Albert Rösti unterstützt. «Für die Regierungsratswahlen werden im Rahmen des Komitees der Berner Wirtschaftsverbände die bürgerlichen Kandidaten sowie im Speziellen Albert Rösti unterstützt», teilte die Lobag Ende Januar mit. Konkret werde sich die Lobag für Rösti mit einem exklusiven Interview in der Mitgliederzeitung der Lobag und Zeitungsinseraten einsetzen, sagt Walter Balmer, Präsident der Lobag. Er habe als Agronom die entsprechende Ausbildung und ein breites Fachwissen. «Als Direktor der Schweizer Milchproduzenten hat er sehr direkt mit der Landwirtschaft zu tun», sagt er. Rösti kenne die Anliegen der Bauern und sei ein «Buregiu».

Auch der amtierende SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus hat eine bäuerliche Herkunft, auf die er gerne hinweist. Trotzdem wird er von der Lobag nicht speziell unterstützt. «Der Entscheid, nur Rösti zu fördern, ist im Vorstand der Lobag breit abgestützt», sagt Balmer. Der Lobag-Vorstand, so BDP-Grossrat und Landwirt Heinz Siegenthaler, ist SVP-dominiert. Er finde es komisch, dass die Lobag aus dem Komitee der Wirtschaftsverbände ausschere und nicht mehr offiziell das bürgerliche Fünferticket unterstütze.

12'000 Bäuerinnen und Bauern

Die Lobag hat guten Grund, unter den Wirtschaftsverbänden ein Sonderzüglein zu fahren, denn was die Lobag sagt, hat Gewicht. «Wenn die Lobag einen Kandidaten unterstützt, werden die meisten Berner Bauern ihn wählen», sagt Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizerischen Bauernverbands (SBV). Denn die Lobag ist im Kanton Bern die Bauernlobby schlechthin. Heute vertrete die Lobag die Interessen von rund 12?000 Bäuerinnen und Bauern im Kanton Bern, heisst es beim SBV. Die Lobag entstand 1997 durch die Zusammenlegung des Bernischen Bauernverbands, des Milchverbands Bern und der Schlachtviehproduzenten Bern. Laut Balmer hat die Lobag rund 8000 Mitglieder. «Eine Wahlempfehlung der Lobag stösst bei den Bauern auf ein grosses Echo», sagt der Berner Politologe Hans Hirter. Aber nicht nur bei den Bauern selbst, sondern auch im Umkreis der Landwirtschaft, etwa beim Landmaschinenmechaniker, Käser oder Handwerker, sei eine solche Empfehlung von Bedeutung. «Die Landwirte berücksichtigen Empfehlungen nicht nur selber sehr stark, sondern beeinflussen auch ihr Umfeld», sagt Hirter. Das Phänomen, dass Kandidaten von der Bauernlobby profitieren, könne immer wieder beobachtet werden. Ein gutes Beispiel sei etwa Landwirt Andreas Aebi (svp), der bei den letzten Wahlen als Newcomer den Sprung in den Nationalrat geschafft hat.

«Ich hoffe natürlich, dass mich die Bauern wählen», sagt Rösti und verspricht den Landwirten auch einiges: Er würde sich dafür einsetzen, dass der Handlungsspielraum innerhalb der Regeln zugunsten der Landwirtschaft ausgenutzt werde, und auch gegen ein Agrarfreihandelsabkommen würde er sich starkmachen. Ob Rösti es nun dank der Unterstützung der Lobag tatsächlich in den Regierungsrat schafft, stellt Hirter infrage. «Aber er hat damit die Chance auf ein gutes Resultat und darauf, nahe an Neuhaus heranzukommen», sagt er. Direkter drückt sich Siegenthaler aus: «Der grosse Schaden trägt Neuhaus, er wird ausgebootet.» Christoph Neuhaus selber nimmt es gelassen. «Ich bin weder überrascht noch brüskiert.» Obwohl er ein Landei sei, wohne er in der Agglomeration. «Ich mache den Ausgleich zwischen Stadt und Land», sagt er.

Biobauern wehren sich

«Die Regierung wird in den Städten gewählt», sagt Siegenthaler, und dort werde Rösti nicht punkten. Zudem gebe es Landwirte, die weder in der Lobag noch in der SVP seien. Die BDP selber sehe sich nicht explizit als Bauernpartei, sondern als Wirtschaftspartei, in der die Landwirtschaft Platz habe. Immerhin seien aber von 18 Grossräten 5 bäuerliche Vertreter.

Nicht einverstanden mit der einseitigen Unterstützung Röstis durch die Lobag ist die Biobäuerin und grüne Grossrätin Kathy Hänni. «Ich habe mich bei der Lobag zur Wehr gesetzt», sagt sie. Die SVP werde zwar auch von Biobauern gewählt. Aber der amtierende Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (sp) vertrete die Anliegen der Biobauern gut und sollte deshalb von der Lobag ebenfalls unterstützt werden. Das regionale Denken der Biolandwirtschaft sei zudem grünes Denken, deshalb sollte auch der grüne Regierungsratskandidat gefördert werden. Die Biobauern seien der Lobag nicht egal und sie würden die Gewichtung verstehen, sagt Balmer. Bauernpartei ist eben nach wie vor die SVP. «Im Emmental und Oberland ist die SVP sehr stark», sagt Hirter. Es gebe auch in der BDP prominente Landwirte, und es wäre vorstellbar, dass die Bauernlobby auch einen Kandidaten aus der BDP unterstützen würde. «Aber die Bauern wählen immer noch sehr stark SVP», sagt Hirter. (Der Bund)

Erstellt: 05.03.2010, 07:41 Uhr

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