Yasmeen Godders Horror à la carte
Keiner im Publikum ahnt, was ihn erwartet. Im Programmblatt ist nichts zu erfahren. Nur die beteiligten Personen sind aufgeführt. Inbal Aloni, Tsuf Itschaky, Shuli Enosh, Sara Wilhelmsson, Matan Zamir. Sowie der Titel, den die israelische Choreografin Yasmeen Godder ihrem Stück gegeben hat, «Singular Sensation». Dazu assoziiert man die Einladung zu einem Überraschungsdiner. Ganz falsch ist das nicht.
Der Tanzteppich leuchtet wie eine Festtafel in frischem Weiss. Rechts und links sind die Teppichsäume in die Höhe gezogen. So bildet sich eine Art Half-Pipe im leeren Raum, auf der zwei Tänzer und drei Tänzerinnen wie auf einem Servierbrett ihre kraftvollen Bewegungshäppchen anrichten. Sie schmecken leicht zuerst, dann immer schwerer verdaulich.
Ein Mann in Shirt und Leggins stellt seine nackten Füsse in das beleuchtete Geviert, das von der Festtafel mehr und mehr zum klinischen Labor mutiert. Und später zum Seziertisch, auf dem in zunehmend ekstatischeren Bewegungsmodulen menschliche Gefühlsäusserungen ausgeschlachtet, Hemmungen über Bord geworfen und Körper gereizt und gepeinigt werden, bis das theatralische Spiel in einer ekelerregenden Reality-Show schliesslich zum Stillstand kommt.
Als wäre der Bühnenraum ein Körper, der gefrevelt wird, so werfen sich die Tanzenden in ihn hinein. Ihre Präsenz ist aufregend und irritierend. Mit Bewegungen wie Skalpellen zerfetzen sie die Unschuld von Zeit und Raum. Und während sich ein grauer monotoner Geräuschteppich wie eine dichte Smogglocke über die kaputte Seelenlandschaft stülpt, werden die Menschen immer verbissener, seelenloser, unempfindlicher. Und der Trieb zum ultimativen Kick wird immer unerträglicher. Die Lust wird zur Leistungsfalle. In einem atemlosen Crescendo werden die feinen Spiele immer deftiger, gewalttätiger, obszöner. Yasmeen Godder zeigt den grossen Seelenhunger als selbstzerstörerische Kraft. Und hält damit der Gesellschaft einen Spiegel vor, der Bilder zeigt, die viele Interpretationen zulassen.
Mit grüner Farbe übergossen, wird ein Mann zum Monster. Eine Strumpfhose wird zur letzten Metapher für Erotik: Sie hängt wie eine elastische Nabelschnur zwischen Mann und Frau. Nichts mehr ist zu retten: Die Blonde im silbernen Glitzertop schneidet sich die Orangenbrüste auf, frisst ihre roten Krallen und kotzt sie wieder aus. Rot spritzt es auf den Boden wie Blut, in dem sich die Liebeskranken wälzen. Der Gott der Triebe, wie ihn die Choreografin zeigt, ist ein tauber Wüterich mit glühenden Blinkaugen, Stachelohren aus Spaghettibüscheln und mumifiziertem Plastikkopf. Er lässt den Irrsinn zu, aus dem es nur ein Entrinnen gibt, Verweigerung.
Die Frage steht im Raum: Wie findet der Mensch in der von Reizen überfluteten Welt noch Lust, sinnliche Erfahrung, Erregung? Was bringt den Kick? Wie weit kann Erregung gesteigert werden, bevor die Kurve knickt und die Lust in Abstumpfung, der «Thrill» in lähmende Erschöpfung mündet? Das Thema, für das Yasmeen Godder eindringliche Bilder findet, trifft einen Nerv der Zeit. Man assoziiert vieles, wenn man über die Bilder hinausdenkt, die sie skizziert. Brillant würde man dieses eklige Kabinett nennen, wäre man nicht Mensch und damit selber betroffen. (mks) (Der Bund)
Erstellt: 30.10.2009, 10:34 Uhr
Bern
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