Bern

Perspektiven: Wie viel Monopol braucht der Mensch?

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 10.05.2010 3 Kommentare

SRG-Bashing, das genussvolle Herumhacken auf unserer Quasi-Monopolmedienanstalt, ist wieder im Schwange. Gründe dafür gibt es genug.

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47 Millionen Franken Defizit 2009; 75 Millionen sollen es 2010 werden, womit sich die Verluste der letzten fünf Jahre auf 220 Millionen summieren würden, verkündete SRG-Präsident Jean-Bernard Münch dieser Tage. Das mit penetranter Routiniertheit vorgebrachte Begehren nach Erhöhung der Radio- und Fernseh-Zwangsabgaben passt ins Bild, ebenso deren wenig subtile Eintreibung durch die Billag. Die Attacke gegen private Anbieter im Internetgeschäft muss alle alarmieren, welche an die Privatwirtschaft glauben und nicht zulassen wollen, dass diese durch zwangsfinanzierte, halbstaatliche Firmen ruiniert wird. Ein Generaldirektor, der sich in beinahe Sepp-Blatter-hafter Abgehobenheit gefällt, verbessert das Image ebenfalls nicht. Und dann sind – während man den Radiostationen keine gravierenden Qualitätsmängel vorhalten kann – gewisse Fernsehprogramme in ihrer Dürftigkeit etwa so weit vom oft zitierten Service public entfernt wie «Hanna – Folge deinem Herzen» von Shakespeare.

Alle sparen – ausser der SRG

Ein letzter Grund für die Häme sei hier eingestanden: Neid. Wo Defizite gemacht werden, muss man sparen; das gilt für alle – ausser für die SRG. Wir Arbeitnehmer der gedruckten Presse, ebenso wie jene der Privatradios und -TV, haben schmerzhafte Restrukturierungen hinter uns; Kolleginnen und Kollegen haben ihre Stellen verloren; es findet ein Konsolidierungs-, Konzentrations-, Optimierungsprozess statt, wie ihn die Presse noch kaum erlebt hat.

Die Verhältnisse bei der SRG wirken demgegenüber idyllisch. Zwar redet Generaldirektor Armin Walpen von Sparpaketen von 2005 bis 2010, mit denen die SRG insgesamt 130 Millionen Franken gestrichen habe («Bund» vom 5. Mai). Man stellt jedoch fest, dass die Personalkosten im Krisenjahr 2009, als viele Zeitungen diese rabiat senken mussten (auch der «Bund»), bei der SRG konstant geblieben sind und auch im laufenden Jahr nur «plafoniert» werden. Der Spardruck ist also, trotz gegenteiliger Verlautbarungen ihrer Führung, am SRG-Hauptsitz offensichtlich noch nicht mit voller Wucht angekommen.

Maximalforderung des Personals

Die SRG muss also zum Sparen gezwungen werden, denn eine Gebührenerhöhung, über die der Bundesrat in den kommenden Wochen entscheiden muss, ist politisch kaum durchsetzbar und wäre im momentanen wirtschaftlichen Umfeld auch störend. Ein paar Verleger haben sich diese Woche nicht ganz uneigennützige Gedanken darüber gemacht, wo der Rotstift angesetzt werden könnte. Die Mediengewerkschaft SSM gibt, ebenfalls nicht uneigennützig, Gegensteuer und versucht, in der Öffentlichkeit eine Sympathie-Grundwelle zu erzeugen. Der Titel der Kampagne – «Pro SRG – das volle Programm» – zeigt die Stossrichtung an: alles behalten, nichts streichen, nichts sparen. Das Publikum, welches mit den SRG-Programmen durchaus zufrieden sei, werde jetzt zu Wort kommen, hoffen die Personalvertreterinnen und -vertreter. Wir werden ja sehen.

Aufgeblähte Generaldirektion

Tatsächlich setzt am falschen Ort an, wer zuerst Programme zusammenstreichen und Sender schliessen will. Dort zu sparen, wo Produkte hergestellt und Kunden bedient werden, wo also die Wertschöpfung erzielt wird, darf nur der zweite Schritt sein. Wie in anderen Grossunternehmen auch hat sich an der Spitze der SRG, rund um die Fürsten, die sie in den letzten Jahrzehnten regiert haben, ein Wasserkopf aufgebläht, der nur Kosten verursacht, aber keinen Mehrwert generiert: alle möglichen Stäbe, Personaladministrationen, Support- und Monitoring-Einheiten, Projektorganisationen, Kontrollinstanzen und so weiter.

Chef und Chauffeur

Die gleichen Leistungen der administrativen Zentralverwaltung werden aber auf Ebene der einzelnen Unternehmenseinheiten allesamt nochmals angeboten. So stellt sich als Erstes die Frage nach dem Sinn dieser Über-Administration. Denn ausser der politischen Lobbyarbeit, der Unternehmensstrategie und der Koordination der Unternehmenseinheiten hat die Generaldirektion keine wirkliche Funktion. Um es überspitzt und polemisch zu formulieren: Ein Chef und sein Vize, eine Controllerin, ein Pressesprecher und eine Sekretärin sowie – wir wollen nicht kleinlich sein – ein Chauffeur für die Chef-Limousine müssten eigentlich genügen.

Das Sparpotenzial in der SRG-Zentrale genügt jedoch nicht. Medienminister Moritz Leuenberger und das Bundesratskollegium werden also nicht darum herumkommen, auch harte Fragen zu einzelnen Sendern und Programmen zu stellen. Zum Beispiel diese:

Braucht die Schweiz wirklich 18 Radio- und 9 Fernsehprogramme aus der Küche der Monopolistin SRG?

Müssen die SRG-Radios auch die letzte gefühlte Marktlücke mit Spartenprogrammen ausfüllen?

Muss die SRG ihren Service-public-Auftrag tatsächlich monopolisieren? Gäbe es nicht Möglichkeiten vermehrter Arbeitsteilung zwischen Privaten und der SRG?

Soll die SRG mit ihren ungleich längeren Spiessen die privaten Anbieter auf allen Gebieten, also zum Beispiel auch im Internet, konkurrenzieren?

Müsste man als letzte Konsequenz nicht der SRG Geld wegnehmen, statt noch mehr zuzuschiessen? Sollten wir es nicht wie die Briten halten, wo die BBC die Konzessionsgelder erhält und dafür keine Werbung senden darf, mit welcher sich ausschliesslich die Privaten finanzieren?

Die Frage wird letztlich sein, wie viel Monopolmedien wir wirklich brauchen. Die einzig taugliche Antwort in einem liberalen Staat läge auf der Hand: so viel wie nötig, um den Auftrag des Service public zu erfüllen, und so wenig wie möglich. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2010, 14:56 Uhr

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3 Kommentare

Peter Bieri

10.05.2010, 15:41 Uhr
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Von mir aus genügten drei Programme pro Landessprache, bei denen aber die Sprachbeiträge konzentrierter und zeitlich aufeinander abgestimmt sind. So würde das dauernde Umschalten für die meist sehr interessanten Beiträge mindestens halbiert und das stete Wiederholen derselben uralten amerikanischen Songs und deutschen Schlager könnte auch reduziert werden. Antworten


Andreas Graf

12.05.2010, 10:59 Uhr
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Bei einem Quotient von knapp über 1 Prozent des SRG-Personals scheint es mir doch sehr verwegen, bei der GD von einem „aufgeblähten Wasserkopf“ zu sprechen. Zudem: Eine Konzernspitze erbringt gerade nicht diesselben Leistungen wie einzelne Tochtergesellschaften, sondern strategische und konsolidierende Leistungen. Überlassen wird doch polemische Artikel der Weltwoche, die kann das viel besser ;-) Antworten




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