Perspektiven: Spass am Ende der Krise
Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 22.03.2010
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Das Buch
Roger de Weck: «Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?», Nagel und Kimche, Zürich 2009, 112 S., ca. 17.95 Franken.
So am Mittwochabend, als im Auditorium Maximum der hiesigen Universität FDP-Nationalrat und Unternehmer Johann Schneider-Ammann und Publizist Roger de Weck über dessen Thesen im Buch «Nach der Krise» diskutierten.
Der Titel ist natürlich eine Provokation, sogar eine doppelte: Das Buch erschien letztes Jahr mitten in der Krise. Und automatisch ergänzt man: «Nach der Krise – ist vor der Krise.» Denn wir sind längst nicht aus dem Schneider; das bestätigte auch der besonnene Unternehmer aus dem Emmental.
Auch wenn es wirtschaftlich wieder aufwärts geht: Der Finanzplatz Schweiz ist – ebenso wie jener in London, wie die Wall Street, wie Frankfurt – bisher gesetzgeberisch nicht aufgeräumt worden und könnte jederzeit dieselben katastrophalen Fehler wieder produzieren, die überhaupt zur Krise geführt haben. Dass die UBS, welcher es beinahe gelungen wäre, die Schweiz wirtschaftlich zu versenken, nicht bereit ist, ihre Corporate Governance zu überdenken, hat sie just diese Woche mit der Ankündigung neuer Super-Boni wieder bewiesen; diese werden bezahlt, obwohl die Bank noch immer Milliardenverluste einfährt.
Wenn UBS-Konzernchef Oswald Grübel «nur» den Jahreslohn von drei Millionen einsteckt, jedoch auf den Bonus verzichtet, und sich auch Kaspar Villiger mit der ordentlichen Vergütung als VR-Präsident von 850 000 Franken «begnügt», ist das von doppelter Insignifikanz: Solange Grübel nicht die Autorität hat, seine Topmanager ebenfalls zum Verzicht zu bewegen, hat seine Geste nicht einmal Symbolwert. Jene Villigers ist gänzlich sinnentleert: Er hatte schon bei seiner Wahl ins UBS-Präsidium vor einem Jahr verkündet, sich mit den 850 000 Franken zufriedenzugeben. Zu verzichten gibt es also in seinem Fall gar nichts.
Straffere Regulierung – aber wie?
Ökonom de Weck fordert in seinem Buch, dies im Gegensatz zum zurückhaltenden Politiker Schneider-Ammann, eine viel straffere Regulierung der Finanzmärkte. Johann Schneider-Ammann hingegen glaubt noch, dass Appelle an die Vernunft genügen müssten. Die Haltung, welche die UBS dieses Woche an den Tag gelegt hat und die Credit Suisse an den Tag legen wird, wenn sie demnächst Bonuszahlungen in der Grössenordnung von gegen zwei Milliarden Franken auslösen wird, scheint de Weck recht zu geben.
Doch wer diese Regeln erlassen soll, diese Frage beantwortet «Nach der Krise» allerdings nicht. Der Autor gesteht unumwunden ein, keine politischen Lösungsansätze anbieten zu können: Auch der Regierung Obama und dem Kabinett von Gordon Brown scheint es nicht zu gelingen, ihre Finanzmärkte in den Griff zu bekommen. Umso weniger dürfte die Schweiz – und das erst noch im Alleingang – dazu in der Lage sein.
Erschütterte Grundpfeiler
Denn wir sind zwar am Ende einer Wirtschaftskrise, doch unsere Institutionen haben sich noch längst nicht erholt. De Weck und Schneider-Ammann sind gleichermassen skeptisch, was die Grundpfeiler der schweizerischen Gesellschaft anbetrifft. Einige von ihnen sind schwer erschüttert:
Die Landesregierung, die seit 1848 stets eine pragmatische, lösungsorientierte Politik betrieb, funktioniert als Gremium nur noch mangelhaft. An die Stelle der Kollegialität ist Rivalität getreten; statt «alle gemeinsam» ist die Losung «jeder gegen jede» getreten.
Die Politik als Gesamtheit jener, die sich in der Polis, im Staatswesen engagieren, ist in Misskredit gebracht worden – von Politikern selber, die aus Profilierungssucht und egoistischem Machtstreben alle andern als «Classe politique» verächtlich machen. An die Stelle der harten politischen Auseinandersetzung ist der Krawall zum Grundprinzip der Ausmarchung geworden – aktiv gefördert von Gladiatorenveranstaltungen wie der «Arena» im Schweizer Fernsehen.
Viele Medien haben die politische Information mehr und mehr durch Personifizierung und Boulevardisierung ersetzt. Statt seiner politischen Argumente stehen heute bei einem Politiker Privatleben, Frisur, Lebenspartner oder die Sockenfarbe im Mittelpunkt des medialen Interesses. Politik an sich gilt vielen als unverkäuflich.
Die Gerichte geraten unter politischen Druck – nicht im gleichen Mass wie in Italien, aber wir müssen uns ja nicht gleich mit der berlusconischen Semi-Demokratur vergleichen. Statt ihre Unabhängigkeit zu akzeptieren, stellen Politiker und Behörden Gerichtsurteile infrage oder brüsten sich offen damit – wie unlängst der Chef der Finanzaufsicht Finma –, sie würden diese notfalls glatt missachten.
Die SRG idée suisse steht ebenfalls unter politischem Dauerstress, momentan vor allem im Zusammenhang mit den Zwangsabgaben, mit denen sie finanziert wird. Laut Roger de Weck trägt sie zum Zusammenhalt des Landes Wesentliches bei.
Allerdings ist die Krise hausgemacht: Das Fernsehen ist wegen einseitiger Abstützung auf die Einschaltquote von einem «Service publique»-Medium zum seichten Sammelbecken des Unterhaltungs-Trash geworden. Und das Radio hat sich – statt sich auf seine Kernaufgaben Information (DRS 1) und Kultur (DRS 2) zu fokussieren – in Verästelungen hinaus verzettelt, die kaum mehr überblickbar sind. Offenbar soll noch die letzte radiofone Marktlücke von einem öffentlich-rechtlichen Spartensender aufgefüllt werden.
Die Analyse über den Allgemeinzustand des Landes stimmt nicht gerade hoffnungsfroh. Roger de Weck bleibt trotzdem Optimist, denn «Optimisten haben mehr Spass».
(Der Bund)
Erstellt: 22.03.2010, 11:55 Uhr
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