Bern

Perspektiven: Moralinsauer, pingelig, hysterisch

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 07.06.2010

Die Medien – oder sagen wirs selbstkritischer und ehrlicher: wir Journalisten – haben einen Hang zur öffentlichen Schnelljustiz entwickelt.

?Deutschlandkorrespondent David Nauer brauchte nach dem Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler in seinem Kommentar («Bund» vom 1. Juni) harte Worte: Nach einem Interview des Präsidenten, in welchem sich dieser missverständlich ausgedrückt hatte, «brach ein Sturm der Entrüstung los. Reflexartig regten sich Medien, Politiker und Experten über den Bundespräsidenten auf. Von ‹Kanonenboot-Politik› war die Rede, das Staatsoberhaupt führe sich auf wie ein ‹englischer Imperialist im 19. Jahrhundert›. Manche Kritiker sahen schon die Verfassung verletzt. (. . .) Statt über Inhalte zu reden, spielten die Wortführer der Öffentlichkeit auf den Mann. Diese Empörungsmaschinerie ist inzwischen Alltag in Deutschland. Sie kann jeden treffen, der ein falsches Wort sagt – oder ein fverlaufen diese Debatten meistens.»

Öffentliche Schnelljustiz

Alltag in Deutschland? Auch Alltag in der Schweiz. Die Medien – oder sagen wirs selbstkritischer und ehrlicher: wir Journalisten – haben einen Hang zur öffentlichen Schnelljustiz entwickelt, zum voreiligen Verdikt, zum publizistischen Scherbengericht ohne Anhörung der Angeklagten, ohne faires Verfahren, ohne Rekursmöglichkeit.

«Wenn Nieten regieren», heisst es zum Beispiel pauschal unter einem Konterfei von Leuthard, Calmy-Rey, Merz, Widmer-Schlumpf und Couchepin auf der Titelseite jener Zürcher Wochenzeitschrift, die sich im Einklang mit Christoph Blocher den Krieg gegen die «Classe politique» aufs Banner geschrieben hat. Sie führt seit Monaten eine hysterische Kampagne gegen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, seit Wochen eine gegen den neuen SRG-Generaldirektor Roger de Weck, seit Jahren eine gegen Bundesrat Moritz Leuenberger.

Man braucht allerdings nicht so weit zu suchen; wir alle neigen dazu, lauthals die Rücktritte von Politikern zu fordern, Banker kollektiv in der Rubrik «Abzocker» zu schubladisieren und bei jedem nicht ganz koscheren Vorkommnis «Skandal!» oder «Affäre!» zu gackern.

Infos, grosszügig garniert

Da, wo Skandal oder Affäre wirklich gegeben sind, erhärtet aus Recherchen und Erkenntnissen, ist gegen die Etikettierung nichts einzuwenden. Aber da, wo Journalisten aus halb ausgegorenen Informationen und halb abgeschlossenen Recherchen, garniert mit viel Interpretation, grosszügiger Weglassung jener Fakten, die der eigenen These in die Quere kommen, und dick aufgetragener Meinung «Skandale» und «Affären» zusammenkleistern, wird es heikel für unseren Berufsstand. «Mid-Risk-Journalismus» hat ein ehemaliger Chefredaktor diese Art Journalismus genannt; nicht wirklich erstaunlich, dass er für eine am Sonntag publizierte Zeitung tätig war.

Der Hang zum halb garen Instant-Journalismus hat logische Gründe:
¬ Während sich «Kommunikations»- und PR-Abteilungen der Konzerne und der öffentlichen Verwaltung ins Masslose aufblähen, sind viele Redaktionen, die ihnen Paroli bieten sollten, bis auf die Knochen abgemagert. Die seriöse, zeitintensive Überprüfung von Fakten ist kaum mehr möglich.

¬ Hinzu kommt die mörderische Beschleunigung des Nachrichtenflusses: Über Ereignisse muss im Internet schon berichtet werden, bevor sie richtig stattgefunden haben.

¬ In der Kakofonie der Meinungen muss man immer gellender schreien, um gehört zu werden.

¬ Das Internet liefert die Schleichwege, die diskret am steinigen journalistischen Pfad vorbeiführen: Früher gab es den berühmten «ins Archiv delegierten Sonderkorrespondenten», heute gibt es den Copy-Paste-Virtuosen. Wikipedia macht die Nicht-Recherche leicht.

Ein Sündenbock für jede «Affäre»

Aber wir Medienschaffenden sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter (wobei uns unser Publikum zu den Taten animiert): Die Personifizierung des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Geschehens ist ein Übel unserer Zeit. Alles muss ein «Gesicht» haben, von der Bankenpleite über die Personenfreizügigkeit bis zum griechischen Staatsbankrott. Und für jede «Affäre» muss ein Sündenbock benannt werden, den man umgehend hinrichten kann.

Allerdings verdankt man uns diese willfährige Anpassung an den Zeitgeist und den Mehrheitsgeschmack nicht. Im «Bund» vom 20. Mai haben wir eine repräsentative Umfrage abgedruckt, die eine breite politische Misere in der Schweiz aufdeckte: Bundesrat, Parlament, Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften, die Wettbewerbskommission, die Finanzmarktaufsicht, Grossfirmen allgemein und ganz besonders die Banken erhalten ungenügende Noten; das Misstrauen wächst.

Vom Gesetzgeber verlangen die Befragten genau das, was ihnen die eidgenössischen Räte – am heftigsten jene Volksvertreter, welche die «Volksrechte» zum höchsten und einzigen politischen Massstab ernannt haben – offensichtlich verweigern, wie die ersten Tage der Sommersession gezeigt haben: eine schärfere Überwachung der Banken, Kontrolle und Besteuerung der Boni, Limitierung der Grösse von Finanzinstituten, eine stärkere Landesregierung und so weiter.

Was uns Journalisten aber besonders erschüttern müsste, ist das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird – oder besser gesagt der Mangel daran: Gerade 32 Prozent der Bevölkerung, ein knappes Drittel, halten die Medien für völlig oder ziemlich vertrauenswürdig; 45 Prozent finden, sie hätten «nicht wirklich» Vertrauen in uns, 21 Prozent «überhaupt nicht».

Während wir uns laut johlend auf die echten und vermuteten Fehler unserer Regierenden stürzen und so das Ansehen ihrer Ämter auch dort beschädigen, wo dies nicht gerechtfertigt ist (siehe Bundespräsident Köhler), schweigen wir verschämt über unsere eigenen Verirrungen und Verfehlungen. Das ist, ich gesteh es ungern, ein Skandal! (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2010, 14:35 Uhr


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