Perspektiven: Asche aufs Haupt
Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 26.04.2010
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Zwar hat nicht die aus Island herübergewehte Asche den europäischen Flugbetrieb zum Erliegen gebracht, sondern nur die potenzielle, per Computersimulation ermittelte Gefahr, die von ihr ausging, doch auf den Effekt hatte das keine Auswirkung: Die meisten Passagierflugzeuge blieben am Boden; allein bei der Swiss fielen 1884 Flüge aus; 202 184 Leute konnten gebuchte Flugreisen nicht antreten.
Viele ergaben sich ihrem Schicksal, zumal es sinnlos ist, gegen Phänomene anzukämpfen, auf die man eh keinen Einfluss hat. Lärmgeplagte Anwohner erfreuten sich hingegen der ungewohnten Stille in ihren An- und Abflugschneisen; und sogar der eine oder andere jetsettende Businessman oder sonstige Meilensammler merkte plötzlich, wie schön ein Leben ausserhalb der Flughäfen sein kann.
Kommentatoren schwärmten von der forcierten Entschleunigung, und es soll sogar billigfliegende Routinetouristen gegeben haben, welche ernsthaft daran dachten, den nächsten Urlaub im Wallis, am Vierwaldtstättersee oder im Tessin zu verbringen statt in Phuket oder Rio.
Doch hat die ganze Idylle, nüchtern betrachtet, etwas zutage gefördert, woran man sich lieber nicht erinnern mag: Wir sind total der Technik ausgeliefert; der alten – immerhin hupften die ersten Flugmaschinen vor mehr als einhundert Jahren – und erst recht der modernen: Nicht auszudenken, wenn die Asche, statt virtuell Triebwerke zu gefährden, unsere Computersysteme und Netzwerke lahmgelegt hätte: Nichts funktionierte mehr, gar nichts.
Wir streuen Asche auf unser Haupt und reduzieren sofort unsere Abhängigkeit auf ein Mass, das uns das Überleben auch ohne Flugverkehr und ohne Elektronik sichern würde. – Denkste! Schon besteigen wir wieder die Airbusse und Boeings, und von unsern PCs, Apples und Internets mögen wir uns erst recht nicht abnabeln; Lernfähigkeit ist keine nachhaltige Eigenschaft des Menschen, auch wenn er sich selbstbewusst « sapiens» nennt. (Der Bund)
Erstellt: 26.04.2010, 14:46 Uhr
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