Lieb sein macht keine Arbeit
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 22.12.2009
Sie glaube noch immer daran, dass eine Beziehung zwischen einer Schweizerin und einem Muslim möglich sei, sagt meine Cousine Simona*. Aber es sei anspruchsvoll. Viel anspruchsvoller, als sie je gedacht habe.
Meine Cousine war mehr als zehn Jahre mit einem Ägypter zusammen. Sie haben einen gemeinsamen Sohn. Im letzten Jahr haben sie sich getrennt – es war am 1. August. Er packte seine Sachen, als draussen die Raketen knallten, und sie hatte nichts dagegen.
Es ist dies nicht nur eine Geschichte einer binationalen, bireligiösen Beziehung, die gescheitert ist. Es ist auch eine Geschichte über den Umgang einer Schweizer Familie mit einem Muslim. Ein Umgang, der vielleicht auch bezeichnend ist. Wir waren immer nett und freundlich. Wir waren offen, aber wir waren selten wirklich neugierig. Und wir haben zu wenig von ihm verlangt, vielleicht nur aus Bequemlichkeit und bestimmt dem Frieden zuliebe.
Simona reiste 1997 nach Ägypten in die Ferien, Ahmed arbeitete als Réceptionist in einem Hotel. Sie hatte eine gescheiterte, ebenfalls binationale Ehe hinter sich, aus der sie auch ein Kind hat. Als sie mit der Nachricht zu uns kam, sie habe sich in einen Ägypter verliebt und sei schwanger, stiess dies in der Familie nicht auf Begeisterung. Es herrschte schon da eine gewisse Multikulti-Ernüchterung. Ein Krisengipfel wurde einberufen.
«Beweisen, dass es möglich ist»
Zu jener Zeit lief der Song «To Zion» von Lauryn Hill im Radio. Darin hiess es: «I knew his life deserved a chance, but everybody told me to be smart, (...) Use your head, but instead I chose to use my heart.» Auch meine Cousine gebrauchte ihr Herz. Sie wanderte zwar nicht nach Ägypten aus, wie sie zuerst noch geplant hatte, aber sie entschied sich für die Beziehung und für das Kind. Ahmed kam in die Schweiz. Und Simona gab alles, damit die Beziehung funktionierte. Schliesslich war da ein gemeinsames Kind, und schliesslich hatte sie schon eine zerbrochene Ehe hinter sich. «Ich wollte mir und der Welt beweisen, dass es möglich ist», sagt sie heute.
Um den Beweis zu erbringen, nahm Simona vieles in Kauf. Am schwersten hat die Tatsache gewogen, dass Ahmed in Ägypten auch Frau und Kinder hat. Etwas, was für sie schmerzlich war. Aber sich scheiden zu lassen, sei für ihn nicht infrage gekommen. Schon, wenn sie versucht habe, das Thema anzusprechen, habe er abgeblockt, sagt Simona. Eine Scheidung hätte den Bruch zwischen zwei Grossfamilien bedeutet. Ahmed hat seine erste Familie von der Schweiz aus weiterhin finanziell unterstützt. «Das war ein enormer Druck für ihn, da er natürlich auch hier seinen Teil leisten musste», sagt sie. Und auch aus religiösen Gründen: «Nach seinem Glauben würde er in die Hölle kommen, für das, was er tat.»
Kontakt zu Freunden brach ab
Das erste Jahr sei schlimm gewesen, erinnert sich Simona. Ahmed sei schlicht überfordert gewesen mit dem Leben hier, obwohl er in Ägypten ein vergleichsweise westliches Leben geführt habe. Ständig seien ihr «Fehler» unterlaufen, die für sie keine waren – aber es waren Ereignisse, welche die Beziehung von Beginn weg belasteten. So hätten sie sich einmal mit einem befreundeten Paar zum Essen getroffen, es war dessen erste Begegnung mit Ahmed. Sie habe wie üblich dem Mann drei Küsschen zur Begrüssung gegeben – Ahmed sei darauf gleich «der Laden runter». Den ganzen Abend habe er kein Wort gesagt. Der Kontakt mit dem befreundeten Paar brach daraufhin ab.
Ahmed konnte zuerst nicht akzeptieren, dass sie mit Freundinnen in den Ausgang ging. Als sie es einmal trotzdem tat, habe er ihr siebzig SMS geschrieben an einem Abend. «Da ich merkte, wie sehr er mit hiesigen Gepflogenheiten Mühe hatte, versuchte ich, sachte vorzugehen», sagt Simona. Und das funktionierte tatsächlich. Aber als er sich allmählich an hiesige Gepflogenheiten gewöhnte, war es fast schon zu spät. Alte Freunde hatten sich aus Unverständnis von meiner Cousine abgewendet. «Das war ein hoher Preis, den ich bezahlen musste», sagt sie heute. Und da ist kein Selbstmitleid in ihrer Stimme.
Auch Ahmed gab sich Mühe, er versuchte, eine gute Arbeit zu finden – eine, die auch seinen Fähigkeiten entsprach. Er hat eine enorm charmante, gewinnende Seite. Aber eine Stelle als Réceptionist fand sich keine, der fehlenden Ausbildung wegen. Stattdessen liess er sich zum Gabelstapelfahrer ausbilden. Als er dann eine Stelle fand, die ihm Freude bereitete, erlebte er eine herbe Enttäuschung – wahrscheinlich war sie auch ein Wendepunkt für die Beziehung. Sie war wohl wie ein Signal für Ahmed: Wer sich Mühe gibt, wird letztlich nur bestraft. Ahmed arbeitete in einem grösseren Take-away-Restaurant an der Theke. Die Arbeit gefiel ihm. Er war fleissig und freundlich. Aber es gab dort eine Gruppe von Angestellten, Ex-Jugoslawen, die organisiert betrogen. Zuerst versuchten sie ihn in die Sache hineinzuziehen, da er aber nicht mitmachen wollte, mobbten sie ihn. Er meldete die Sache beim Chef, einem Schweizer, doch dieser schenkte ihm keinen Glauben. Ahmed wurde fristlos entlassen. Ein halbes Jahr später flogen die Betrügereien auf, da Videokameras installiert worden waren. Die Betrüger wurden gefeuert.
Einzelgänger in der Schweiz
Ahmed hatte oft Anstellungen, wo verschiedenste Nationalitäten zusammenkamen. «Melting Pots», die oft eher Dampfkessel waren. Oft fluchte Ahmed über die «Jugos», über Tamilen. Dass er derselben Regung erlagt, unter der er selber litt, schien er nicht zu durchschauen. In der Schweiz wurde er zunehmend zum Einzelgänger. Echte Freunde hatte er nicht, suchte sie auch nicht. Er habe kein Vertrauen aufbauen können, sagt Simona, selbst zu Landsleuten nicht, mit denen er bloss losen Umgang pflegte.
Und er wurde hier in der Schweiz immer gläubiger. Er habe sich immer mehr der Religion zugewendet, um sich nicht ganz zu verlieren, glaubt Simona. Der Glaube ist zu seinem Obdach in einer Welt geworden, die – in seiner Optik – gegen ihn ist. Ahmed isst kein Schweinefleisch, trinkt keine Tropfen Alkohol, raucht nicht, hält sich an den Ramadan und betet, zu Hause, aber nie in der Moschee. Mit seiner festen Überzeugung stand Ahmed unter seinen muslimischen Kumpels meist alleine. Viele von ihnen tranken Alkohol, assen gar Schweinefleisch.
Dass sie keine Muslimin sei, sei für Ahmed nie ein Problem gewesen, sagt meine Cousine. Er störte sich aber daran, dass sie nicht gläubig sei, sich kaum mit dem christlichen Glauben auseinandersetze. «Er weiss über die Bibel viel besser Bescheid als ich — das hat er mir immer wieder vorgeworfen», sagt Simona. Die Ausübung seines Glaubens habe aber nie eine Schwierigkeit für die Beziehung dargestellt. «Das Beten, das Fasten – das war nie ein Problem.» Schwieriger waren politische Fragen, die mit der Religion verbunden waren. Kurz nachdem Ahmed in die Schweiz kam, geschah 9/11, danach kamen die Kriege in Irak und Afghanistan. Das Verhältnis des Westens zu den Muslimen veränderte sich – und umgekehrt. Auch Ahmed konnte sich dem Sog der Radikalisierung nicht entziehen. Die USA, sie sind zu seinem grossen Feindbild geworden. Und Israel war es immer schon. An einem Familienfest liess er einmal die Bemerkung fallen, dass er bei einem Krieg gegen Israel in der ersten Reihe stünde.
Heiklen Gesprächen ausgewichen
Es waren solche Sätze, die wir nicht hören mochten. Heiklen Diskussionen sind wir zunehmend aus dem Weg gegangen. Wenn man schon mal zusammenkam, wollte man schliesslich nicht ständig streiten. Unser Umgang mit Ahmed war liebevoll, man umarmte sich beim Verabschieden. Aber lieb sein macht keine Arbeit. Wir haben unseren Standpunkt zu wenig vertreten – vielleicht hätte er dadurch mehr gespürt, dass er uns wichtig ist. Und wir konnten uns dadurch auch nie von ihm eines Besseren belehren lassen.
Er tat aber auch das seine, dass er nie Teil der Familie wurde: Er suhlte sich in seinen Vorurteilen. Er betonte stets, wie sehr er sich nach einer Grossfamilie sehnt, hat sich aber nicht bemüht, den Kontakt zu intensivieren. Irgendwann hat er ausgeklinkt: Bei Familienfesten suchte er fadenscheinige Begründungen, um abzusagen. Unsere Familie habe nichts falsch gemacht, findet meine Cousine. Wir seien offen und tolerant gewesen. Und wollten nur, was viele Schweizer wollen: Keine Fehler machen, nicht ins Fettnäpfchen treten, wir gingen Konfrontationen aus dem Weg. Aber Simona, die sozialdemokratisch wählt, findet auch: «Etwas mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen täte uns gut – und würde Migranten bei der Integration helfen.»
Die eigenen Geschichte mit Ahmed hat Simona zur Überzeugung gebracht: Wenn Migranten im Alltag unsere Haltungen nicht spüren, dann klammern sie sich verstärkt an das Leben, das sie aus ihrer Heimat kennen. Es braucht aber nicht nur feste Überzeugung von unserer Seite, sondern auch ehrliches, offenen Interesse. Und das wurde Ahmed ebenso selten entgegengebracht. Letztlich seien es nicht die kulturellen oder religiösen Unterschiede gewesen, die die Beziehung scheitern liessen – zumindest nicht direkt, sagt Simona. Aber als bireligiöses Paar seien sie vor einem Berg an Alltagsproblemen, Familienkonflikten und Integrationsaufgaben gestanden – und diesen Berg hätten sie gemeinsam nicht gemeistert, da sie charakterlich zu verschieden gewesen seien. Und da sie als binationales Paar zudem auch durchs soziale Netz gefallen seien, habe sie sich mit dieser Herkulesaufgabe oft auch ziemlich alleine gelassen gefühlt.
Seit Trennung kein Kontakt mehr
Ahmed wohnt noch immer in der Schweiz. Zurzeit weilt er gerade in Ägypten, daher ist seine Sicht nicht Teil der Geschichte. Eine Rückkehr nach Ägypten ist für ihn kein Thema, in seiner alten Heimat fühlt er sich auch nicht wohl. Er sei zwischen Stuhl und Bank gefallen, sagt meine Cousine. Seit der Trennung habe ich ihn nicht mehr gesehen – wie meine ganze Familie. Wir haben ihn nicht angerufen, er hat sich nicht gemeldet.
*Namen von der Redaktion geändert (Der Bund)
Erstellt: 22.12.2009, 08:35 Uhr
Bern
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





