Startseite · Immobilien · Job · Dating · Auto
 

Bern

Die Einsamkeit des jungen Muslim

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 17.12.2009

Ein junger Iraner befürchtet, nach dem Ja zum Minarett-Verbot in der Schweiz keine Stelle zu finden, und kapselt sich stärker ab. Viele Lehrlinge, darunter auch Muslime, sind allerdings gegen die Türme.

Lejla Sakic (rechts) und Gaëlle, angehende Optikerinnen, befürworten beide das Minarett-Verbot. (Adrian Moser)

Lejla Sakic (rechts) und Gaëlle, angehende Optikerinnen, befürworten beide das Minarett-Verbot. (Adrian Moser)

Alte Idee nimmt erneut Anlauf

Das Ja zur Anti-Minarett-Initiative hat bei Jung (siehe Text oben) und Alt, im Ausland und in der Schweiz tiefe Gräben aufgerissen. Als Kitt könnte nun möglicherweise eine Idee herhalten, die noch vor zwei Jahren keine Gnade beim nationalen Parlament fand: das Integrationsgesetz, das die FDP bereits 2007 lanciert hatte. Einen entsprechenden Vorstoss hat die Partei vor Kurzem erneut eingereicht; er dürfte nächstes Jahr behandelt werden.

Seit Januar 2008 gilt in der Schweiz das neue, strenge Ausländergesetz. Dieses enthält zwar Paragrafen zum Thema Integration, doch FDP-Nationalrat Phillip Müller findet, dies genüge nicht. «Beim Vollzug hapert es», sagt er. «Es braucht einen Imperativ, eine verbindlichere Formulierung als ein paar Paragrafen im Ausländergesetz.» Heute nähmen nur einzelne Kantone, zum Beispiel Basel-Stadt, Integration wirklich ernst und hätten Gesetze erlassen.

Inhaltlich müssten diese mehr Fleisch am Knochen haben als nur die Verpflichtung zu Sprachkursen. «Integrationsvereinbarungen könnten etwa Menschen dazu verpflichten, sich mit den hiesigen Spielregeln in der Politik vertraut zu machen, und Eltern, sich darum zu kümmern, was ihre Kinder in der Schule lernen.»

Im Kanton Bern wurde im November 2007 eine Motion der Grünen überwiesen, die verbindliche Richtlinien nach Basler Vorbild fordert anstelle der allgemein gehaltenen Formulierungen des bernischen Integrationsleitbilds, das heute für Ausländerinnen und Ausländer gilt.

Salar Kijani hat Angst, weil die Schweiz keine Türmchen mehr auf muslimischen Gebetshäusern will. Der 20-jährige angehende Polymechaniker fürchtet sich indes nicht vor wackeren Kreuzrittern, die Musliminnen das Kopftuch entreissen – seine Ängste sind weit profaner und realitätsnäher. Er, der mit seiner Familie vor vier Jahren dem religiösen Wahn in Iran entfloh, hat nun Angst, als religiöser Fanatiker abgestempelt zu werden und keine Stelle nach der Lehre zu finden. Im Zuge der Abstimmung über die Anti-Minarett-Initiative vom 29. November hat die Frage nach dem Zusammenleben von Orient und Okzident viel Platz in seinem Leben eingenommen. «Bei dem Volksentscheid ging es doch eigentlich darum, ob wir in der Schweiz weiterhin willkommen sind», sagt er. Jeden Tag habe er Zeitung gelesen, am Familientisch, im Freundeskreis und in der Schule darüber diskutiert. «Die letzten Wochen waren schwer für mich. In meiner Klasse war ich der einzige, der sich gegen die Initiative ausgesprochen hat. Ich habe mich sehr einsam gefühlt.»

Die Lehre von der Toleranz

Tatsächlich sind Kijanis Kolleginnen an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (Gibb), die ebenfalls mit dem «Bund» sprechen wollten, für das Minarett-Verbot. Es sind dies Lejla Sakic – Muslimin aus Bosnien, 19 Jahre alt und angehende Optikerin – und Gaëlle, eine 18-jährige Schweizerin, die ebenfalls eine Lehre als Optikerin macht und ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch wenn dieser Befund für die Gibb nicht repräsentativ ist: Es ist bekannt, dass besonders viele Frauen und junge Leute Ja gestimmt haben. Zudem erzählt Lehrer Hanspeter Tanner, dass er mit seinem Nein bei den Schülern eher allein auf weiter Flur gestanden habe. «Noch nie haben wir so emotional über ein politisches Thema diskutiert.»

«Zu Hause, in der Schule und bei der Arbeit hat man eine Zeit lang kaum noch über etwas anderes geredet», sagt Gaëlle. Freundschaften seien am Minarett zwar nicht zerbrochen, unterschiedliche Meinungen aber schon aufeinander geprallt. «Mein Ja stand nicht von Anfang an fest. Als ich mich aber entschieden hatte, konnte ich offen dazu stehen, auch wenn mir einige Kollegen sagten, meine Haltung widerspreche den Menschenrechten.» Sie fürchte sich nicht vor einer angeblichen Islamisierung, setze Islam nicht mit Terror gleich, sei nicht rassistisch und finde das berüchtigte SVP-Plakat übertrieben und daneben. Gläubig sei sie auch nicht, auf Kirchtürme könnte sie ebenfalls verzichten. «Ich habe Ja gestimmt, weil es nicht geht, dass Christen in vielen muslimischen Ländern keine Kirchen bauen dürfen.» Die Initiative sei die einzige Möglichkeit, diesen Staaten den Spiegel vorzuhalten und vielleicht mehr Toleranz durchzusetzen.

Muslime rücken näher zusammen

Lejla Sakic lächelt, scheint sich nicht angegriffen zu fühlen. «Ich bin Gaëlles Meinung, weil mir ein Minarett in der Schweiz komisch vorkommt. In Bosnien hingegen gehört es dazu.» Allerdings reiche es dort, 20 Meter weiterzugehen, um mit ziemlicher Sicherheit auf eine Kirche zu treffen. «Dass Islam heute oft mit Terror gleichgesetzt wird, finde ich hingegen daneben.» Im Grunde genommen sei ihre Mentalität jedoch eher schweizerisch als bosnisch, und ihre Meinung zu den Minaretten habe sich vor allem in der Schule gebildet. Beide jungen Frauen betonen, dass sie im Ausgang noch nie schlechte Erfahrungen mit aufdringlichen muslimischen Männern gemacht hätten. «Wir können uns schon durchsetzen», sagen sie.

Ganz anders hat Kijani den Abstimmungskampf und seine Nachwehen erlebt. «In der Schule, im Bus und bei der Arbeit sprechen die Menschen nun abfällig über Muslime, das macht mich traurig.» Radikaler stimme ihn das Resultat aber nicht, er wolle weiterhin bloss beten, den Ramadan mitmachen und in die Moschee gehen. In der Schweiz sei es sowieso unmöglich, streng gläubig zu leben, dazu fehle eine Moschee mit richtigen, weissen Minaretten. «Meine muslimischen Freunde sind aber schon sauer, wir sprechen jetzt viel offener über unsere Probleme hierzulande.» Die Abstimmung habe sie zusammengeschweisst. «Wir bleiben lieber unter uns, wenn man uns hier nicht will.» Auch das iranische Fernsehen habe das Schweizer Votum als ersten Schritt Richtung Ausschaffung europäischer Muslime gewertet. Aufgeben mag Kijani aber nicht: «Die Schweizer sind nicht rassistisch, sie wissen nur zu wenig über den Islam.»

Den Islam mit dem Herzen leben

Auf dieser oft gehörten Aussage lässt er es indes nicht beruhen, hat er doch seinen Lehrer gebeten, einen Vortrag über seine Religion halten zu dürfen. «So trage ich meinen Teil zu einer besseren Verständigung bei.» Aber was ist mit den problematischen Passagen des Korans, den Abschnitten voller Gewalt und Unterwerfung? «Ich lebe den Islam mit dem Herzen. Deshalb lehne ich es zum Beispiel ab, dass der Mann die Frau beherrschen darf. Meine Mutter will kein Kopftuch, also trägt sie keins. So einfach ist das.» Gewisse Kreise benutzten den Koran schlicht als Unterdrückungsinstrument; dies dürfe man aber nicht der Mehrheit der Muslime unterstellen.

«Mein Leben sieht nicht anders aus als vorher», sagt hingegen Sakic. Abfällige Bemerkungen blende sie einfach aus – frühere Hänseleien hätten sie das gelehrt. «In der Schule hiess es manchmal, du hast keine Rechte und dein jüngerer Bruder herrscht über dich.» Das sei kompletter Unsinn. «Ich esse kein Schweinefleisch und trinke während des Ramadans keinen Alkohol. Zudem achte ich andere Menschen. Damit hat sich meine Religiosität.» Bei ihr zu Hause trage niemand ein Kopftuch, ihr Bruder und sie seien gleichberechtigt. «Wir helfen auch beide im Haushalt.» Sie spreche inzwischen kaum noch über die Initiative, sagt Gaëlle. «Als sie angenommen wurde, waren Überraschung und Empörung gross, aber die Zeit wird die Wogen glätten.» (Der Bund)

Erstellt: 17.12.2009, 08:20 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Bern

Populär auf Facebook – Privatsphäre

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Finance Manager in Accounting (w/m) Jörg Lienert, Seewen SZ

Regulatory Affairs Manager Jörg Lienert, Jonen

Objektberater/Produktmanager (m/w) Jörg Lienert, Altendorf


Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!