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Bern

«Aeschler, das sind eigentlich liebe Leute»

Von Christian Brönnimann. Aktualisiert am 14.12.2009

Nirgendwo im Kanton Bern wurde das Minarettverbot deutlicher angenommen als in Aeschlen bei Oberdiessbach. Spurensuche in der 300-Seelen-Gemeinde vor den Toren des Emmentals.

«Der typische Aeschler ist ein ,chächer‘ Mensch»: Gemeindepräsident Stephan Tschaggelar. (Valérie Chételat)

«Der typische Aeschler ist ein ,chächer‘ Mensch»: Gemeindepräsident Stephan Tschaggelar. (Valérie Chételat)

Aeschlen, eine 300-Seelen-Gemeinde auf den lieblich geschwungenen Hügeln am westlichen Ende des Emmentals, ist ein Ort mit einer langen Geschichte. Erstmals urkundlich erwähnt wurde «Eschlon» vor über 700 Jahren. 1305 verkauften ein gewisser Abt Diethelm und der Convent von Trub ihr Besitztum bei Aeschlen dem Peter von Krauchthal. Einzelne Bauernhöfe sind ihren alemannischen Namen nach zu schliessen wahrscheinlich bedeutend älter. Die grösste Bevölkerungszahl erreichte die Gemeinde in den 1870er-Jahren, als gegen 400 Personen in Aeschlen wohnten. Danach ging die Einwohnerzahl auf 250 zurück, bis in den 1970er-Jahren die ersten neuen Wohnhäuser für Neuzuzüger errichtet wurden. Heute gibt es weder einen Dorfladen noch eine Gaststätte, auf der Strasse ist abgesehen von den durchbrausenden Autos kaum Leben festzustellen. Finanzielle Probleme brachten die Gemeindeversammlung zuletzt dazu, einem Zusammenschluss mit der Nachbarsgemeinde Oberdiessbach per Anfang nächsten Jahres zuzustimmen. Die Gemeinde Aeschlen wird es bald nicht mehr geben.

Und dieses Aeschlen ist also diejenige bernische Gemeinde, in welcher vor zwei Wochen das Minarettverbot am klarsten angenommen wurde. Von 98 Stimmenden sprachen sich 92 dafür aus – das sind 94 Prozent. Wie kann es in einem Ort, in welchem vier Ausländer – drei Deutsche und ein Schwede – und eine muslimische Familie – eingebürgerte Bosnier – leben, zu einem solch klaren Resultat kommen? Ist es Angst, Unmut, Fremdenfeindlichkeit oder etwas ganz anderes? Ein Dorfbesuch soll Antworten liefern.

Islam ist «hier oben» kaum Thema

Gemeindepräsident Stephan Tschaggelar empfängt im Gemeindehaus, das gleichzeitig Feuerwehrmagazin ist, und erklärt: «Die Aeschler haben grundsätzlich nichts gegen Andersgläubige. Bei der Abstimmung hat aber wahrscheinlich der Patriotismus durchgedrückt.» Nach der vermehrten Bautätigkeit in den letzten Jahrzehnten hätten einige vielleicht Angst vor weiteren Ortsbildveränderungen oder fürchteten sich vor zu vielen fremden Neuzuzügern. Vor der Abstimmung sei das Thema Islamisierung «hier oben» aber kaum diskutiert worden, so Tschaggelar. Und auch seither habe das Resultat die Gemüter nicht bewegt. «Unsere Leute füllen den Stimmzettel aus, lassen ihn abstempeln und fertig.» Ohne Restaurant gebe es keinen Ort mehr, um Meinungen auszutauschen. Befremdend sei nur, dass sich die Schweiz nun überall rechtfertigen müsse. «Schliesslich war es ein demokratischer Entscheid. Punkt.»

Dann kommt Tschaggelar auf einen anderen Aspekt zu sprechen: In der Region gebe es viele Leute aus Freikirchen oder kleinen christlichen Hauskreisen. Die seien «ein wenig anders», das merke man in Gesprächen – ruhiger, gemächlicher und nach aussen hin emotionsloser, tendenziell auch konservativer, erklärt Tschaggelar. «Die Region hier zieht solche Leute an, das hat sich über die Jahrhunderte hinweg so entwickelt.» Ansonsten sei der typische Aeschler ein richtig bodenständiger, «chächer» Mensch. Einer, der für sich und seine Anliegen einstehe.

Der einzige Muslim

Szenenwechsel: In einer der vier Wohnungen im Gemeindehaus leben die einzigen Muslime von Aeschlen. Sejard Klisura und seine Frau stammen ursprünglich aus Bosnien-Herzegowina. Klisura kam vor zwanzig Jahren in die Schweiz, vor zwölf Jahren zog er nach Aeschlen, und vor sieben Jahren wurde er eingebürgert. Er ist Abwart des Gemeindehauses und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr. Er sagt, er und seine Familie seien sehr gut integriert, er fühle sich als Aeschler. Die Integration sei ihm wegen seiner Offenheit einfach gefallen. «Das Abstimmungsresultat hat mich überhaupt nicht getroffen», erzählt Klisura. Es sei einerlei, ob auf Moscheen Minarette stünden oder nicht. Er sei zwar Muslim, bete auch gelegentlich, praktiziere seinen Glauben aber nicht allzu streng. Weil er sich nicht habe einmischen wollen, habe er nicht einmal seinen Stimmzettel ausgefüllt.

Als eine der wenigen Nein gestimmt hat Doris Ryf, die einen der letzten Gewerbebetriebe in Aeschlen führt – einen Coiffeursalon. «Viele haben sich Angst einjagen lassen», sagt sie und fügt hinzu: «Die Angst ist unser grösster Feind.» Hinzu komme die Unwissenheit. Die meisten hier wüssten nichts über den Islam und hätten deshalb falsche Bilder. «Anders kann ich es mir nicht erklären, denn die Aeschler, das sind eigentlich liebe Leute», sagt Ryf.

Völkchen hat ein Zeichen gesetzt

Zum Beispiel der Pensionär Ernst Lüthi. Er wohnt in einem schmucken Häuschen mit Aussicht, das mit «Sonnhalde» angeschrieben ist. Der 74-Jährige hat eine klare Meinung zum Abstimmungsresultat: «Es ging absolut nicht gegen das ,Türmli.» Vielmehr sei die Abstimmung eine gute Möglichkeit gewesen, ein Zeichen zu setzen: «Halt, da ist ein Völkchen, das gerne seine Kultur behalten möchte.» Es sei eine Chance gewesen, zu sagen, dass der Boden einmal zu Ende gehe und man nicht immer mehr Leute «reinnehmen» könne. Und diejenigen, die bereits da seien, die sollten sich anpassen und nicht umgekehrt. Ein solches «Türmli», von welchem als nächster Schritt womöglich so ein Prediger rufen würde, das wäre einfach «heimatfremd». Falls das klare Verdikt Muslime getroffen habe, dann tue ihm dies leid, sagt Lüthi. Schliesslich dürfe jeder für sich seinen Glauben ausleben, wie er wolle. Von ihm aus hätte die Initiative auch mit 51 Prozent abgelehnt werden können, das Zeichen an die «Oberen» wäre das gleiche gewesen.

Zum Schluss des Gesprächs gibt Ernst Lüthi noch etwas auf den Weg, das unbedingt in die Zeitung müsse: «Der Aeschler ist nicht fremdenfeindlich. Ich lege meine Hand ins Feuer für alle. Er wird aber dann feindlich, wenn sich Fremde nicht anpassen wollen. Dann wird es problematisch.»

Muslime? «Nein, gottlob nicht!»

Alles also halb so wild in Aeschlen? Zwei Erlebnisse zum Schluss des Dorfbesuchs stimmen dann doch ein wenig nachdenklich. Da ist zum einen die kurze Begegnung auf der Türschwelle einer Bauernfamilie. «Da müssen Sie nicht zu uns kommen», winkt die Frau ab. «Können Sie das Abstimmungsergebnis denn nicht einfach akzeptieren?», fragt sie noch rhetorisch. «Gehen Sie jetzt wieder, Sie machen mich ,hässig. Sonst kommen die Weihnachtsguezli, die ich gerade backe, nicht gut.» Widerrede zwecklos, die Türe schliesst sich.

Bei der Abfallsammelstelle ist danach ein älterer Mann anzutreffen. «Was wollen Sie?», fragt er. «Aha, die Abstimmung», unterbricht er den Journalisten bei der Formulierung seines Anliegens, «die ist natürlich richtig ausgegangen. Mehr sage ich nicht dazu.» – «Aber weshalb sind Sie dieser Meinung? Sie haben wahrscheinlich nicht viel Kontakt mit Muslimen hier, oder?», so die Nachfrage. «Nein, gottlob nicht!», sagt der Mann, wendet sich ab und marschiert davon. (Der Bund)

Erstellt: 14.12.2009, 14:58 Uhr

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