Das Alter und das Kino
Von Thomas Allenbach, Locarno. Aktualisiert am 10.08.2009
«Une soirée très suisse»: So bezeichnet Frédéric Maire am Samstag auf der mit 7200 Besuchern nicht voll besetzen Piazza Grande das Programm des Abends. Nein, für einmal geht es nicht um Aufsichtsbeschwerden und persönliche Abrechnungen, nicht um «Sennentuntschi» und Konkurse und nicht um all die Konflikte, die das Image der Filmbranche bei der Politik derart zu schädigen drohen, dass die angestrebte Erhöhung der Filmkredite gefährdet wird. Nein, es geht um Filme – und erst noch um erfreulich gute.
Der scheidende künstlerische Direktor hat den prominentesten Festivaltermin ausschliesslich Schweizer Produktionen vorbehalten – ein Beweis für die Qualität des einheimischen Schaffens, wie er sagt. Diese Programmation ist ihm wohl umso leichter gefallen, als dies sein letztes Festival ist: Der künftige Leiter der Cinémathèque Suisse in Lausanne hat sicher nichts dagegen, wenn man sich dereinst an ihn als einen Direktor erinnert, der den Schweizer Film kräftig unterstützt hat.
Mit den Augen seiner Frau
Im Zentrum des Abends steht Christoph Schaubs «Giulias Verschwinden», eine melancholische Komödie übers Älterwerden nach einem Drehbuch des Bestsellerautors Martin Suter. Zuvor präsentiert Maire zur Einstimmung den Kurzfilm «Les yeux de Simone», den er «als Geschenk an die Piazza Grande, die das Kino so liebt», ankündet. Das siebenminütige Werk, eine Hommage des Lausanners Jean-Louis Porchet an Simone und Pierre Blondeau und ihr legendäres Studiokino in Pontarlier, ist ein betörender Auftakt. Porchet erzählt von einem Abend in Pontarlier mit Krzysztof Kieslowskis letztem Film «Rouge» und Irène Jacob als Gast. Zu Wort aber kommt der Star nicht: Pierre Blondeau nutzt vielmehr die Gelegenheit zu einer Lobpreisung der siebten Kunst – und das tut er auch, als er leibhaftig auf der Piazza Grande steht.
Der Mann verkörpert die Tradition der Kinoklubs, die eine ganze Generation von Cinéphilen geprägt hat und die von Maire in Locarno hochgehalten wird. Dass Blondeau seit über zwanzig Jahren blind ist, hat seine Kinoleidenschaft nicht geschmälert. Er lebt von der Erinnerung an die Bilder, die er mit eigenen Augen gesehen hat – und von den Filmen, die er durch die Augen seiner Frau Simone sieht.
In «Les yeux de Simone» kommt jene Szene aus «Rouge» vor, in welcher Jean-Louis Trintignant der jungen Irène Jacob erzählt, er habe von ihr geträumt: «Sie waren fünfzig. Und sie waren glücklich.» Fünfzig ist das Stichwort zu «Giulias Verschwinden». In der melancholischen Komödie übers Älterwerden spielt Corinna Harfouch die Titelheldin, eine Frau, die am Abend ihres fünfzigsten Geburtstags merkt, dass sie bloss noch das Leben eines Gespensts führt. Als sie auf dem Weg zu ihren Freunden, die in einem Restaurant auf sie warten, Bruno Ganz begegnet, lässt sie diese hocken. Mit dem Charme des alterslosen Abenteurers holt dieser sie aus ihrem Trott und mit einem Kuss aus ihrer freudlosen Existenz.
Im Traum geboren
Die Idee zum Film ist Martin Suter im Schlaf gekommen, wie er dem Publikum auf der Piazza Grande erklärt. Eines morgens sei er schweissgebadet aufgewacht, weil er geträumt hatte, er sei vierzig. «Ich war erleichtert, dass dies nur ein Traum war, bis mir klar wurde, dass ich 52 bin. Und das ist jetzt auch schon zehn Jahre her.» Diese Art Humor prägt nun auch den Film, den ursprünglich der vor drei Jahren verstorbene Daniel Schmid hätte verfilmen sollen.
Wie «Happy New Year», das letzte Werk von Christoph Schaub (siehe «Bund» vom Freitag), ist auch «Giulias Verschwinden» ein Ensemblefilm, wieder spielt die Geschichte an einem Abend, wieder in Zürich, das dieses Mal aber eher ortlose Bühne denn konkrete Stadt ist. Das zeitlos, ja alterslos elegant inszenierte Werk lebt von den grossartigen Darstellern – nebst Harfouch und Ganz sind das unter anderen Sunnyi Melles, Stefan Kurt, André Jung, Susanne Marie-Wrage – und von den Dialogen, die Suter auf Hochglanz poliert hat. Präzise, knapp und gut getimt kommt in ihnen denen Kluges, Witziges und Böses rund ums Älterwerden zu Wort.
Auch wenn sich «Giulias Verschwinden» manchmal nahe an der Grenze zur Gefälligkeit und zum rhetorischen L’art pour l’art bewegt, ist das doch ein funkelnder, perlender Film, der mit seinem Esprit verführt und dem man nicht vorschnell fehlenden Tiefgang vorwerfen sollte, nur weil er stets federleicht bleibt. Das Potenzial für einen Publikumserfolg (Kinostart: Oktober) ist jedenfalls gegeben.
Für den filmisch stimmigen Ausklang sorgen anschliessend die Berner Peter Guyer und Norbert Wiedmer mit ihrem Musikfilm «Sounds and Silence» («Bund» vom letzten Mittwoch). Wie nicht selten in Locarno ist die Präsentation aber alles andere als glücklich. Auslöser ist, was wiederum zum Abend passt, ein Geburtstag: das 20-Jahr-Jubiläum der «Semaine de la critique». Die holprige Ehrung erweckt den Eindruck, «Sounds and Silence» sei ein Film dieser Sektion und er laufe nur wegen dieses Geburtstags auf der Piazza Grande. In Tat und Wahrheit aber ist er Teil der offiziellen Selektion, ausgewählt von Frédéric Maire.
Wie ein «Tatort»
Nicht überzeugen kann Maires Wahl des Schweizer Wettbewerbsbeitrags, der gestern Nachmittag Premiere hatte. Frédéric Mermouds Krimi «Complices» ist handwerklich zwar gut gemacht und hat mit Nina Meurisse und Cyril Descours zwei überzeugende jugendliche Hauptdarsteller. Unglaubwürdig aber ist das ambitionierte, spiegelbildlich angelegte Drehbuch um zwei einsame Ermittler und ein jugendliches Liebespaar, das sich in Prostitution und Erpressung verstrickt, und formal bietet der Film kaum mehr als ein «Tatort». Es ist schwer vorstellbar, dass sich in der aktuellen Produktion keine interessanteren Schweizer Produktionen hätten finden lassen. «Complices» ist ein Film, den Pierre Blondeau in seinem Kino zeigen müsste. (Der Bund)
Erstellt: 10.08.2009, 10:57 Uhr

















