«Locarno öffnete mir Türen»
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 12.08.2009
Brillante Mendoza ist das Enfant terrible des aktuellen Autorenkinos. Letztes Jahr spaltete er in Cannes die internationale Kritikergilde mit seinem etwas anderen Familienfilm «Sebris», dieses Jahr mit «Kinatay». In dieser filmischen Höllenfahrt schildert der 49-jährige Philippiner in dem für ihn typischen, harschen Realismus eine Nacht, in der ein Polizeischüler seine Unschuld verliert. Zusammen mit andern Polizisten, die ihr mieses Gehalt mit Jobs für Verbrecher aufbessern, schlachtet er brutal eine Prostituierte, die ihrem Zuhälter Geld schuldet. Der amerikanische Kritiker Rogert Eber war vollkommen entrüstet. «Dieser Film zwingt mich dazu, mich bei Vincent Gallo dafür zu entschuldigen, dass ich seinen ,The Brown Bunny‘ als schlechtesten Film in der Geschichte des Filmfestivals Cannes bezeichnet habe», schrieb er. Die Jury in Cannes sah das anders. Sie war zu Recht beeindruckt von der rigorosen moralischen und ästhetischen Haltung des Films und zeichnete Mendoza mit dem Regiepreis aus.
«Ich will weder provozieren, noch liebe ich die Gewalt», sagt Mendoza beim Gespräch in Locarno. «Wie alle meine Filme basiert auch ,Kinatay‘ auf einer wahren Geschichte. Ich zeige bloss, was Realität ist, tue dies aber auf eine Art und Weise, die verstört und die Gewalt nicht zum kommerziellen Spektakel macht.» Er sei besorgt über die Situation auf den Philippinen, insbesondere über das Polizeisystem. «Manchmal sind gerade diejenigen am gefährlichsten, welche eigentlich für unsere Sicherheit sorgen sollten.»
Sieben Filme in vier Jahren
Der Besuch in Locarno, wo Mendoza in der Jury der Sektion «Cinéastes du Présent» sitzt, ist für ihn eine Rückkehr. Hier begann seine Karriere als Filmregisseur, hier gewann er 2005 mit seinem Regieerstling «Masahista» den Goldenen Leoparden in der Videosektion. Ein wegweisendes Ereignis: «Locarno öffnete mir neue Türen, vor allem aber veränderte es meine Wahrnehmung des Kinos und meines Lebens als Filmemacher», erzählt Mendoza. «Eine Frau sagte mir, sie habe in meinem Film mein Land, meine Leute, meine Kultur gesehen. Das zeigte mir, wie kraftvoll Kino sein kann.»
Nach dem Erfolg in Locarno realisierte Mendoza innerhalb von vier Jahren nicht weniger als sieben Filme. Es sind dies alles Werke, in denen die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion fliessend sind und Mendoza brisante Themen – Prostitution, Armut, Minderheitenpolitik, Polizeigewalt – zum Anlass für ästhetisch provokative Filme nimmt. Sein Publikum findet er vor allem an Festivals – es waren die Erfolge in Locarno und Cannes, die ihn in seiner Heimat zu einem Thema machten. Dass «Kinatay» auf den Philippinen erst ab 18 Jahren freigegeben wurde, kümmert ihn nicht, weil er für diesen Film ohnehin keine kommerzielle Auswertung plante. «Das kommt zu teuer, das Publikum für ,Kinatay‘ ist zu klein.»
Porno und Familie
In Locarno zeigt Mendoza nicht «Kinatay», sondern «Sebris». Darin schildert er einen Tag im Leben eines Familienclans, der auf den Philippinen ein Pornokino namens «Family» führt und sich mit Sex-Dienstleistungen am vornehmlich schwulen Publikum über Wasser hält. In seinem sexuell expliziten Film konfrontiert Mendoza das Publikum direkt mit dem chaotischen Alltag, in dem diese Familie lebt. Verstärkt wird die anfängliche Desorientierung noch durch die Kakofonie der Strasse, die ungefiltert auf einen einstürzt – «Sebris» dürfte einer der lärmigsten Filme der Kinogeschichte sein. «Wer Südostasien kennt, weiss, dass die Welt genauso lärmig ist wie im Film», sagt Mendoza dazu.
«Sebris» zeigt, wie eine Familie ihre Werte hochzuhalten und in einer Welt zu überleben versucht, in der diese Werte zum Hindernis werden. «Das ist ein Porträt der philippinischen Familie und ihrer Probleme schlechthin», sagt Mendoza, «meine Filme sind immer auch soziale Kommentare.» Zugleich spielt Mendoza raffiniert mit dem Verhältnis von Fiktion und Realität, Begehren und Film und liefert erst noch einen Kommentar zum Zustand des philippinischen Kinos. «Da steckt viel drin», sagt Mendoza. Recht hat er, auch wenn das nicht alle hören wollen.
«Sebris» läuft morgen um 23 Uhr im Ex-Rex. www.pardo.ch. (Der Bund)
Erstellt: 12.08.2009, 09:59 Uhr
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