Japanische Trickfilmwelten jenseits der Kulleraugen
Herzige Tierchen...
und schwerblütige Sciencefiction: Die Vielfalt des Animationsfilms reicht in Japan vom westlich misshandelten «Kimba der weisse Löwe» (oben) bis «Ghost in the Shell».
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Anime/Manga
Anime, ursprünglich eine japanische Kurzform von «Animation», wird in Japan als Überbegriff für Animationsfilme aller Art verwendet. Ausserhalb von Japan dient der Begriff als Bezeichnung für Trickfilme japanischer Herkunft. Viele Anime gehen stilistisch wie inhaltlich auf japanische Comics zurück, die sogenannten Mangas. Die Retrospektive am 62. Filmfestival Locarno trägt deshalb den Titel «Manga Impact».
Manga-Night auf der Piazza Grande: Montag, 10. 8. Gesamtprogramm der Retrospektive siehe www.pardo.ch.
Der Animationsfilm mag ein Stiefkind des grossen Kinos sein, in den grossen Ferien aber schafft er regelmässig Kassenrekorde. Täglich grüsst derzeit das Nagetier aus «Ice Age 3» sein Multiplex-Publikum und wirbt dabei zugleich fürs dreidimensionale Kino. Die 3D-Technik, mit der schon Walt Disney in den 50er-Jahren experimentierte, ist in der Ästhetik des amerikanischen Trickfilms eine logische Expansion.
Immer schon ging es den dortigen Animatoren bei allem Spass auch um die grosse Illusion – «The Illusion of Life», wie es die Disneyzeichner Frank Thomas und Ollie Johnston nannten. Ob aus Tinte oder Pixeln, stets liebäugeln Cartoonstars mit dem Realismus und der Opulenz des grossen Kinos, nach seinem Bewegungsfluss, der sinfonischen Filmmusik, den rauschhaften Farben und Raumtiefen.
Ein anderes filmisches Universum
Ganz anders der japanische Anime. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn Frédéric Maire, der scheidende Direktor des Filmfestivals in Locarno, dem Publikum seiner grossen Retrospektive die Eroberung eines anderen filmischen Universums verspricht. Anders als in den USA entstand der japanische Animationsfilm nicht in enger Abhängigkeit zu den Unterhaltungsformen des Realfilms wie in den USA. Er ist ein Parallel-Kino, eine Welt für sich. Der Anime schlägt die Brücke zur japanischen Bilderzählung vergangener Jahrhunderte, die von den Rollenbildern zum Manga in Buchform führte – und zu den Vorformen des Kinos im Schatten- und Bildertheater. Nie überwiegt der Naturalismus in dieser Kunstform, immer bleibt ein Bild ein Bild.
Keine Angst vor dem Stillstand
Das gilt schon für die ganz frühen Beispiele aus der Stummfilmzeit, die erst in den letzten Jahren wiederentdeckt wurden. Die Retrospektive von Locarno dokumentiert sie ausführlich: Etwa die traditionellen Fabeln des produktiven Meisters Yasuji Murata, der in den 20er-Jahren die reduzierte Poesie der japanischen Landschaftsmalerei auf die Leinwand brachte. Er nutzte den reichen Fundus asiatischer Tierfabeln für erzählerische Kurzfilme, die sich nicht darin erschöpften, lediglich lustig zu sein. Ihr Zwischenreich einer magischen Naturwelt ist der Urgrund der modernen Meisterwerke Hayao Miyazakis («Spirited Away»).
Da sind aber auch die fliessenden Licht- und Schattenspiele von Noburo Ofuji, dem ersten anerkannten Anime-Künstler. Ein Jahrzehnt vor Disneys Multiplankamera verwendete er 1928 in seinem frühen Meisterwerk «Der Wal» verschiedene Lagen von Glasplatten, um unterschiedliche Schärfe-Ebenen zu erzeugen. Anders als Disney versuchte er damit jedoch nicht, Raumtiefe vorzutäuschen, sondern er schuf ein malerisches Grau, das an die traditionelle japanische Tuschemalerei erinnert.
Kostengünstige Koproduktionen
Es sollte jedoch noch Jahrzehnte dauern, bis das amerikanische Fernsehen auf kostengünstige Koproduktionen mit Japan setzte und dem japanischen Animationsfilm im Westen zum Durchbruch verhalf. Durch das TV-Schlupfloch rutschten Ende der 60er-Jahre «Kimba der weisse Löwe» oder die motorisierten Helden von «Speed Racer». Von den westlichen Koproduzenten und Einkäufern wüst bearbeitet, blieb ihre Andersartigkeit gleichwohl auf den ersten Blick erkennbar. Was die Älteren befremdete, zog die Jüngeren an: Trotz der reduzierten Bildfrequenz waren die Episoden überaus stringent erzählt.
Und auch wenn in einem Bild nur die Augen blinkten, blieb die Faszination – vielleicht gerade weil diese Erzählform der Suggestivkraft klassischer Bildergeschichten näher war als dem konventionellen Schauspielerfilm. Dass die Ästhetik des Anime dann aber auf die vom Künstler Osamu Tezuka bevorzugten Kulleraugen reduziert wurde, führte im Westen zu neuen Vorurteilen und Missverständnissen.
Es ist schade, dass die Retrospektive in Locarno der künstlerischen Avantgarde des Anime kaum Rechnung trägt. So fehlen Schlüsselwerke wie Mitsuyo Seos «Momotaro’s Divine Sea Warriors», der erste abendfüllende japanische Zeichentrickfilm – produziert im Auftrag der Kriegsmarine, um dem Vorsprung der chinesischen Trickfilmindustrie zu trotzen, wo schon 1941 der Langfilm «The Princess with the Iron Fan» entstanden war. In dem aufwendigen Propagandafilm führt ein Menschenjunge eine Armee aus Tierkindern an, um amerikanischen Fallschirmjägern zu trotzen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie bei Disney. Doch in den prall gefüllten Idyllen fehlt bei näherem Hinsehen jedes Leben. Es ist ein Film von gespenstischer Perfektion. Man hätte ihn auch deshalb zeigen müssen, um begreiflich zu machen, zu welcher Freiheit das Medium später fähig war.
Ästhetischer Wiederspruch
Zum Beispiel in den Werken des Altmeisters Isao Takahata, der mit Hayao Miyazaki das Studio Ghibli gründete und in Locarno als Ehrengast erwartet wird. In «Little Norse Prince» (1968), seinem ersten Film als alleiniger Regisseur, verschmelzen der Artus-Mythos und Motive der Nibelungensage zu einer einfachen, unpathetischen Erzählung. Die Dialektik von Opulenz und gleichzeitiger Beschränkung zeigt sich hier als treibender ästhetischer Widerspruch der Anime: Die dramatischste Kampfszene des Films löst Takahata einfach in Standbildern auf, ohne ihr dabei etwas von ihrer Dramatik zu nehmen. Anders als der westliche Cartoon hat der Anime keine Angst vor dem Stillstand.
Und je weniger sich äusserlich bewegt, desto mehr bewegt sich oft gedanklich: Zu den Türöffnern des Anime im Westen zählte 1995 der geradezu zeitlupenhaft erzählte, philosophische Sciencefiction-Film «Ghost in the Shell». So wie die melancholische Heldin eine halbe Androidin ist, ist auch die Struktur des Films ein Amalgam aus Fragmenten unterschiedlichster Herkunft, voller mythologischer wie tagespolitischer Anspielungen.
Diese Lust am virtuellen Leben, das in jüngerer Zeit eines seiner zentralen Themen wurde, befriedigt der Anime in idealer Weise. Aber er hat zugleich immer wieder Werke hervorgebracht, die sich geradewegs an die Schnittstelle zwischen Stillstand und Bewegung begeben – in den Zwischenraum von Kunst und Leben. (Der Bund)
Erstellt: 06.08.2009, 08:27 Uhr
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