Bern

«Film ist ein mächtiges Medium»

Von Florian Keller, Locarno. Aktualisiert am 17.08.2009

William Friedkin erklärt, warum sein Schocker «The Exorcist» für die katholische Kirche ein Segen war und wie es dazu kam, dass er einem Mann das Leben rettete.

Scharfer Beobachter der Gesellschaft und Erneuerer von Hollywoods Genrefilm: William Friedkin, 74.

Scharfer Beobachter der Gesellschaft und Erneuerer von Hollywoods Genrefilm: William Friedkin, 74.

Zur Person

Der 1935 in Chicago geborene William Friedkin zählt mit Filmen wie «The French Connection» (1971) oder «The Exorcist» (1973) zu den Schlüsselfiguren im rebellischen New Hollywood der 70er-Jahre. Es folgten u. a. der Thriller «To Live and Die in L. A.» (1985) , «The Hunted» (2003) oder zuletzt «Bug» (2006). Gestern wurde Friedkin in Locarno mit einem Goldenen Leoparden für sein Lebenswerk geehrt. (flo)

«Bund»: Wenn man den einschlägigen Büchern über die wilden 70er-Jahre in Hollywood glauben darf, waren Sie damals nicht gerade ein umgänglicher Regisseur. Was ist wahr an Ihrem Image als unberechenbarer Despot?

William Friedkin: Ich kenne die Bücher nicht, die Sie meinen. Und es ist schwierig für mich, über meinen Ruf zu sprechen, weil ich nicht lese, was über mich geschrieben wird.

Aber Sie kennen doch die Legenden, die sich um Sie ranken: Sie galten als jähzornig, Sie waren berüchtigt dafür, gleich reihenweise Mitglieder der Crew zu feuern, auf dem Set von «The Exorcist» sollen Sie einen Priester geohrfeigt haben . . .

Diese Anekdoten sagen nichts darüber aus, wer ich wirklich bin. Glauben Sie mir, ich versuche hier nicht, Ihrer Frage auszuweichen. Aber die Geschichten, die Sie ansprechen, wurden entweder völlig aufgeblasen, oder es sind reine Legenden. Manche von ihnen sind sogar wahr – aber sie haben nichts mit meiner Arbeit zu tun. Das ist alles oberflächliches Zeug.

Reden wir also über Ihre Filme. Als eine der prägenden Figuren von New Hollywood halfen Sie mit, die Gegenkultur ins amerikanische Kino zu bringen. Ist es nicht ironisch, dass Sie mit «The Exorcist» auch einen Vorläufer der modernen Blockbuster drehten?

Wir hatten ja nie damit gerechnet, dass sich «The Exorcist» zu einem solchen Kassenschlager entwickeln würde. Ich war damals sogar darauf gefasst, dass der Film total durchfallen könnte. «The Exorcist» löste dann heftige Reaktionen aus. Aber ich glaube, die Zuschauer holten aus dem Kino genau das heraus, was sie selber mitgebracht hatten. Jemand, für den die Welt sowieso schon ein einziger Abgrund aus Bosheit, Zynismus und Verkommenheit war, konnte auch in «The Exorcist» nichts anderes entdecken. Wer hingegen daran glaubte, dass das Gute manchmal über das Böse siegt und dass es Hoffnung und Erlösung gibt in dieser Welt, sah genau das auch in «The Exorcist».

Auf welcher Seite stand denn die katholische Kirche?

Es gibt da eine interessante Geschichte, die mir der grosse Schauspieler James Cagney erzählte. Ich war zu einer Talkshow eingeladen, und Cagney war auch im Studio. Er liess mich zu sich in die Maske rufen und sagte zu mir: «Junger Mann, mit Ihnen habe ich ein Hühnchen zu rupfen!» Und dann erzählte er von seinem Coiffeur. Seit 35 Jahren habe er sich von diesem Mann die Haare schneiden lassen. Und nur wegen mir habe er sich jetzt einen neuen Coiffeur suchen müssen: Der Mann habe «The Exorcist» gesehen und sei Priester geworden. Cagney meinte das nur halb im Scherz, er war recht wütend. Für viele Leute war der Film reinste Blasphemie, vor allem für Katholiken – aber auf der höchsten Ebene der katholischen Kirche sah man das anders. Ich weiss, dass «The Exorcist» eine Menge Leute dazu bewogen hat, Priester zu werden oder auch nur zum Katholizismus überzutreten. Der Film funktionierte wie eine Rekrutierungskampagne für die katholische Kirche.

Damit haben Sie kein Problem?

Ob ich ein Problem damit habe? Das hat doch nichts mit mir zu tun! Es ist einfach eine Tatsache. Ich habe zwei Filme gedreht, die sich um Homosexualität drehen. Ich weiss auch nicht, ob diese Filme manche Zuschauer dazu gebracht haben, schwul zu werden oder sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen oder ihr Coming-out wieder rückgängig zu machen. Es war ja nicht meine Absicht mit diesen Filmen, die Leute zum einen oder zum anderen zu bewegen.

Einer dieser Filme ist der Thriller «Cruising» (1980), in dem Al Pacino in die schwule Sadomasoszene eintauchen muss, um einen Serienmörder zu finden.

Und in einem Interview hat sich Pacino später darüber beklagt, dass ich ihm bis zuletzt nicht verraten habe, ob er selbst der Killer ist. Das war das Intelligenteste, was er jemals gesagt hat. Ich habe es ihm nie verraten, weil ich es selbst nicht weiss.

Stimmt es, dass Sie auf dem Set im Greenwich Village mit Protesten der Schwulen zu kämpfen hatten?

Ja, das ist so. Aber es gab damals auch gewisse Kreise innerhalb der Schwulenszene, die sich für den Film stark machten. Die Schwulen aus der Lack-und-Leder-Szene haben uns immer verteidigt, während andere gegen die Dreharbeiten demonstrierten. Im Rückblick kann ich die Proteste sogar verstehen: Für die Schwulenbewegung war ein Film wie «Cruising» zu jener Zeit nicht gerade hilfreich im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. Dieser politische Aspekt war mir damals überhaupt nicht bewusst. Die Schwulenszene war für mich einfach die Kulisse für einen Krimi. Und heute wird der Film von den meisten der jüngeren homosexuellen Kritiker geliebt. Sie sehen «Cruising» als Dokument aus einer Zeit, die seit der Aidskrise unwiederbringlich verloren ist.

Sie waren wirklich nicht gefasst auf die politischen Diskussionen, die ein Film wie «Cruising» auslöste?

Nein. Dasselbe war mir zuvor schon bei «The French Connection» passiert. Als ich damals nach Italien reiste, um den Film zu promoten, war eine Auseinandersetzung zwischen der Linken und der Rechten entbrannt. Die Rechten fanden, dass es dem Land besser gehen würde, wenn mehr Polizisten so wären wie Gene Hackman in meinem Film. Die wünschten sich mehr Cops, die Drogendealer verprügeln. Die Linke dagegen sah in diesem Cop eine Gefahr für die Gesellschaft, weil er sich über das Gesetz stellte. Ich war erstaunt, dass der Blick auf «The French Connection» so sehr von politischen Standpunkten geleitet war. Ich hatte diesen Film nicht aus einer politischen Haltung heraus gedreht.

Dabei sind Sie wohl der einzige Regisseur, der von sich behaupten kann, dass er mit seinem allerersten Film ein Leben gerettet hat. Das war «The People vs. Paul Crumb» (1962), ihr Dokumentarfilm über einen zum Tode verurteilten Schwarzen.

Ich weiss nicht, vielleicht gibt es noch andere Regisseure, die das von sich sagen dürfen. Aber ich war schon sehr überrascht, als ich hörte, dass ich diesen Mann mit meinem Film wirklich vor der Todesstrafe retten konnte. Ich hätte nie erwartet, dass mir das wirklich gelingen würde. Es war fast ein Schock für mich, als mich damals der Gouverneur anrief und mir sagte, dass er meinen Film gesehen habe und sich deshalb dazu entschlossen habe, die Strafe gegen Crumb in Lebenslänglich umzuwandeln. Da wurde mir klar: Wow, Film ist ein sehr mächtiges Medium. (Der Bund)

Erstellt: 17.08.2009, 15:31 Uhr

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