Bern

Eine Chinesin erobert Locarno

Von Thomas Allenbach, Locarno. Aktualisiert am 17.08.2009

Sieg eines Shootingstars: Die Chinesin Xiaolu Guo gewann mit «She, a Chinese» den Goldenen Leoparden. Unter Druck steht das Filmfestival Locarno. Es erlitt einen Zuschauereinbruch von zwölf Prozent.

Auf dem Weg nach oben:?Xiaolu Guo, die Gewinnerin des Goldenen Leoparden, am Samstagabend auf der Piazza Grande.

Auf dem Weg nach oben:?Xiaolu Guo, die Gewinnerin des Goldenen Leoparden, am Samstagabend auf der Piazza Grande.

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Infobox

Goldener Leopard: «She, a Chinese» von Xiaolu Guo (Grossbritannien/Deutschland/Frankreich).

Spezialpreis der Jury: «Buben, baraban» von Alexei
Mizgirev (Russland).

Regiepreis: «Buben, baraban»

Beste Darstellerin: Lotte Verbeek in «Nothing Personal» von Urszula Antoniak (Niederlande/Irland).

Bester Darsteller: Antonis Kafetzopoulos in «Akadimia Platonos» von Fillipos Tsitos (Griechenland/Deutschland).

Leopard für den besten Erstling: «Nothing Personal»

Publikumspreis (UBS) für den besten Piazza-Film: «Giulias Verschwinden» von Christoph Schaub (Schweiz).

«Variety»-Preis für den besten Piazza-Film: «Same Same But Different» von Detlev Buck (Deutschland).

Cinéastes du Présent, Goldener Leopard: «The Anchorage» von C.W. Winter und Anders Edström (USA/Schweden).

Preis der ökumenischen Jury: «Akadimia Platonos».

Preis der internationalen Filmkritiker: «Nothing Personal».

«Das ist der schönste Preis, den man erhalten kann», sagte der Zürcher Christoph Schaub am Samstagabend auf der Piazza Grande, als er den Publikumspreis für «Giulias Verschwinden» entgegennahm. «Vor einer Woche waren wir glücklich, den Film hier zeigen zu können, aber auch sehr angespannt. Jetzt sind wir wieder glücklich – und sehr entspannt.»

Die Auszeichnung ist die verdiente Anerkennung für den intelligenten, von glänzenden Schauspielern – u. a. Corinna Harfouch, Bruno Ganz – und Dialogen geprägten Film nach einem Drehbuch von Martin Suter («Bund» vom letzten Montag). Mit seiner leisen, lebensklugen und angenehm ironischen Komödie übers Älterwerden ist Schaub ein Film gelungen, der auch beim Kinopublikum punkten dürfte, auch wenn ihm das Heimelige und Volkstümliche fehlt, das «Die Herbstzeitlosen» populär machte. Der Preis ist zugleich ein positives Signal für das einheimische Schaffen, das in letzter Zeit vor allem negative Schlagzeilen gemacht hat.

Auf dem Weg in den Westen

Der zum Teil arg kritisierte Wettbewerb wurde gegen Schluss immer besser. Kein Zufall deshalb, dass sich unter den drei letzten Filmen gleich zwei Preisträger befanden, darunter mit «She, a Chinese» von Xiaolu Guo gar der Sieger des Goldenen Leoparden. Die Chinesin, die mit ihrem Roman «Kleines Wörterbuch der Liebe» im Westen bekannt geworden ist, folgt in ihrem Film einer jungen Chinesin, die es aus dem ländlichen Süden Chinas nach London verschlägt. Es ist dies ein Weg, den auch Xiaolu Guo gemacht hat. Auch sie stammt vom Land, auch sie zog – nach dem Filmstudium in Peking und ersten Erfolgen als Autorin in China – nach London.

«She, a Chinese» ist unprätentiös, direkt und impulsiv wie die Heldin, die ihren Weg zunächst instinktiv geht, angetrieben vom Wunsch nach einem materiell besseren Leben. In kurzen Kapiteln mit lakonischen Titeln schildert der von englischen Popsongs getragene Film ihren Stationenweg. Nach einer Vergewaltigung zieht sie weg vom Land in den Moloch Chongqing, wo sie sich zuerst als Näherin, dann als Angestellte in einem Coiffeursalon und Bordell über Wasser hält. Die Beziehung zu einem Kriminellen, der umkommt, beschert ihr Geld, mit diesem reist sie nach London, heiratet einen alten Engländer und wird schwanger von einem jungen Inder.

«She, a Chinese» ist ein rigoros inszenierter, formal wie inhaltlich sehr aktueller Film. Seine unbändige, am Anfang bloss egoistische Heldin ist das typische Resultat der chinesischen Einkindpolitik, ihr Weg exemplarisch für die Öffnung des Landes, ihre Geschichte schon fast ein Modellbeispiel für die Folgen der Globalisierung. Auffallend ist dabei der bemerkenswert harsche Ton des Films, dem jede Dramatisierung ebenso fremd ist wie jede Weinerlichkeit.

Zweisam einsam

Die Jury, die am Samstag von Regisseur Jonathan Nossiter repräsentiert wurde und in der unter anderen auch die deutsche Schauspielerin Nina Hoss sass, setzte mit dem Goldenen Leoparden für Xiaolu Guo auf eine angesagte Regisseurin. Die 36-Jährige ist nach ihren literarischen Erfolgen drauf und dran, sich als Filmemacherin zu etablieren. Von Locarno wird sie ans Filmfestival Venedig und von dort nach Toronto reisen, wo sie ihren Dokumentarfilm «Once Upon a Time Proletarian» zeigen wird. Dieser Jury-Entscheid passt bestens zum Image des Filmfestivals Locarno als Ort der Entdeckungen.

Mit den Darstellerpreisen für den Griechen Antonis Kafetzopoulos, der in der unterhaltsamen Loser-Komödie «Akadimia Platonos» («Bund» vom Freitag) überzeugt, und für Lotte Verbeek («Nothing Personal») zeichnete die Jury zwei Filme aus, die vom Publikum und den Nebenjurys favorisiert wurden. «Nothing Personal» der Polin Urszula Antoniak zählt zu den berührendsten Werken des Festivals. In der perfekt inszenierten Studie zweier Einsamkeitsuchender verkörpert Lotte Verbeek eine Holländerin, die mit ihrem Besitz ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich gelassen hat und in der archaischen Landschaft Irlands auf einen Mann (Stephen Rea) trifft, der ihr Essen und Obhut gegen Arbeit anbietet. Wie die Rebellin und der Eremit mit der grossen Plattensammlung sich näher kommen, das schildert der Film auf berührende Weise und mit Sinn für die grundlegende existenzielle Paradoxie der Geschichten: Wie können zwei Menschen zueinanderfinden, welche die Einsamkeit gewählt haben?

Gleich zwei Preise gingen an den russischen Film «Buben, baraban» von Alexei Mizgirev, ein Drama um eine Bibliothekarin, die sich nur mit dem illegalen Verkauf von Büchern über Wasser halten kann. Der subtil inszenierte Film zeigt Russland als eine Nation im Dämmerzustand, als eine gespenstisch wirkende, aus der Zeit gefallene Welt, geprägt von Zerfall und umfassender Verzweiflung, die wie Staub auf allem und allen liegen.

Nur vier Preise

Dass die Jury unter den 18 Filmen des Wettbewerbs nur vier Werke auszeichnete und keine einzige lobende Erwähnung aussprach, muss man als Kritik an der Qualität der Selektion von Frédéric Maire interpretieren. So verzichtete sie auch darauf, mit einem Preis für den sehr schön gemachten Anime «Summer Wars», der im Kino durchaus Chancen haben sollte, Maires Engagement für die grosse Manga-Retrospektive zu würdigen.

Keine Chance auf einen Preis hatte der Romand Frédéric Mermoud mit seinem Wettbewerbsbeitrag «Complices», auch Richard Dindos «Marsdreamers» in der Sektion «Cinéastes du présent» ging leer aus. Dank «Giulias Verschwinden» zählt der Schweizer Film trotzdem zu den Gewinnern des Festivals. Mit Standing Ovations wurde am Tag des Schweizer Films Wolfgang Panzers «Baba’s Song» (ab Donnerstag im Kino) vom Publikum gefeiert – die Geschichte zweier Waisenknaben in Malawi war bei der Kritik mehrheitlich schlecht weggekommen. Dass die Piazza Grande dieses Jahr nie so gut besucht war wie bei der Vorführung des ziemlich unbedarften Tessiner Geisterfilms «La valle delle ombre», zeigt, wie publikumsträchtig der regionale Bezug ist. Diesem nachzugeben ist allerdings gefährlich: Locarno setzt damit das internationale Image seiner Piazza aufs Spiel. Zu den wenigen Höhepunkten von Maires Piazza-Programm zählte nebst Schaubs Film Detlev Bucks «Same Same But Different», die streckenweise fulminant inszenierte Geschichte einer Liebe zwischen einem jungen deutschen Traveller und seiner kambodschanischen Zufallsbekanntschaft.

Musikalische Filme

Abgeschlossen wurde das Festival mit «Die zwei Pferde des Dschingis Khan» von Byambasuren Davaa. Die mongolische Regisseurin, bekannt geworden mit «Die Geschichte vom weinenden Kamel» und «Die Höhle des gelben Hundes», erzählt darin von der mongolischen Sängerin Urna, die sich auf eine lange Reise macht, um die zerbrochene Pferdekopfgeige ihrer Grossmutter zu reparieren und den Text eines alten Volksliedes zu rekonstruieren.

Der Film, den man durchaus politisch als Ausdruck der Sehnsucht nach einer Vereinigung von innerer und äusserer Mongolei interpretieren kann, setzte insofern einen stimmigen Schlusspunkt, als Maire stark auf Filme setzte, in denen die Musik als formales und inhaltliches Element eine zentrale Rolle spielt – das war sein Beitrag zum Jubiläum 100 Jahre Filmmusik. Anschliessend an die Vorführung gab die Sängerin Urna ein Konzert auf der Piazza. So schloss sich der Bogen zum Auftakt zehn Tage zuvor mit dem Auftritt des Pianisten Teo Gheorghiu. (Der Bund)

Erstellt: 17.08.2009, 10:14 Uhr

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