Die Musik hat das Wort
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 05.08.2009
Die Filmemacher Norbert Wiedmer (l.) und Peter Guyer. (zvg)
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«Sounds and Silence» läuft am Samstag nach Christoph Schaubs «Giulias Verschwinden» auf der Piazza Grande.
«Es geschieht einem im Leben nur einmal, dass man einen Dokumentarfilm auf der Piazza Grande präsentieren kann», sagt Peter Guyer. «Das ist ein Prestigeerfolg, vergleichbar mit dem Schweizer Filmpreis», fügt Norbert Wiedmer hinzu. Der Stolz und die Vorfreude der beiden erfahrenen Berner Filmemacher ist gross. Die Vorstellung am Samstagabend in Locarno ist Lohn für die aufwendige Arbeit an einem Projekt, das die beiden mehr als fünf Jahre umgetrieben hat – zugleich, so ihre Hoffnung, soll dies auch der Start der internationalen Karriere ihres Films sein.
Dass «Sounds and Silence» zumindest bei Musikliebhabern auf grosses Interesse stösst, garantieren die Namen Manfred Eicher und ECM. Eicher, ein Reisender in Sachen perfekter Klang, hat sich Filmkameras bisher meist verweigert. Mit seinem vor 40 Jahren gegründeten Label – ECM steht für Edition of Contemporary Music – hat der mittlerweile 66-Jährige Musikgeschichte geschrieben. ECM bedeutet nicht nur grosse Namen wie Keith Jarrett oder Jan Garbarek, sondern auch eine ganz spezifische Ästhetik. Diese zeigt sich sowohl im berühmten, glasklaren ECM-Sound als auch in der edel-minimalistischen Covergestaltung der mittlerweile über 1000 Einspielungen des Münchner Labels.
Intuitive Reise
Trotz dem Starstatus von Eicher hatten Norbert Wiedmer («Schlagen und Abtun») und Peter Guyer («Big Mac Small World») nie einen Porträtfilm im Sinn, weder über Eicher, noch über sein Label. Vielmehr wollten sie eintauchen in das Universum der Musik: «Wir wollten der Musik auf die Spur kommen, und Manfred Eicher konnte uns Türen in interessante Welten öffnen», sagt Wiedmer. «An der Hand von Manfred Eicher reisen wir quer durch die Welt zu seinen Musikern. Er ist sozusagen unser Impresario», so formuliert es Guyer. «Unterwegs mit Manfred Eicher» heisst der Film nun auch im Untertitel. Damit ist auch die Offenheit signalisiert, die dem Projekt von Anfang an eigen war: «Vieles ist intuitiv entstanden, so wie Musik entsteht», sagt Wiedmer.
Dass die gemeinsame Reise mit Eicher nicht immer einfach war, darf vermutet werden. Eicher, der seine Karriere als Bassist beendete und Musikproduzent wurde, «weil ich so der Musik besser dienen konnte», wie er im Film erklärt, ist ein rastloser Perfektionist und ein eher scheuer Zeitgenosse, einer auch, der zuweilen nur schwierig zu erreichen war, wie Guyer und Wiedmer erzählen. Zur Mitarbeit war Eicher nur unter der Bedingung bereit, dass sich die Filmer mindestens vier Jahre Zeit nahmen, weil er sich neben seiner Produzententätigkeit immer nur punktuell auf den Film einlassen wollte und konnte.
Musik im Rohzustand
Obschon die lange Drehzeit produktionstechnisch schwierig war und zu Problemen mit den Förderstellen führte (Budget: knapp eine Million Franken), liessen sich Guyer und Wiedmer gerne darauf ein. Immerhin erhielten sie so Zugang zu grossen Namen wie Arvo Pärt, der Komponistin Eleni Karaindrou, die mit ihren Filmmusiken für Theo Angelopoulos bekannt wurde, dem argentinischen Bandoneon-Magier Dino Saluzzi, dem italienischen Klarinettisten und Saxofonisten Gianluigi Trovesi oder dem Tunesier Anouar Brahem, der als einer der besten Lautenspieler gilt. Bei der Auswahl der Musiker liessen sich Wiedmer und Guyer einerseits von ihren Vorlieben leiten, zugleich war ihnen wichtig, dass der Film musikalisch zugänglich ist und nicht nur ein speziell interessiertes Publikum anspricht. Einschränkungen gab es durch den Terminkalender von Eicher und die Agenden der Musiker – und manchmal spielte auch Schicksal mit: So fiel ein Dreh in New York mit dem Schlagzeuger Paul Motian kurzfristig aus, weil dieser einen Herzinfarkt erlitten hatte. Überraschenderweise im Film nicht präsent ist Keith Jarrett, obschon «Sounds and Silence» mit den Klängen des grossen Pianisten beginnt und endet. «Jarrett interessierte uns nicht vorrangig und wir haben uns nicht speziell um ihn bemüht», sagt Wiedmer. Dass dessen Musik im Film ist, sei Eichers Wunsch gewesen.
Bilder von unterwegs, die Guyer zum Teil mit einem billigen Fotoapparat mit Filmfunktion gedreht hat, um die Flüchtigkeit des Reisens festzuhalten, führen zu den Begegnungen mit den Musikern. Im Zentrum von «Sounds and Silence» steht ihre kreative Arbeit. Kein einziges Musikstück ist in endgültiger CD-Form zu hören – man ist dabei, wenn Musik entsteht und bevor sie durch die Wohlfühl-Mechanik von ECM bearbeitet worden ist. «Uns interessierte vor allem das Klare, das Dringliche und Rigorose in der Arbeit der Musiker und von Manfred Eicher», sagt Guyer, «und die Übersetzung dieses intensiven und intimen Prozesses in Film». Was ihr Verhältnis zu Eicher betrifft, so hätten sie sich zunehmend von ihm emanzipiert: «Wenn man auf Reisen ist, nimmt man am Abend den Reiseführer auch nicht mit in den Ausgang», sagt Wiedmer.
Glücksfall Bruno Ganz
Im Verlauf des Films tritt Eicher tatsächlich immer weniger in Erscheinung. «Es gab eine Fassung, in der er so sehr im Hintergrund war, dass er sich darüber beklagt hat», sagt Wiedmer. Als letztes drehten die beiden deshalb ein Gespräch von Bruno Ganz (der im Film nicht präsent ist) mit Eicher. «Bruno Ganz, ein Vertrauter von Eicher, war ein Glücksfall. Er schuf eine freundschaftliche Atmosphäre, so dass Eicher sich frei äussern konnte», sagt Wiedmer. Eichers Statements aus diesem Gespräch stehen nun am Anfang des Films.
Bruno Ganz war auch dabei, als die Idee zu «Sounds and Silence» geboren wurde. Auslöser war eine Begegnung mit Eicher, als Wiedmer und Guyer, der damals die Kamera führte, Bruno Ganz für den Porträtfilm «Behind me» (2002) begleiteten. Dabei drehten sie auch eine Szene, in der Eicher im Studio zusammen mit Ganz eine Aufnahme von T. S. Eliots «The Waste Land» kontrolliert. «Das war ein unglaublich intensives Erlebnis: Zwei Stunden lang haben die beiden nichts anderes getan als zuzuhören», erzählt Guyer. Das erste Bild von «Sounds and Silence» zeigt nun Eicher genau dabei, beim Zuhören – und damit in der Haltung, in die der Film auch seine Zuschauer versetzt. Das Wort hat die Musik. (Der Bund)
Erstellt: 05.08.2009, 08:50 Uhr
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