Bern

Blick hinter die Fassaden

Von Florian Keller, Locarno. Aktualisiert am 07.08.2009

Hoffen auf Wetterglück: Am begehrtesten Abend des Filmfestivals von Locarno wird auf der Piazza Christoph Schaubs neuster Film «Giulias Verschwinden» gezeigt, zu dem Martin Suter das Drehbuch geschrieben hat.

Christoph Schaubs neuer Film spielt in einer einzigen Nacht. (zvg)

Christoph Schaubs neuer Film spielt in einer einzigen Nacht. (zvg)

Der Film

«Giulias Verschwinden» läuft am Samstag um 21.30 Uhr auf der Piazza Grande in Locarno und ab 8. Oktober im Kino.

Nervös? Christoph Schaub wirkt gelöst, oder er lässt sich noch nichts anmerken. Sorgen machen ihm höchstens die Wetterprognosen für seine grosse Premiere morgen Samstag. Mag sein, dass die Piazza Grande in Locarno das schönste Freiluftkino Europas ist. Wenn der Himmel aber weint, ist sie ein trauriges Pflaster für Tausende von leeren Plastikstühlen und ein paar Unerschrockene, die dem Regen trotzen. Da wünschte sich jeder Regisseur, er wäre auch ein Wettermacher.

Melancholische Komödie

Mit seinem neuen Film hat Christoph Schaub den begehrtesten Abend des ganzen Festivals zugesprochen bekommen. Jetzt braucht er nur noch Wetterglück – und die Gunst der 8000 Menschen, die sich dann auf die Piazza drängen dürften. Weniger als ein Jahr nach «Happy New Year» hat der 51-jährige Zürcher mit «Giulias Verschwinden» erneut einen breit gefächerten Ensemblefilm gedreht, der in einer einzigen langen Nacht in Zürich spielt. In seiner melancholischen Komödie übers Älterwerden will Schaub «hinter die Fassaden der Menschen» schauen, wie er sagt. Corinna Harfouch spielt eine Frau, die ihren 50. Geburtstag schwänzt, dabei ihre Freunde sitzen lässt – und sich stattdessen von einem Fremden, gespielt von Bruno Ganz, in eine Bar entführen lässt.

Dabei soll in dem Film kein einziges Wort in Mundart fallen. Ganz Zürich spricht Hochdeutsch? «Dialekt ist in einem Film dann sinnvoll, wenn die Geschichte in einem alltäglichen Biotop verwurzelt ist», sagt Schaub. Die Stadt in «Giulias Verschwinden» sei dagegen eine universelle Kulisse für die Querelen zwischen den Generationen, wie er es nennt. Die Dialoge einzuschweizern, das wäre für den Regisseur sowieso nicht infrage gekommen. Und der Grund dafür heisst Martin Suter.

Der Erfolgsautor soll bei «Giulias Verschwinden» für geschliffene Dialoge bürgen. Wie einst bei «Beresina» hat Suter sein Drehbuch ursprünglich für Daniel Schmid geschrieben. Dann starb Schmid, genau drei Jahre ist das jetzt her. Eineinhalb Jahre später bekam Christoph Schaub das Skript angeboten. Ehrfurcht habe er deswegen keine empfunden, sagt der Regisseur: «Natürlich würde dieser Film anders aussehen, wenn Daniel ihn noch selbst hätte drehen können.» Aber, sagt Schaub, er habe nie versucht, aus «Giulias Verschwinden» einen Daniel-Schmid-Film zu machen oder dem grossen Weltbürger des Schweizer Kinos nachzueifern.

Bis nach Cannes geschafft

Schon als junger Autodidakt im bewegten Zürich der frühen 1980er-Jahre hat Schaub keine eigentlichen Lieblingsregisseure gehabt, die er bedingungslos verehrt hätte. Wenn man ihn aber provoziert und seine neueren Spielfilme wie «Jeune Homme» oder «Happy New Year» als gutbürgerliches Konsenskino abbuchen will, reagiert er leicht gereizt – und er kontert mit grossen Namen: «Wenn man das unbedingt so sehen will, sind Eric Rohmer und Robert Altman auch bürgerliche Konsensfilmer.»

Als Hoffnungsträger des Schweizer Kinos hatte es der junge Christoph Schaub einst bis nach Cannes geschafft, an die heiligste Stätte des Autorenfilms. Mit «Am Ende der Nacht», seinem erst zweiten langen Film, war er 1992 an die Croisette eingeladen worden. Als Schaub am Ende dieses Traums aufwachte, war da eine grosse Leere. Die Kritiker hatte er mit seinem Film wenigstens gespalten, beim Publikum fiel er durch.

Schaub brauchte lange, die schwere Ernüchterung nach dem Hype und dem Rummel in Cannes zu überwinden. Doch wenn er den jungen Filmstudenten von heute seine Filme von damals bis jetzt zeigt, sagen die meisten, «Am Ende der Nacht» sei sein stärkster. Ob sich das mit «Giulias Verschwinden» ändert? Wir sind gespannt. (Der Bund)

Erstellt: 07.08.2009, 08:55 Uhr


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