Bern

Ab auf den Mars!

Von Thomas Allenbach, Locarno. Aktualisiert am 14.08.2009

Der Wettbewerb gewinnt gegen Ende des Festivals an Qualität. Zu den positiven Überraschungen zählen ein Anime aus Japan und eine leise Loser-Komödie aus Griechenland.

Szene aus «Summer Wars». (zvg)

Szene aus «Summer Wars». (zvg)

Morgen Abend geht das Filmfestival Locarno mit der Verleihung der Leoparden zu Ende. Drei Filme vor Schluss des Wettbewerbs lassen sich kaum Prognosen zum Palmarès machen – im Gegensatz zum letzten Jahr, als sich mit dem mexikanischen Film «Parque via» früh ein Favorit herauskristallisiert hatte, ist dies heuer nicht der Fall. Immerhin hat der formal vielfältige Wettbewerb aufs Ende hin noch einmal an Qualität und Unterhaltungswert gewonnen.

Zu den Überraschungen zählt dabei der griechische Beitrag «Akadimia Platonos». Anders als man vermuten könnte, ist das ganz und gar kein akademischer Film – der Titel ist der Name eines Quartiers in Athen, wo Filippos Tsitos seine leise, kluge Loser-Komödie angesiedelt hat. Hier verbringt der Kioskbesitzer Stavros mit seinen Freunden die Tage sitzend vor seinem Geschäft und kommentiert den Gang der Welt, auf den er keinen wesentlichen Einfluss hat.

Die Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz wird mit der Flucht in übertriebenen Patriotismus kompensiert, argwöhnisch werden die geschäftigen Chinesen beobachtet, als Untermenschen werden die Albaner behandelt. Das fremdenfeindliche Gefüge gerät ins Wanken, als die Mutter von Stavros in einem albanischen Arbeiter ihren verlorenen Sohn erkennen will und ihr stolzer Griechensohn sich auf einmal mit dem Albaner in sich herumschlagen muss.

Im virtuellen Raum

Zu den überzeugenden Wettbewerbsbeiträgen zählt auch das Anime «Summer Wars» von Mamoru Hosoda, ein formal fantasiereicher und verspielter Actionfilm um eine japanische Familie, die ihre Heimat vor einem Anschlag aus der virtuellen Welt rettet. Ein Preis für diesen Film würde bestens zu dieser Festivalausgabe passen und Frédéric Maires grosses Engagement für die Retrospektive «Manga Impact» zusätzlich belohnen, die Locarno internationale Anerkennung einträgt.

Wie «Summer Wars» nimmt auch «Os famosos e os duendes da morte» des Brasilianers Esmir Filho die aktuellen Fluchtbewegungen in die virtuelle Realität auf. Das sehr melancholische Adoleszenz-Drama besticht durch die starken Stimmungsbilder, in denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und virtueller Realität fliessend werden.

Flüchtet Filhos 16-jähriger Held aus der Ereignislosigkeit seiner Kleinstadt in eine virtuelle Liebesgeschichte, so befasst sich Richard Dindo im Dokumentarfilm «The Marsdreamers» mit den Träumen einer Handvoll Amerikaner, die sich mit zuweilen absurd wirkender Detailversessenheit auf ein Leben auf dem Mars vorbereiten. Dindo geht es aber nicht etwa ums denunzierende Gaudi, die Marsträumer sind für ihn nicht einfach Spinner, sondern Menschen, die auf ihre Art einer Utopie nachleben. Allerdings erweisen sich bei nicht wenigen diese Utopien doch wieder als blosse Fluchtfantasien, geboren aus dem Wunsch, eine Welt hinter sich zu lassen, die einen mit ihren Problemen überfordert, und noch einmal von vorne beginnen zu können wie die ersten Siedler in den USA – mit dem Vorteil, dass auf dem Mars dabei keine indigene Bevölkerung massakriert wird.

Dass auf dem Roten Planeten der Sauerstoff fehlt, die Strahlung und die Kälte lebensbedrohend sind, kümmert die Träumer nicht; sie gehen zum Teil sowieso davon aus, dass die Erde durch die Klimakatastrophe dem Mars immer ähnlicher wird. So verbindet sich utopisches mit katastrophischem Denken. (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2009, 11:00 Uhr


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