Gary Larson zum Letzten
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 31.03.2010 20 Kommentare
«Bitte unterlassen Sie es, Beiträge zu drucken, die über göttliche Wahrheit spotten.» Dies schrieb Leser F. B. 1998 dem «Bund» als Reaktion auf einen Cartoon, in dem Gary Larson das «gemütliche Beisammensein» in der Hölle gezeichnet hatte. Auch jene «andere Seite» mit der riesigen Kontaktlinse Gottes, die vom Himmel fiel und eine halbe Stadt in Schutt und Asche legte, erregte die Gemüter. Dazu kam, dass Larson dem Schöpfer die Worte «Verdammt, sie muss doch irgendwo sein» in den Mund gelegt hatte. So schrieb Leserin L. K. 1996, der Cartoon sei «schlicht ,dernäbe», und beim zweiten Abdruck 2004 schrieb Leser O. C. von einem «bedauerlichen Missgriff, den die Leserschaft nicht hinnehmen sollte».
Doch die blasphemischen Neigungen Larsons waren nur Nebenschauplatz in den Leserbriefdebatten um seine Cartoons. K. H. bezeichnete 1995 deren Abdruck im Allgemeinen als «geistige Umweltverschmutzung». «Liebe Redaktion, lasst doch diesen Platz besser leer», riet der Leser.
In ähnlicher Heftigkeit fiel die Replik des Lesers H. K. aus: «Dazu möchte ich bemerken, dass man bei Gary Larson ein gewisses Mass an Fantasie und Kombinationsfähigkeit besitzen muss, um seine äusserst geniale Welt voller Skurrilitäten begreifen zu können.» Und gleichentags wies Leser P. R. in seinem Leserbrief darauf hin, dass in der Zeitung jeden Tag anderes stehe, «worüber man sich tausendmal mehr aufregen muss oder sollte». Die Diskussion in den Leserbriefspalten wurde unter anderem von H. M. weitergetrieben, die schrieb, sie habe sich von Anfang an über «diese stupiden Witzzeichnungen» entsetzt. A. S. griff schliesslich auf einen Ausspruch aus seinem Oberländer Heimatdorf zurück, mit dem dort ergebnislose Diskussionen beendet würden: «Bschitti ischt halt Gschmacksach.»
Klar ist: Wohl niemand ausser Larson selbst versteht alle seine 4337 Cartoons, die er von 1980 bis 1995 gezeichnet hat. Sein Werk greift Elemente aus seiner Kindheit auf – die Faszination für die Tierchen im nahen Sumpf und später für die Biologie im Allgemeinen, die Furcht vor Monstern und das amerikanische Leben der 50er- und 60er-Jahre (siehe auch im «Bund» vom 20. März). Dem hohen Absurditätsgrad zum Trotz übernahmen weltweit bis zu 1900 Publikationen die Cartoons. Dass Larson auch auf Wortwitz Wert legte, erschwerte dem Verlag das Übersetzen.
Larson nahm die kritischen Leserbriefe, die regelmässig eintrafen, mit Humor. Einige von ihnen druckte er sogar in der Gesamtausgabe seines Werks ab. So erntete ein Cartoon mit zwei Folterknechten beim Morgenkaffee bereits bei der Erstveröffentlichung 1987 Protest. Dass die Zeichnung zwei Dekaden später immer noch die Gemüter erhitzt, zeigen die Leserbriefe zu jenem Cartoon im «Bund» von 2007.
Nach dem Ende von Larsons «anderer Seite» können nun die Leserinnen und Leser bei der Auswahl des neuen Cartoons mitbestimmen – ab morgen stellen wir während eines Monats vier potenzielle Larson-Nachfolger vor. (Der Bund)
Erstellt: 31.03.2010, 08:40 Uhr
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