Schulhygiene geht mit der Zeit
Von Lisa Stalder. Aktualisiert am 25.03.2010
Der Schularzt heute
Der schulärztliche Dienst des Kantons Bern ist dafür verantwortlich, die «gesundheitlichen Verhältnisse an den öffentlichen Schulen und Kindergärten» zu überprüfen. Laut der Gesundheits- und Fürsorgedirektion wird der Gesundheitszustand der Kinder im Kindergartenjahr vor dem Schuleintritt sowie in der 4. und der 8. Klasse durch den Schularzt untersucht. Dabei geht es in der Regel um die Überprüfung der Augen und des Gehörs. Zudem werden die Kinder gewogen und gemessen. Neu wird in der 8. Klasse eine Blutdruckkontrolle durchgeführt.
Zur Person: Michèle Hofmann hat an der Universität Bern Geschichte studiert. Derzeit ist sie Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft in Bern und schreibt an ihrer Dissertation zum Thema «Schule als Instrument der Krankheitsprophylaxe».
Frau Hofmann, können Sie sich noch an die Besuche des Schularztes oder der «Zahntante» erinnern?
Ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Insbesondere an die schrecklich schmeckende Fluorzahnpasta sowie das kollektive Spucken des Zahnpastaschaums in die Servietten, die auf dem Pult bereitlagen.
Während das Zähneputzen mit Fluor erst in den 1960er-Jahren eingeführt wurde, gab es ärztliche Untersuchungen an bernischen Schulen bereits im 19. Jahrhundert.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in ganz Europa umfangreiche empirisch-wissenschaftliche Studien durchgeführt, in denen Tausende von Schulkindern untersucht wurden. Mit diesen Untersuchungen wollte man den Beweis erbringen, dass sich der Schulbesuch schädigend auf die Gesundheit der Kinder auswirkt. Als sogenannte Schulkrankheiten wurden die Kurzsichtigkeit und Verkrümmungen des Rückgrats bezeichnet. Die Studien besagten auch, dass diese Krankheiten zunehmen, je länger ein Kind zur Schule geht. Die Untersuchungsresultate waren zuerst nur in medizinischen Kreisen von Interesse. Nach und nach wurde in der Schweiz von verschiedener Seite gefordert, dass die Kontrolle der physischen Entwicklung der Schulkinder Aufgabe eines Arztes sein sollte.
Und wurde diese Forderung auch umgesetzt?
Im «Amtlichen Schulblatt des Kantons Bern» wurde erstmals 1899 ein Schreiben der Erziehungsdirektion abgedruckt, das eine sogenannte sanitarische Eintrittsmusterung ankündigte. Das bedeutete, dass alle Kinder vor dem Eintritt in die erste Klasse untersucht werden sollten. Die Schülerinnen und Schüler mussten sich einer Hör-, einer Seh- und einer Sprechprüfung unterziehen. Zudem wurde abgeklärt, ob die Kinder möglicherweise «schwachsinnig» sind, wie man damals sagte.
Wurden solche Untersuchungen stets von einem Arzt durchgeführt?
Anfänglich wurden die Schüleruntersuchungen auch von Lehrkräften durchgeführt. Die Erziehungsdirektion hatte angeordnet, dass die Eintrittsmusterung allenfalls durch die Schulkommission oder die Lehrerschaft vorzunehmen sei, wenn kein Arzt gefunden werden könne. Die «Anleitung für das Lehrerpersonal» sollte ihnen dabei helfen, diese Untersuchungen durchzuführen. In manchen Fällen hatten die Lehrer gar die Kompetenz, medizinische Diagnosen zu stellen, so zum Beispiel bei Augenkrankheiten. Die Lehrer taten dies oft nicht freiwillig, es war eine zusätzliche Belastung. Es waren Aufgaben, für die sie gar nicht ausgebildet waren, was auch seitens der Ärzte kritisiert wurde. Sie forderten, dass die Untersuchungen ausschliesslich von Medizinern vorzunehmen seien.
1911 wurden im Kanton Bern erstmals nebenamtliche, 1913 schliesslich hauptamtliche Schulärzte angestellt. Nahm der Kanton damit eine Vorreiterrolle ein?
Nein, im Gegenteil. Bern hinkte anderen grösseren Schweizer Städten hinterher. Die Westschweiz, insbesondere Genf, profitierte bei der Etablierung von Schularztstellen vom Hygienekongress, der 1882 dort stattfand. In der Deutschschweiz machte Basel den Anfang. Bereits in den 1880er-Jahren gab es dort einen nebenamtlichen Schularzt. Die Stadt Zürich schaffte 1905 die schweizweit erste Stelle eines Schularztes in einem Hauptamt.
Was war der Grund für die Einführung des Schularztes?
Den Ausschlag gaben die Forderungen aus dem 19. Jahrhundert, alle Kinder gesundheitlich zu überwachen. Gleichzeitig öffnete sich den Ärzten im Schulsystem ein neues Berufsfeld. Sie erkannten, dass es möglich war, alle Kinder zwischen 7 und 15 Jahren zu erreichen und ihnen den Wert der Gesundheit zu vermitteln. Anstatt «Schule macht krank» hiess es nun plötzlich «Schule macht gesund».
Wie sahen solche Untersuchungen in den Anfängen aus?
Die Eintrittsuntersuchungen der Erstklässler wurden allmählich auf weitere Schulstufen ausgeweitet. Auch hier ging es hauptsächlich darum, die Sinnesorgane zu testen. Später kam die Tuberkulose-Prophylaxe dazu. Dies, weil die Sterblichkeitsrate bei der erwachsenen Bevölkerung extrem hoch war. Bereits damals ging es daher nur darum, die Kinder zu untersuchen, nicht aber zu behandeln. Das ist heute auch noch so.
Inwiefern hat sich die Schulhygiene bis heute verändert?
Im Laufe der Zeit sind immer neue Themenfelder erschlossen worden. Nachdem die Tuberkulose Mitte des 20. Jahrhunderts heilbar wurde, wandten sich die Schulärzte neuen Aufgabenfeldern zu. Es wurde der Schulpsychologische Dienst aufgebaut, und in den 1970er-Jahren gewannen Sexualerziehung und Suchtprävention an Bedeutung. Ein aktuelles Thema ist die Bekämpfung von Übergewicht. Gesunde Ernährung und mehr Bewegung werden propagiert.
Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Schulhygiene aus?
Den Schulärzten ist es in der Vergangenheit stets gelungen, sich neuen Themenfeldern anzunehmen. Ich gehe davon aus, dass ihnen dies auch in Zukunft gelingen wird. Es ist anzunehmen, dass auch wieder Themen aktuell werden, die in der Vergangenheit schon einmal aktuell waren, zum Beispiel Karies. Zu Beginn des 20. Jahrhundert hatten rund 90 Prozent der Menschen Karies. Später konnte das Problem dank Fluor eingedämmt werden. In letzter Zeit konnte man aber verschiedentlich lesen, dass es wieder mehr Kariesfälle gibt.
Bereits erschienen: «Das Jubiläum findet nicht statt», 5. 3., «Liberale befreien die Massen», 11. 3., «Lehrer, ein beschwerlicher Beruf», 13. 3., «Kinder sind nicht frecher als früher», 17. 3. sowie «Mami ist auch ,Frau Lehrerin», 20. 3. (Der Bund)
Erstellt: 25.03.2010, 10:23 Uhr
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