Mami ist auch «Frau Lehrerin»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 22.03.2010
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Bussen und Gefängnis für säumige Hausväter
In den Anfängen der Volksschule war die Schulpflicht nur schwer durchzusetzen. Selbst der resolute Gotthelf hatte seine liebe Mühe.
Der Anspruch der Liberalen war klar: Alle Kinder sollten das ganze Jahr über die Schule besuchen. «Der Regierungsrat wird dafür sorgen, dass kein Kind die Wohlfahrt des Primarunterrichts entbehre», hiess es im ersten bernischen Schulgesetz aus dem Jahr 1835. Und weiter: «Wer die seiner Obhut anvertrauten Kinder ohne hinreichende Entschuldigung nicht regelmässig in die Schule schickt, soll dem Polizeirichter überwiesen werden, welcher ihn mit einer Busse von 1 bis 5 Franken oder mit einer Gefangenschaft von 6 bis 48 Stunden bestraft.» Die Schule galt den Liberalen als das Mittel, um die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu formen.
Trotz drohenden Sanktionen blieben viele Kinder der Schule fern. Vor allem im Sommer wurden sie auf dem elterlichen Hof gebraucht. Andere mussten mit Fabrikarbeit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Der Staat Bern liess dies aber nicht einfach so durchgehen und bestimmte in allen Landesteilen Schulkommissäre, die das Recht durchsetzen sollten. In den Gemeinden Lützelflüh, Hasle, Oberburg und Rüegsau oblag diese Aufgabe Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf. Die Germanistin Barbara Mahlmann-Bauer hat zusammen mit einem Team der Uni Bern sein Wirken bis 1845 aufgearbeitet. Gotthelf habe sich unermüdlich für die Schule eingesetzt und sei von Hof zu Hof gegangen, um die Familien zu überzeugen, erzählt Mahlmann. Fruchtete dies nicht, erhielten die säumigen Hausväter vorgedruckte Kärtchen mit dem Hinweis: «. . . wird unter Warnung vor richterlicher Ahndung aufgefordert, sein Kind von nun an fleissiger in die Schule zu senden.» Der Erfolg blieb aber offenbar dennoch bescheiden.
Jeremias Gotthelf klagt an
1844 publizierte Gotthelf in der «Pädagogischen Revue» und in der «Berner Schul-Zeitung» einen anonymen Artikel, in dem er seinem Ärger Luft verschaffte: Der Besuch der Sommerschule lasse zu wünschen übrig. Die Gemeinden täten nichts, um die Schulpflicht durchzusetzen, da sie sich scheuten, Hausväter anzuzeigen. Ohne kontinuierlichen Schulbesuch sei ein allmähliches Fortschreiten der Schüler aber nicht zu registrieren. Zudem fehlten den Schulkommissären Sanktionsmittel zur Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht, klagte Gotthelf. Grundsätzlich machte Gotthelf das Erziehungsdepartement verantwortlich für die mangelhafte Umsetzung des Primarschulgesetzes. Die Kommissäre als ausführende Organe des Erziehungsdepartements stünden ständig zwischen Lehrern, Eltern und Gemeinderäten und würden als «Sündenböcke des Departements» vorgeschickt. Ausserdem vernachlässige die Regierung die Primarschule zugunsten der höheren Bildung und somit auch der Stadtbevölkerung.
Gotthelfs Pamphlet zeigte durchaus Wirkung. Das Erziehungsdepartement nahm einige Reformen in Angriff. Für den als Autor identifizierten Gotthelf war damit die Karriere als Schulkommissär jedoch beendet. (rw)
«Eigentlich vermisse ich die anderen Kinder schon ein bisschen», erzählt Niclas am grossen Küchentisch der Familie Siegrist. Manchmal sei es auch nicht ganz einfach, immer seine älteren Brüder um sich zu haben. Bei der Frage, ob er denn lieber im Dorf zur Schule gehen möchte, muss der 11-Jährige aber nicht lange studieren: «Nein, das sicher nicht!» Zu Hause könne er sich den Tag freier einteilen als damals im Dorfkindergarten. Und er habe mehr Zeit, um draussen zu spielen und zu werken. Kaum gesagt, springt Niclas auf, um zu seinen Kaninchen zu schauen. Am Nachmittag ist bei Siegrists keine Schule.
Thomas steht bereits kurz vor dem Abschluss seiner Landwirtschaftslehre und kann seinem kleinen Bruder nur beipflichten: «Zu Hause zur Schule zu gehen, war sehr praktisch. Ich konnte mir die Zeit flexibler einteilen und am Morgen im Stall helfen.» Zudem habe er zu Hause viel schneller gelernt als in seinen sieben Jahren in der Dorfschule. «Dort habe ich manchmal einfach meine Zeit abgesessen», sagt der 19-Jährige. Als Aussenseiter habe er sich nie gefühlt, er habe viele Kontakte zu Gleichaltrigen – etwa im Schwingklub Zäziwil. Auch bei der Lehrstellensuche habe es keine Probleme gegeben. In der Berufsschule gehöre er zu den Klassenbesten, erzählt der junge Mann stolz. Seine Mutter blickt ihn dabei zufrieden an.
Ursula Siegrist hat nicht nur Thomas und Niclas selber unterrichtet, sondern auch Silas (18), Matthias (15), Jonas (16) und Lukas (13). Derzeit drücken noch drei Kinder die heimische Schulbank. Ob dereinst auch die dreimonatige Priska zur Mutter in die Schule gehen wird, ist noch nicht entschieden. Eigentlich habe man das schon so vor, sagt Vater Franz. Wenn die anderen Kinder der Schulpflicht entwachsen sind und Priska alleine unterrichtet werden müsste, sehe das aber vielleicht anders aus.
Aus Auszeit wurde Dauerlösung
«Ich habe gar nichts gegen die Staatsschule», betont Ursula Siegrist. Es sei nur so, dass sie zu Hause viel individueller auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen könne. Ursprünglich war nicht geplant, dass sie neben Mutter, Hausfrau, Ausbildnerin von Hauswirtschafts-Lehrtöchtern und Ehefrau auch noch Lehrerin wird. Alle Kinder begannen ihre Schulkarriere im nahe gelegenen Dorf Röthenbach. Als eines dann aber Schwierigkeiten in der Klasse bekam, wurde mit dem Lehrer eine halbjährige Auszeit vereinbart. Das Experiment lief jedoch so gut, dass die Familie beschloss, alle Kinder aus der Schule zu nehmen. «Die Kinder konnten mitreden», sagt Ursula Siegrist. «Ich hätte es auch akzeptiert, wenn eines wieder in die Schule zurückgewollt hätte.»
Im emmentalischen Dorf löste der Entscheid der Familie keine Freude aus. «Wofür sind denn die Lehrkräfte noch da, wenn jede Mutter ihre Kinder selber unterrichten will?», habe man sich gefragt. Auch fehlte der kleinen Gemeinde plötzlich fast eine halbe Schulklasse. Die anfängliche Skepsis im Umfeld habe sich jedoch gelegt, sagt Franz Siegrist. «Oder vielleicht hören wir die negativen Reaktionen auch einfach weniger.»
Heute wollen die Siegrists nicht mehr auf ihre Heimschule verzichten. Würde Bern die Vorschriften verschärfen und wie Zürich nur noch pädagogisch ausgebildeten Eltern den Unterricht zu Hause erlauben, käme dies auf der Häbern in Röthenbach nicht gut an. «Ich würde mich vehement wehren», sagt Ursula Siegrist. Sie habe Verständnis, dass in Zürich betroffene Eltern sogar den Kanton verlassen hätten. Mit dem Bauernhof sei dies aber nicht einfach. Vorerst droht der Familie aber keine Gesetzesänderung. Es wird in Bern zwar darüber diskutiert, angesichts der wenigen Fälle und des zu erwartenden Widerstands ist aber unwahrscheinlich, dass hier eine neue Baustelle eröffnet wird.
Jeder darf Kinder unterrichten
Im Kanton Bern kann im Prinzip jeder seine Kinder privat unterrichten. Es machen derzeit aber lediglich die Eltern von 134 Kindern davon Gebrauch – aus religiösen Gründen, um schulische Probleme zu lösen oder weil sie eine Reise unternehmen. Nötig sind eine Bewilligung des Schulinspektorats sowie der Nachweis, dass der Familie eine «pädagogisch ausgebildete Person» beratend zur Seite steht. Das Inspektorat überprüft dann, ob die Kinder die Bildungsziele erreichen. Im Fall der Familie Siegrist funktioniert diese Zusammenarbeit bestens, wie beide Seiten bestätigen.
Am Küchentisch des Emmentaler Bauernhauses findet der Unterricht von Montag bis Freitag, von 7.30 bis 11.30 Uhr statt. Der Stundenplan gleicht dem einer normalen Schule, und auch die Lehrmittel sind dieselben. Als Lehrerin amtet die Mutter, den Werkunterricht übernimmt der Vater. Am Nachmittag arbeiten die Siegrist-Kinder selbstständig oder haben frei. Ein- bis zweimal im Monat steht eine Exkursion auf dem Programm, die von den Eltern des Vereins Bildung zu Hause organisiert wird.
Der Unterricht erfolgt zwar auch bei den Siegrists nach Lehrplan. Die Mutter nutzt jedoch den vorhandenen Freiraum: Gerade was religiöse Fragen betreffe, könne sie als Mitglied der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde nicht immer zu allem Ja sagen – «zum Beispiel zur Evolutionsgeschichte». Thomas hatte sich in der Dorfschule einst gar geweigert, eine Prüfung zu den Neandertalern zu schreiben. Im Widerspruch zum Lehrplan sehen sich die Siegrists deswegen nicht. Gerade im Fach Natur-Mensch-Mitwelt sei dieser offen formuliert: «Man kann daraus nehmen, was man will», die Volksschullehrer täten dies genauso.
Was für die meisten unvorstellbar ist, wurde für die Siegrists in den letzten acht Jahren zur Selbstverständlichkeit. Angst, dass sie ihren Kindern etwas verbauen, haben sie nicht. Die Kinder hätten sich zu selbstbewussten, sozialen Personen entwickelt, sagt Ursula Siegrist. Und die Ältesten hätten problemlos eine Lehrstelle gefunden, das Gymnasium habe sie nicht interessiert.
Und wie meistert Ursula Siegrist ihre Doppelrolle als Mutter und Lehrerin? «Das funktioniert bestens», sagt die fröhliche 42-Jährige. Die Kinder könnten gut zwischen Schul- und Familienzeit unterscheiden. Wenn sie besonders streng sein muss, sagen ihr die Schüler auch schon mal «Frau Lehrerin». Den Alltag bewältige sie ebenfalls problemlos – auch wenn ihr die Arbeit nie ausgehe. Ursula Siegrist sagt: «Das Wohl der Kinder ist mir das Wichtigste.»
(Der Bund)
Erstellt: 22.03.2010, 14:26 Uhr
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