Liberale befreiten die Massen durch Bildung
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 12.03.2010
Zur Person
Katharina Kellerhals-Maeder hat kürzlich am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern eine Dissertation zur Berner Schulgeschichte geschrieben.
Welche Bedeutung hat der Erlass des Primarschulgesetzes 1835?
Es ist eine Pionierleistung herausragender Bildungspolitiker und später einer engagierten und ausdauernden Lehrerschaft. Die Volksschule erhielt im Prozess der Demokratisierung eine zentrale Stellung: Das erste Schulgesetz verordnete zehnjährigen Unterricht für alle Kinder. Ab 1835 sollte nicht mehr der Geburtsstand über Lebenschancen entscheiden, sondern Besitz und Bildung sollten allen zugänglich gemacht werden.
Wie steht Bern im nationalen und internationalen Vergleich da?
Die meisten umliegenden Länder konnten von den Forderungen der Französischen Revolution und der Revolutionen von 1830 und 1848 nur wenig nachhaltig umsetzen, aber in der Schweiz schufen diverse Kantone liberale Verfassungen und schulische Programme.
Wie muss man sich das Schulwesen im Kanton Bern vor 1835 vorstellen?
Es gab kein einheitliches Schulsystem. Die herrschenden Schichten unterhielten ihre privaten Anstalten. Die Regierung kümmerte sich wenig um die Bildung des Volkes, das Schulwesen überliess sie den Gemeinden. Im Zentrum der Bemühungen in Dorfschulen stand die religiöse Unterweisung und nicht die Allgemeinbildung. Wenn es Schulen gab, und die gab es vor allem in «Pfarrdörfern», standen sie in der Regel unter der Aufsicht der Kirche. Der Umbruch, der mit der helvetischen Revolution begonnen hatte, bewirkte einen Wandel: Das Unterrichtswesen sollte vom Einfluss der Kirche befreit werden.
Die Liberalen setzten sich hohe Ziele. Wie weit klafften Anspruch und Wirklichkeit auseinander?
Das erste Schulgesetz, das von Erziehungsdirektor Charles Neuhaus geschaffen wurde, war einem radikal-fortschrittlichen Parteiprogramm verpflichtet und formulierte gesellschaftliche Erwartungen und Wunschbilder. Im Unterrichtsplan, der neun Jahre später von einem Pfarrer erstellt wurde, wurden die Inhalte durch eine sittlich-religiöse Wertehaltung relativiert. Grundsätzlich wurde der Ausbau des Schulwesens aber erst nach dem erbärmlichen Abschneiden Berns an den Rekrutenprüfungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschleunigt.
Was behinderte zunächst die Umsetzung des Gesetzes?
Der Kanton Bern ist sehr vielfältig, was einen Konsens unter den Grossräten nicht einfach machte. Im Übrigen war der Kanton arm. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschten in Randregionen Hungersnöte, Massenarmut war eine Herausforderung.
Welches Verhältnis hatte die breite Bevölkerung damals zur Schule?
Kinderarbeit in der Landwirtschaft, in der Heimarbeit und der Fabrik war weit verbreitet. Die Familien waren auf die kindliche Arbeitskraft angewiesen. Die Durchsetzung der Unterrichtspflicht wurde deshalb von ärmeren Regionen ab 1850, als die Schulaufsicht strenger wurde, erbittert boykottiert.
Wurden Mädchen und Buben unterschiedlich behandelt?
Explizit wurden im ersten bernischen Primarschulgesetz die Geschlechter gleichgestellt, denn nicht nur in Paris, auch in Bern wurden Menschenrechts- und Frauenfragen in aufgeklärten Kreisen diskutiert. Erst später, mit der Formierung einer bürgerlichen Gesellschaft, wurde der Fächerkanon, zum Beispiel mit der Einführung von Handarbeiten, geschlechterspezifisch ausdifferenziert.
Warum wurde eigentlich zuerst eine Universität und erst dann die Volksschule ins Leben gerufen?
Grundsätzlich war ein koordiniertes, gestuftes Bildungssystem nach französischem Vorbild vorgesehen. Zur Errichtung einer demokratischen Gesellschaft brauchte es aber vorerst eine Bildungselite. Auch die Lehrerbildung wurde bereits 1833, also vor dem ersten Primarschulgesetz, gesetzlich geregelt. (Der Bund)
Erstellt: 12.03.2010, 14:34 Uhr
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