«Lehrer, ein beschwerlicher Beruf»
Von Lisa Stalder. Aktualisiert am 15.03.2010
Nina Marti: «Der Lehrberuf ist meine Berufung.» (Valérie Chételat)
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Grosse Lohnunterschiede
Früher mussten Lehrer oft einer Nebenbeschäftigung nachgehen, um ihren Lohn aufzubessern. Zudem bestand ein grosser Stadt-Land-Unterschied: Bis Anfang 20. Jahrhundert verdiente eine Lehrkraft in der Stadt Bern (Fr. 2977.– pro Jahr) annähernd doppelt so viel wie eine, die im Amtsbezirk Schwarzenburg (Fr. 1530.–) tätig war. Heute gelten für alle Schulkreise im Kanton die gleichen Ansätze. Allerdings bestehen zwischen den monatlichen Grundlöhnen der verschiedenen Stufen grosse Unterschiede: Kindergarten Fr. 5349.90, Primarschule Fr. 5595.70, Sekundarschule Fr. 6579.25 und Gymnasium Fr. 7316.85.
Oberlehrer Aebi war nicht zu beneiden: Wie seinem «Journal du Jour», das er zwischen 1837 und 1844 führte, zu entnehmen ist, verdiente er an der Berner Postgass-Knabenschule derart schlecht, dass er sein Einkommen mit dem «Sprechen des Leichengebets» an Beerdigungen aufbessern musste. Aebi weist in einem seiner Einträge auch darauf hin, dass ein Schulmeister mancherorts weniger verdiente als ein Feldmaurer oder ein Ziegenhirt. Nicht nur der Lohn, auch das Ansehen der Lehrer war niedrig: So klagte ein Schulmeister aus Utzenstorf, dass ein Lehrer in den Augen vieler Eltern und Kinder nicht mehr wert sei als «ein Hirth der Schweinen».
Aebi und sein Kollege sind nicht die Einzigen, die über ihren Beruf klagten. Es sei «ein beschwerlicher, undankbarer Beruf, der Lehrerberuf», schrieb ein Berufskollege 1891 in der «Schweizerischen Lehrerzeitung». Die Gründe, die den Autor zu dieser Aussage verleiteten, sind vielfältig: So nennt auch er die «Kargheit der uns zugemessenen Existenzmittel» als grosses Problem. Aber auch der «Unverstand und die Undankbarkeit vieler Eltern», das «oft hochmütige, absprechende Publikum» sowie die «Dickköpfigkeit unserer Schuljugend» erschwerten ihm die Arbeit.
Grosses Leistungsgefälle
Die Zeiten für Lehrerinnen und Lehrer haben sich geändert, doch manche Sorgen und Probleme sind bis heute geblieben. Es falle ihr manchmal schwer, sich von der Schule abzugrenzen, sagt beispielsweise Vreni Wilhelm, die im Schulhaus Buchsee in Köniz Fünft- und Sechstklässler unterrichtet. «Lehrer sind traditionsgemäss Jäger und Sammler von Material und Themen.» Das sei zwar spannend, führe aber oft auch dazu, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen zu viel arbeiteten. «Die Stellenprozente und der tatsächliche Aufwand stimmen nicht immer überein.» Obwohl Wilhelm mit ihrem Lohn zufrieden ist, stört sie sich am grossen Lohngefälle, das zwischen Primar- und Sekundarlehrkräften besteht (siehe auch Kasten): «Das Argument, die Ausbildung zum Seklehrer dauere länger, überzeugt mich nicht.» Gerade in der 6. Klasse seien die Leistungsunterschiede der Kinder sehr gross, was von der Lehrkraft grosse Flexibilität erfordere.
Ein Problem, das auch Nina Marti gut kennt. Die 27-Jährige unterrichtet an der Primarschule Niederscherli eine dritte Klasse. Für sie sei es eine tagtägliche Herausforderung, mit dem Leistungsgefälle, das innerhalb der Klasse besteht, umzugehen. Mit ihrer jetzigen Klasse habe sie allerdings grosses Glück: «Die Kinder helfen einander viel, sie sind sehr sozial.» Alle würden akzeptiert, dass jemand wegen einer schlechten Leistung ausgelacht würde, das gebe es in ihrer Klasse nicht.
Gute Schüler sassen vorne
In den Anfängen der Volksschule 1835 ging es in den Klassenzimmern weniger sozial zu und her. So seien Kinder, die gute Leistungen erbrachten, nicht selten von ihren Mitschülern «bestraft» worden; sie seien beispielsweise mit Tinte bespritzt worden, schrieb der «Kleine Bund» 1927. Von den Lehrkräften wurden die guten Schüler aber bevorzugt. Sie hatten in den vorderen Reihen zu sitzen; «gute Leistungen wurden mit dem Nachrücken auf vordere Plätze belohnt». Während sich die Schulkinder heute in verschiedenen Fächern beweisen können, beschränkte sich der Unterricht einst auf das «Buchstabieren, Lesen und Auswendiglernen», wie dem «Kleinen Bund» entnommen werden kann. So klopfte der Lehrer mit dem Lineal auf den Tisch und verlangte von seinen Schülern nur eines: «Lernet!» Die Kinder nahmen ein beliebiges Buch und begannen zu lesen.
Heute schlicht unvorstellbar: «Wir haben den Lehrplan, in welchem die Richtziele aufgeführt sind», sagt Marti. So seien zwar die Themen vorgegeben, nicht aber, wie diese behandelt werden müssen. Jeder Lehrer und jede Lehrerin habe die Möglichkeit, die Themen auf eine individuelle Art zu interpretieren. «Für diese Freiheit bin ich dankbar.»
«Ein herrlicher Beruf»
Nicht zuletzt wegen solcher Freiheiten sind Nina Marti und Vreni Wilhelm gerne Lehrerinnen. Anders als der Kollege von 1891 empfinden sie ihren Beruf nicht als «undankbar». Im Gegenteil: «Der Lehrerberuf ist meine Berufung», sagt Marti. Für sie sei es eine grosse Befriedigung, den Kindern neue Dinge beizubringen, ihren Wissensdurst zu stillen. Und ihr Einsatz werde auch belohnt: «Die Kinder geben einem derart viel zurück.» Für sie sei es wichtig, dass die Kinder gerne in die Schule kommen, sich auf den Unterricht freuten. Wenn sie in einem Elterngespräch erfahre, dass dies der Fall sei, dann habe sie ihr Ziel erreicht. Für Wilhelm ist die Zusammenarbeit mit den Kindern das Schönste. Dabei gehe es ihr nicht einzig darum, Wissen zu vermitteln. Sie schätze es auch sehr, die «Kinder zu prägen». Es sei ein schönes Gefühl, den Schülerinnen und Schülern etwas Persönliches mit auf den Weg zu geben.
Trotz seinem Gejammer war auch der Schulmeister aus dem Jahr 1891 zufrieden mit seiner Berufswahl. Sein Artikel endet mit dem Satz: «Es ist doch ein herrlicher Beruf, der Lehrerberuf, und es gibt keinen schöneren!» (Der Bund)
Erstellt: 15.03.2010, 11:37 Uhr
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