Bern

«Kinder sind nicht frecher als früher»

Von Lisa Stalder. Aktualisiert am 17.03.2010

Vandalismus, Gewalt an Schulen und kein Respekt mehr gegenüber Lehrpersonen: Sind die heutigen Schüler wirklich verzogener und frecher als früher? Ein kleiner Blick auf Schüler von heute und gestern.

Auch heute sehen viele Schulkinder ihren Lehrer oder ihre Lehrerin als Respektsperson und Vorbild. (Valérie Chételat)

Auch heute sehen viele Schulkinder ihren Lehrer oder ihre Lehrerin als Respektsperson und Vorbild. (Valérie Chételat)

Riesige Klassen, ein Lehrer

Seit den Anfängen der Volksschule 1835 sind etliche Dinge gleich geblieben: So gibt es immer wieder Konflikte zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler (siehe Haupttext), auch die Streiche sind ähnlich wie früher. Was sich seither aber stark verändert hat, ist die Grösse der Schulklassen: In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gab es keine verbindliche Regel, wie viele Kinder in einem Klassenzimmer sitzen dürfen. So kam es nicht selten vor, dass über 100 Schulkinder von einem einzigen Lehrer unterrichtet wurden. Wie der «Bund» 1991 schrieb, zählte 1827 eine Schule in Bätterkinden gar 180 Kinder, die alle den gleichen Lehrer hatten. Die Dorfschule Koppigen wurde 1831 von einem Lehrer und zwei Gehilfen geführt. Der Unterricht fand stets in einem Raum statt. 1839 wurde die obere Grenze schliesslich auf 125 Kinder festgelegt. Doch auch knapp 10 Jahre nach der Einführung dieser Regel, existierten im Kanton immer noch rund 200 Schulen, deren Klassen 100–150 Kinder besuchten. Die Forderung, ein Maximum von «nur» 100 Kindern einzuführen, wurde als fortschrittlich betrachtet. Einem Bericht von 1854 zufolge gab es zu jener Zeit keine Klassen mehr, in der mehr als 70 Kinder sassen. Die Realität sah aber anders aus: Auch 1855 wurde die 100er-Marke an vielen Schulen überschritten. Heute sind die Zustände angenehmer: Der Kanton schreibt Klassen von mindestens 14 Schülerinnen und Schülern vor. Sind in einer Klasse mehr als 28 Kinder, wird diese aufgeteilt. (lsb)

Als Magdalena Rihs aus Safnern 1819 die Schule verliess, schrieb sie ihrem Lehrer einen Abschiedsbrief, – und sparte dabei nicht mit Superlativen. Mit den Worten «Theuerster Lehrer» sprach sie ihn an. Sie entschuldigte sich für die «Mühe», die der Lehrer mit ihr gehabt habe. Sie sei oft «zerstreut, flüchtig, leichtsinnig, unruhig, unaufmerksam, unbesonnen» gewesen. Doch mit viel Gelassenheit und Geduld sei es ihm stets gelungen, sie trotz allem «liebreich und schonend» zu behandeln. «Fast alles, was ich kann, verdanke ich Ihnen», schrieb Magdalena weiter. «Auch dies Abschiedsbriefchen ist eine Kunst Ihres Unterrichts. Hätte ich ihn nicht genossen, ich könnte keines schreiben.» Dafür werde sie stets «erkenntlich seyn». Abschliessend wünschte Magdalena Rihs ihrem Lehrer, «dass Gott Sie segne, dass er Sie belohne und dass es Ihnen wohl gehe».

Vorbild und Respektsperson

Seit 1819 ist viel Zeit vergangen. Ganz so viel Demut können Lehrpersonen kaum noch von ihren Schülerinnen und Schülern erwarten. Doch auch heute sehen viele Schulkinder in ihren Lehrern Respektspersonen und Vorbilder, besonders die jüngeren Schülerinnen und Schüler. «Ich komme jeden Tag gerne in die Schule, auch wegen meiner Lehrerin», sagt beispielsweise die 9-jährige Rahel aus Niederscherli. Ihre gleichaltrige Klassenkameradin Patricia kann dem nur beipflichten: «Unsere Lehrerin ist sehr nett, und sie behandelt immer interessante Themen mit uns.»

Kritischer äussert sich hingegen eine Gruppe Jugendlicher auf dem Pausenplatz des Schulhauses Spitalacker im Berner Nordquartier: «Lehrer können echt nerven, die machen uns das Leben ziemlich schwer», sagt ein 14-jähriger Schüler. Sein Kollege fügt an, dass «die Lehrer uns Jungen manchmal nicht so gut verstehen». Zudem könne er mit dem Schulstoff «nicht viel anfangen». Trotzdem zeigen die beiden gegenüber ihren Lehrpersonen einen gewissen Respekt: «Die haben ja auch keinen einfachen Job.» Dies, nicht zuletzt, weil sich Schülerinnen und Schüler «nicht immer an die Regeln» hielten.

Eine Entwicklung, die auch zahlreichen Lehrpersonen auffällt, wie eine kleine, nicht repräsentative Umfrage ergab. Er finde, der Respekt gegenüber den Lehrern habe in den vergangenen Jahren massiv abgenommen, sagt ein Lehrer aus Bern. Manchmal habe er das Gefühl, er sei Psychologe, Erzieher, Jurist und Putzkraft – «alles, nur nicht mehr Lehrer». Andere sehen es weit weniger dramatisch; doch auch ihnen fällt auf, dass «viele zum Material viel weniger Sorge tragen als früher».

Kein neues Phänomen

Dass Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte nicht mochten oder ihnen das Leben schwer machten, ist keineswegs neu. So schrieb ein Lehrer 1891 in der «Schweizerischen Lehrerzeitung», dass die Schuljugend «dickköpfig» und «oft hochmütig» sei, was ihm seine Arbeit erschwere. Auch Wilhelm Busch (1832–1908), einer der einflussreichsten humoristischen Dichter und Zeichner seiner Zeit, machte in seinen Bildgeschichten den Lehrer-Schüler-Konflikt oft zum Thema. In seinem bekanntesten Werk «Max und Moritz» richten sich die bösartigen Streiche der beiden Buben nicht zuletzt gegen den Lehrer Lämpel, der sie eigentlich zu «vernünftigen Wesen» hätte machen sollen. Und dass früher nicht immer nur emsig gelernt wurde, zeigen folgende Zeilen, die 1991 im «Bund» zu lesen waren: Ein älterer Mann fragte in den 1830er-Jahren einen jungen Pädagogen, ob er denn auch so «böse» sei wie einst sein eigener Lehrer. Dieser habe ihm und seinen Kollegen «nicht einmal mehr das lieb gewordene Feuerlein auf dem Schulofen dulden wollen».

Wenn Vreni Wilhelm, Lehrerin im Schulhaus Buchsee in Köniz, auf ihre bisherige Lehrerkarriere zurückschaut, kommt sie zu folgendem Schluss: «Die Kinder sind heute nicht frecher, nicht braver, nicht dümmer und nicht klüger als früher.» Und sie seien auch nicht reifer, «obwohl sie das oft glauben».

Bereits erschienene Artikel zum Thema «175 Jahre Primarschulgesetz»: «Das Jubiläum der Volksschule findet nicht statt», 5. 3., «Liberale befreien die Massen durch Bildung», 11. 3. und «Lehrer, ein beschwerlicher Beruf», 13. 3. (Der Bund)

Erstellt: 17.03.2010, 08:09 Uhr

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