Erfolgsmodell feiert Geburtstag
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 07.04.2010
Da waren mutige Visionäre am Werk, als vor 175 Jahren im Kanton Bern die Volksschule ins Leben gerufen wurde. In die Verfassung nach dem liberalen Umsturz 1831 schrieben sie noch etwas zögerlich: «Niemand darf die seiner Obhut anvertraute Jugend ohne den Grad von Unterricht lassen, der für die unteren Schulen vorgeschrieben ist.» Vier Jahre später machten sie dann Ernst und führten mit dem ersten Primarschulgesetz die allgemeine Schulpflicht ein. Bildung galt fürderhin als Voraussetzung für das Funktionieren eines demokratischen Staates: «Für das ganze Vaterland kann es nichts Wichtigeres geben als die Volksschule, in welcher das künftige Geschlecht nicht nur die unentbehrlichen Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern auch die Bildung des Geistes und Gemüts erlangen soll, durch die allein ein freies Volk seiner Freiheit würdig wird.»
Es war ein wahrhaft revolutionärer Schritt, die Massen durch Bildung aus der Abhängigkeit von Kirche und Patriziat zu befreien. Jeder und jede – unabhängig vom Geburtsstand – sollte Zugang zu Bildung und Besitz erhalten. Dieser Gedanke der Chancengleichheit blieb bis heute fester Bestandteil jeder Bildungsdiskussion. Natürlich spielte damals auch Eigennutz eine Rolle, waren sich die Liberalen doch der Verletzlichkeit ihrer neuen Ordnung bewusst. Die Volksschule sahen sie als probates Mittel, um ihr Gesellschaftsbild tief im Volk zu verankern und damit ihrer Politik ein stabiles Fundament zu verschaffen.
Zunächst war die Vision jedoch noch ziemlich weit von der Realität entfernt. Die allgemeine Schulpflicht konnte nur schwer durchgesetzt werden. Die Kinder waren auf den Höfen ihrer Eltern unentbehrliche Arbeitskräfte, und manch eine Familie war auf ein Zusatzeinkommen aus der Fabrik angewiesen. Arme Gemeinden konnten zudem nur schwer die nötige Infrastruktur für eine ausgebaute Volksschule zur Verfügung stellen. Und schliesslich mangelte es an fähigen Lehrkräften. Insbesondere auf dem Lande war die Bezahlung so miserabel, dass teils zwielichtige Gestalten vor den Schülern standen. Doch auch gute Lehrer hatten mit Klassen von 100 und mehr Schülerinnen und Schülern ihre liebe Mühe. Wirkliche Chancengleichheit existierte nur auf dem Papier.
Freie Schulwahl ist chancenlos
Doch ein Anfang war gemacht. Die Schule entwickelte sich in der Folge stetig weiter und passte sich den gesellschaftlichen Veränderungen an. Lehrergehälter wurden aufgebessert, die Ausbildung institutionalisiert, Klassen verkleinert, Lehrpläne und Lehrmittel entwickelt. Das Ziel dabei blieb dasselbe, wie es bereits im ersten Volksschulgesetz festgelegt worden war: Die Schule sollte «die in jedem Kinde liegenden Anlagen und Kräfte» entwickeln und gleichzeitig Klammer zwischen Arm und Reich, Stadt und Land sowie Ansässigen und Zugezogenen bilden. Vollständig konnte und kann die Volksschule diesem Anspruch nicht genügen, im Grundsatz hat sich die Idee der Liberalen aber bis heute bewährt. Ob Unternehmertochter oder Arbeitersohn, alle geniessen sie den gleichen Unterricht und besuchen die gleiche Schule. Privatschulen sind ein Randphänomen geblieben, und Initiativen für eine freie Schulwahl sind beim Volk chancenlos. Kritik an der Schule gab und gibt es zwar immer, grundsätzlich geniesst sie in der Bevölkerung aber enormen Rückhalt.
Heterogene Klassen als Gefahr
Für heutige Bildungspolitiker bedeutet dies aber nicht, dass sie sich zurücklehnen dürfen. Zwei Entwicklungen können die Volksschule ernsthaft infrage stellen. Vor allem in den Städten sind die Schulklassen unterdessen extrem heterogen. Da sitzen behütete Kinder neben sozial vernachlässigten und Hochbegabte neben Fremdsprachigen, die dem Unterricht kaum folgen können. Die Schule muss hier eine enorme Integrationsleistung erbringen. Gelingt es ihr nicht, einen Unterricht auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten, werden privilegierte Eltern nach Alternativen suchen. Wer nur noch ein oder zwei Kinder hat, gibt alles für die bestmögliche Ausbildung der Sprösslinge. Das gesellschaftliche Ideal, das hinter der Volksschule steht, kann dem natürlichen Egoismus nur entgegenstehen, wenn die Opfer des Einzelnen klein bleiben.
Längerfristig bedroht auch die landesweite Harmonisierung die Volksschule. Zwar kann es eine zunehmend mobile Gesellschaft nur begrüssen, wenn die 26 kantonalen Schulsysteme Schritt für Schritt standardisiert werden. Dass die Volksschule jedoch dadurch zum Spielball der nationalen Politik wird, hilft ihr sicher nicht. Anstatt dass lokale Politikerinnen und Politiker pragmatische Lösungen für «ihre» Schulen suchen, gewinnen ideologische Auseinandersetzungen zwischen den Parteiblöcken an Bedeutung. Dass dabei sachliche Argumente zur Nebensache werden, hat die Kontroverse um das Harmos-Konkordat gezeigt.
Trotz der Herausforderungen darf heute gefeiert werden. Vor 175 Jahren wurde mit dem Erlass des ersten Primarschulgesetzes der Grundstein für ein Erfolgsmodell gelegt. Von der Überzeugung geleitet, dass jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, möglichst die gleichen Chancen zur Gestaltung seines Lebens erhalten soll, haben die nachfolgenden Generationen daran weitergebaut. Heute böte das Jubiläum Gelegenheit, an diese Verdienste zu erinnern und die alltäglichen Kritteleien an der Schule zu relativieren. Wie Bern dieses Jubiläum begeht, ist jedoch betrüblich. In letzter Minute hat die Erziehungsdirektion noch einen bescheidenen Filmwettbewerb für die Schulen zusammengebastelt. An der Universität werkeln zwar Spezialisten in verschiedenen Instituten an der Materie. Dass sich aber Erziehungswissenschaftler, Staatsrechtler, Germanisten und Historiker zusammentun, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, was dem Anlass gerecht wird, scheint nicht möglich. Eigentlich schade. (Der Bund)
Erstellt: 07.04.2010, 13:54 Uhr
Bern
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