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«Wir sind wohl eine der wichtigsten sozialpolitischen Organisationen»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 28.06.2010

Die Gemeinnützige Gesellschaft ist 200 Jahre alt. «Sie hat bis jetzt im Stillen geglänzt», sagt Annemarie Huber-Hotz.

(Adrian Moser)

(Adrian Moser)

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Frau Huber-Hotz, die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, abgekürzt SGG, gibt es seit 200 Jahren – und doch kennt sie niemand. Was machen Sie falsch?

Die SGG ist im Gegensatz zu andern Nichtregierungsorganisationen nicht aufs Spendensammeln angewiesen. Deshalb betrieb sie bis jetzt kein Marketing und führte keine Medienstelle. Das Geld ist ihr in Form von Legaten zugeflossen. Die SGG ist in der Öffentlichkeit weniger bekannt, sie hat bis jetzt im Stillen geglänzt.

Die SGG habe «bis jetzt» kein Marketing, sagen Sie. Soll sich das ändern?

Insbesondere wegen der Bundesfeier auf dem Rütli, welche die SGG jedes Jahr organisiert, haben wir einen Medienbeauftragten beigezogen. Das kommt uns jetzt auch im Jubiläumsjahr zugute.

Aber im Prinzip will die SGG weiterhin im Hintergrund tätig sein?

Ja und nein. Die SGG wird auch weiterhin nur wenig Mittel in die Werbung stecken. Sie will mit den Werten, die sie vertritt, vor allem der Freiwilligenarbeit sowie ihren Leistungen und Projekten, überzeugen.

Die Bezeichnung «Gemeinnützige Gesellschaft» wirkt etwas veraltet. Hat man auch schon über eine Namensänderung nachgedacht?

Schon oft, aber wir sind immer wieder zum Schluss gekommen, dass dieser Name eigentlich genau das ausdrückt, für was wir stehen, für den freiwilligen und uneigennützigen Einsatz für das Gemeinwohl, den «Gemeinen Nutzen».

In Ihren neueren Unterlagen steht der Satz, die SGG sei «lange Zeit die wichtigste national tätige sozialpolitische Organisation unseres Landes» gewesen. Sie waren das also «lange Zeit», aber heute nicht mehr?

Die SGG hat sich im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Kranken- und Altersversicherung eingesetzt und für spezifische soziale Fragen spezielle Organisationen gegründet oder mitbegründet. Heute sind wir auch in anderen Bereichen tätig wie zum Beispiel der Erforschung der Freiwilligkeit und der Integration. Aber wir sind – eben im Stillen – wohl immer noch eine der wichtigsten sozialpolitischen Organisationen in der Schweiz.

Welche Organisationen gehen auf Initiative der SGG zurück?

Pro Juventute haben wir 1912 gegründet, 1917 Pro Senectute, 1944 die Berghilfe zusammen mit einer Kommission für ­soziale Fragen im Berggebiet. Auch die Zewo – die Zentralauskunftsstelle für Wohlfahrtsorganisationen, die überwacht, ob Spenden richtig eingesetzt werden – ist eine Tochter der SGG.

Was waren die Vorstellungen der Gründer der SGG vor 200 Jahren?

Das waren liberale, aufgeklärte Köpfe, die die Ideen der Französischen Revolution aufgenommen haben. Sie hatten erkannt, dass nicht alle Menschen gleich sind und im gleichen Ausmass in der Lage sind, für sich selber zu sorgen. Sie wollten den Armen mit privater Mild­tätigkeit helfen. Zu den Gründern gehörten die besten Köpfe, zukünftige Bundesräte, Landammänner, Pfarrherren, Universitätsprofessoren. Viele waren Mitglieder der patriotischen Gesellschaften, die es damals gab, sie waren zum Beispiel Mitglieder der Neuen Helvetischen Gesellschaft.

War die SGG Ende des 19. Jahrhunderts, also nach Gründung der Schweiz, auch ein Gegengewicht zu sozialistischen Ideen? In einem frühen Dokument ist von der SGG als «Bollwerk gegen den überwuchernden Staatssozialismus» die Rede.

Die frühen Mitglieder waren der Ansicht, dass es zwar einen funktionierenden Staat brauche, aber auch eine Zivilgesellschaft, die soziale Verantwortung übernimmt. Die SGG wollte politisch und konfessionell neutral sein und sich nicht in die Tagespolitik einmischen, ausser in einer Frage: in der Sozialpolitik.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat offenbar, so liest man mit Erstaunen, bei der Suppenfirma Maggi Pionierarbeit geleistet.

Die Herren der Gemeinnützigen Gesellschaft trafen sich einmal pro Jahr zur zweitägigen Generalversammlung, an der wichtige gesellschaftliche Fragen diskutiert wurden. Dafür wurden Aufsätze zu Themen wie «Volksgesundheit», «Verbesserung der Situation in den Gefängnissen» oder «Volksbildung» verfasst. Nach den Versammlungen wurden Besichtigungen in Heimen oder Fabriken gemacht. Im Kanton Glarus stellten die Delegierten fest, wie bleich oder unterernährt viele Leute waren. Deshalb wurde Herr Maggi, der eine kleine Fabrik in Kemptthal besass, beauftragt, ein glukosehaltiges Produkt zu entwickeln. Das war zunächst ein Flop, aber Herr Maggi hat dann das Produkt verbessert und zu den Maggi-Würfeln weiterentwickelt.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Maggi heute einem multinationalen Konzern gehört.

Die SGG hatte in den Anfängen nicht die personellen Mittel, um ihre Ideen selber umzusetzen. Sie leistete allenfalls, wie im Fall Maggi, eine Anschubfinanzierung. So wurden auch viele Heime gegründet, Heime für Schwererziehbare, für Blinde und andere Bedürftige. Ans Prinzip der Anschubfinanzierung halten wir uns auch heute noch oft.

Gehört denn Nestlé wenigstens zu den Spendern der SGG – oder müsste man Nestlé an diese Maggi-Geschichte erinnern?

Gute Idee, das müsste man tun.

Sie finanzieren sich mit Legaten, haben Sie eingangs erklärt. Wer sind denn die Stifter dieser Legate?

Das erste Legat erhielt die SGG 1841 vom Schwyzer Oberstleutnant Alois Jütz, der reich geworden war, weil er Söldner an Frankreich vermittelt hatte. Das waren damals etwa 300?000 Franken. Dieses Legat verwalten wir immer noch, zusammen mit vielen weiteren Legaten. Unser heutiges Vermögen liegt bei etwa 80 Millionen Franken.

Und hoch ist der jährliche Umsatz?

Rund 5 Millionen, finanziert im Wesentlichen durch dieses Vermögen.

Wohin fliesst dieses Geld?

In drei Arten von Leistungen: in die Einzelfallhilfe, die wir mithilfe der Sozialämter an Bedürftige leisten, rund 500?000 Franken. In die Unterstützung von Projekten von Dritten fliessen rund 1,5 Millionen Franken und in eigene Projekte rund 2 Millionen Franken. Bei der Einzelfallhilfe sehen wir auch, wo es noch heute soziale Probleme gibt, die nicht vom Staat gelöst werden, etwa die Übernahme der Kosten für den Zahnarzt oder für Zusatzausbildungen für alleinstehende Elternteile, die sich wieder für ihren Beruf fit machen möchten. Dafür gewähren wir Einzelbeiträge von je 3000 bis 5000 Franken. Kann man also Ihr Sekretariat ­anrufen und um Hilfe bitten?

Nein, wir leisten unkompliziert und rasch Einzelfallhilfe über die Sozialbehörden der Gemeinde. Wir wollen unsere Geschäftsstelle klein behalten und das Knowhow anderer Stellen nutzen.

Betrugsfälle gibt es keine?

Unser Geschäftsleiter hat langjährige Erfahrung mit den Sozialbehörden und weiss, wo gut und wo weniger gut gearbeitet wird. Da kommt auch ein wichtiger Erfahrungsaustausch zustande. Eines Ihrer Projekte heisst «Seitenwechsel», Wirtschaftsführer sollen sich im Sozialbereich engagieren. Wie viele machen pro Jahr mit?

Seit rund 15 Jahren lernen jährlich über 100 Kaderleute von Unternehmen im Rahmen eines einwöchigen Ausbildungsprogrammes soziale Probleme kennen, etwa in einem Altersheim, einem Gefängnis oder einem Behindertenheim. Sind unter den Teilnehmern auch prominente Wirtschaftskapitäne?

Schön wärs. Nein, an einem «Seitenwechsel» nehmen in der Regel mittlere und obere Kaderleute teil. Wir arbeiten mit Banken wie der UBS zusammen, ebenso mit der Post, der Swisscom und der produzierenden Industrie. Wir versuchen über einen andern Weg, über eine Plattform «Gemeinnützigkeit und Wirtschaft», der Entsolidarisierung gegenzusteuern und Wirtschaftsführer dazu zu bringen, sich zu engagieren. Ziel ist es, dass Firmen vermehrt soziale Verantwortung übernehmen, bei der Freiwilligenarbeit und bei sozialen Projekten.

Sie unterstützen auch Studien zur Freiwilligenarbeit. Ist es immer schwieriger geworden, Menschen für Freiwilligenarbeit zu gewinnen?

Es kommt auf das Gebiet an. Probleme gibt es etwa dabei, Fahrer fürs Rote Kreuz zu rekrutieren. Früher gab es dafür lange Wartelisten, aber heute wird die Beteiligung an Kursen verlangt, und deshalb sind viele abgesprungen, nach dem Motto: Wir machen etwas freiwillig und wollen dafür nicht auch noch zu Kursen verpflichtet werden. Es ist auch schwieriger geworden, aktive Berufsleute zu motivieren, aber insgesamt nimmt nach unseren Studien die Freiwilligenarbeit in Organisationen nicht ab. Ein grosses Potenzial sehen wir bei erfahrenen und noch rüstigen Pensionierten.

Aber es heisst doch, Vereine hätten Nachwuchsschwierigkeiten.

Das ist unterschiedlich, je nach Einsatzgebiet und Organisation. Die SGG hat aus Anlass ihres Jubiläums letzte Woche erstmals einen Freiwilligenpreis von 100?000 Franken verliehen. Erhalten hat ihn die Organisation «Tischlein deck dich», die rund 1000 Freiwillige umfasst und überhaupt keine Rekrutierungsprobleme hat. «Tischlein deck dich» verteilt Lebensmittel an Bedürftige, die von Unternehmen gespendet werden. Diese Freiwilligenarbeit zieht: Einmal in der Woche zwei Stunden, man kommt mit Helfern und mit Bedürftigen in Kontakt. Die Gestaltung der Freiwilligenarbeit ist wichtig, damit die Freiwilligen ihre Fähigkeiten einsetzen können.

Bald ist 1. August. Sie sind für die Feier auf dem Rütli zuständig, weil die Gemeinnützige Gesellschaft das Rütli 1859 gekauft hat. Wer hält dieses Jahr die Festrede?

Dieses Jahr feiert die SGG, dass unsere Vorfahren die Rütliwiese 1859 gekauft und 1860, also vor 150 Jahren, der Eidgenossenschaft geschenkt haben. Deshalb hat mich die Rütlidelegation angefragt und ich habe gerne zugesagt, die ­1.-August-Rede zu halten.

Wer darf aufs Rütli – und wer nicht?

Alle sind willkommen, die sich an die Benutzerordnung halten. Es braucht aber wieder eine Zutrittsbewilligung, die man, kostenlose Schifffahrt inbegriffen, auf der Geschäftsstelle der SGG verlangen oder auf www.ruetli.ch herunterladen kann.

Gibt es Befürchtungen eines rechtsextremen Aufmarschs?

Nein. Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheitskräfte der Zentralschweiz und unser bewährtes Ticketingsystem.

Haben Sie Fichen angelegt?

Nein, aber aus Erfahrungen der Vorjahre kennen wir einige Namen und einige Tricks. Es geht darum, einen rechtsextremen Massenaufmarsch verhindern.

Braucht es die Gemeinnützige Gesellschaft in der Zukunft überhaupt noch? Es gibt doch so viele andere Organisationen, die sich für eine soziale Schweiz einsetzen.

Es braucht die SGG nach wie vor, weil es auch heute immer wieder neue soziale Probleme gibt. Weil wir flexibel und relativ frei sind, können wir schnell reagieren. Die SGG hat sich stets als eine Art Versuchslabor empfunden, in dem Pilotprojekte lanciert werden. Unser neustes heisst «Job-Caddie»: Erfahrene Mentoren helfen jungen Leuten beim Übergang von der Berufslehre in die Arbeitswelt.

Der Gründer der SGG, der Zürcher Stadtarzt Hans Caspar Hirzel, hat einmal gesagt, man müsse den Leuten die «selige Wonne der Wohltätigkeit» ans Herz legen. Es wäre doch eine Aufgabe, das bei den heutigen Unternehmern und Bonusbezügern auch wieder zu versuchen.

Das tun wir mit dem geplanten Projekt «Gemeinnützigkeit und Wirtschaft», das Firmen bei der Wahrnehmung von sozialer Verantwortung unterstützen soll. Es gibt schon heute viele gute Beispiele, etwa die Baufirma Losinger, die mit einem Fonds das freiwillige Engagement ihrer Angestellten unterstützt. Wichtig ist, dass nicht nur Geld gegeben wird, sondern dass sich Firmen aktiv an ­gemeinnütziger Arbeit beteiligen.

Die USA stehen bei uns in der Kritik, aber punkto wohltätiges Engagement sind amerikanische Unternehmer Schweizer Firmen voraus.

Ja, das philantropische Engagement hat in den USA Tradition, man denke nur an die Rockefeller-Stiftung oder an Bill Gates und Warren Buffett. Auch Präsident Obama appelliert immer ans «Volunteering». Da könnten sich die Schweizer Wirtschaftsführer ein Beispiel nehmen. Aber es gibt auch bei uns grosse Unternehmensstiftungen.

Ist für Sie das Präsidentenamt bei der SGG eines von vielen Ämtern?

Es ist neben dem Vizepräsidium des Schweizerische Roten Kreuzes mein Hauptmandat, zu dem noch einige weniger zeitaufwendige Mandate hinzukommen, vor allem das Präsidium der Stiftung für den Bankenombudsman. Nach dem Rücktritt als Bundeskanzlerin haben mein Mann und ich das Büro für gemeinnützige Projekte gegründet, das mit dem Ertrag aus meinen neuen Tätigkeiten das Projekt meines Mannes in Bhutan ­finanzieren soll, eine Schule für die Ausbildung von jungen Bhutanern zu Fotografen und Journalisten.

Sie vermissen den Abschied aus der Bundespolitik also nicht?

Nein. Aber natürlich war es ein ausserordentliches Privileg, so lange in verschiedenen Funktionen im Bundeshaus tätig gewesen zu sein.

Mit Blick auf die momentanen Bundesratswirren sind Sie als Bundeskanzlerin gerade zur rechten Zeit zurückgetreten.

Der Bundesrat funktioniert auch heute noch sehr gut. Ich orte die «Wirren» anderswo! Meine Motivation für den Rücktritt war eine andere: Ich wollte vor dem Alter 60 gehen, um im gemeinnützigen Bereich neue Erfahrungen zu sammeln. Mit 65 ist man dafür einfach zu alt.

Sind Sie momentan auch vom Fussballfieber erfasst?

Eher weniger, aber wir haben einen ­Adoptivsohn aus Brasilien, der natürlich ein grosser Fan ist. Um mit ihm einigermassen mithalten zu können, schaue ich manchmal zu. Der Sieg gegen Spanien hat auch mich elektrisiert.

Vorletzte Woche hat die SGG in Zürich ein grosses Jubiläumsfest veranstaltet, aber sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Wir haben zur Jubiläumsfeier unsere vielen Gremien, Mandatäre und Partnerorganisationen eingeladen und die Medien breit informiert. Das Fernsehen hat in der «Tagesschau» darüber berichtet. Aber leider sind die Medien an solchen schönen Ereignissen und an den guten Werken von vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Freiwilligen nicht besonders interessiert – ausser die NZZ und natürlich der «Bund».

Grund für die mangelnde Aufmerksamkeit der Medien ist vielleicht, dass ausser Ihnen keine prominente Person im SGG-Vorstand sitzt.

Das glaube ich nicht. Es arbeiten bekannte und erfahrene Persönlichkeiten mit. Ich orte das Problem eher bei der heutigen Ausrichtung der Medienwelt. Die SGG muss aber nicht auf Medienhype machen, sondern schauen, dass sie mit guten Projekten und guter Arbeit mehr in die Medien kommt als bisher.

Hat das Fest der SGG Schub für die nächsten 100 Jahre gegeben?

Ja, davon bin ich überzeugt. Die Jubiläumsfeier war für uns ein guter Aufbruch in die nächsten Jahre. Zudem gibt es weitere Jubiläumsevents, zum Beispiel die Sonderbriefmarke der Post oder das Symposium über Freiwilligenarbeit im Oktober. Stolz sind wir auch auf die Jubiläumsschrift «Freiwillig verpflichtet» über die Geschichte des gemeinnützigen Denkens und freiwilligen Handelns in der Schweiz seit 1800.

Sie sind also zuversichtlich, dass es mit der SGG weitergeht?

Ja, wir haben alles, was es dazu braucht, eine lange Geschichte, eine neue Strategie, viele kluge, engagierte Köpfe, viele gute Ideen sowie solide Finanzen. (Der Bund)

Erstellt: 28.06.2010, 14:46 Uhr

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