«Wir sind nicht Täter, wir verteilen keine Fackeln»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 26.05.2009
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Zur Person
Stefan Niedermaier, Jahrgang 1962, ist in Thun geboren und aufgewachsen. Nach einer Lehre als Elektromechaniker arbeitete er bei verschiedenen internationalen Firmen und absolvierte in Frankreich ein einjähriges Studium zum Master of Business Administration (MBA).
Von 1999 bis 2005 arbeitete er in Stuttgart unter anderem für die ehemalige Swisscom-Tochtergesellschaft Tesion als CEO und war Mitgesellschafter der Software-Firma Datagroup. Seit August 2005 ist er Direktor der Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG und Verwaltungsrat der BSC Young Boys Betriebs AG. Stefan Niedermaier ist mit einer Französin verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er wohnt in Muri. (bur)
«Bund»: Herr Niedermaier, wie war Ihre Stimmung nach dem 1:0 für YB?
Stefan Niedermaier: Ich habe mich riesig gefreut.
Nach dem 2:0?
Etwas weniger Freude, ich habe geahnt, dass es gefährlich werden könnte, aber gehofft, das 2:0 in die Pause zu bringen.
Aber kurz vor der Pause kam das 2:1.
Da kamen Déjà-vu-Gedanken auf.
Wie war es beim 2:2?
Es blieb die Hoffnung.
Und dann, kurz vor Schluss, beim 2:3?
Unverständnis, Ratlosigkeit, grosser Frust.
Viele YB-Fans haben das Stadion sofort nach Spielschluss verlassen. Aber Sie mussten wohl bleiben.
Ja, wir waren im Auftrag des Fussballverbands für die Organisation im Stadion zuständig. Wir mussten sicherstellen, dass keine Fans auf den Platz stürmten. Zum andern musste ich für die Leute, die in der Vorbereitung hart gearbeitet haben, tröstende Worte finden. Dasselbe nachher auch bei der Mannschaft. Wir haben wie immer gemeinsam gegessen. Natürlich war die Stimmung getrübt. Ich habe versucht, mit jedem zu sprechen und aufbauende Worte zu finden, so gut das eben so kurz nach dem Spiel ging.
«Wo ist YB, wenn es zählt?», schrieb die «Basler Zeitung» vorgestern im Online-Dienst.
YB hat unter Trainer Petkovic eine grosse Anzahl Spiele gewonnen, YB hat Tausende Minuten hervorragenden Fussball gespielt und viele Fans begeistert.
Und doch: Jetzt geht das Wort «Verlierermentalität» um.
Daran müssen wir arbeiten, diesen Makel lassen wir nicht auf uns sitzen. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie gewinnen kann. Aber es ist sicher so: In einem Spiel ohne zweite Chance muss YB mental deutlich stärker werden.
Wieso hat YB nach Ihrer Analyse verloren?
Es war ein Zusammentreffen vieler kleiner Details, die dazu führten, dass die Mannschaft im entscheidenden Moment nicht als Team auftreten konnte. Es soll nicht nach Entschuldigung tönen, aber einige Spieler sind angeschlagen angetreten oder sind während des Spiels verletzt worden. Das führte zu taktischen Veränderungen, die wiederum bewirkten, dass wir nicht unser Spiel machen konnten. Dazu kamen individuelle Fehler, die den Gegner ins Spiel gebracht haben.
Da und dort wird der Gedanke aufgekommen sein: Es fehlte ein Regisseur, es fehlte vielleicht jemand wie Hakan Yakin.
Das Thema Yakin wird hier erstmals angeschnitten, seit er weg ist. Die Mannschaft kommt gut ohne ihn aus, auch er hat in entscheidenden Spielen nicht geglänzt. Gilles Yapi hat als Regisseur Verantwortung übernommen und – mit einem angerissenen Innenband – lange gut gespielt. Aber man kann die Niederlage nicht an einzelnen Spielern aufhängen. Die Mannschaft hat zusammen verloren. In der Verantwortung stehen alle, Spieler, Trainer, Betreuer.
Insbesondere das Defensivverhalten war schlecht. Gehen Sie jetzt auf Einkaufstour?
Die Frage, ob jede Position mit der bestmöglichen Person besetzt ist, wird in einem Klub, der höchste Leistungen erbringen muss, dauernd gestellt. Sicher wird es auf die nächste Saison hin Veränderungen geben, aber nicht wegen des Cupfinals, sondern weil das ein laufender Prozess ist.
Im Fussball geht es um Finanzen. Haben Sie auch daran gedacht, wie viel Geld YB mit der Niederlage verspielt hat?
Ein Sieg hätte bestimmt viele positive Veränderungen gebracht, die sich auch finanziell ausgewirkt hätten. In den nächsten 12, 18 Monaten wäre die Planungssicherheit grösser, und es würde eine noch grössere Euphorie herrschen. Trotz der Niederlage: Wir stehen mit dem Klub auf einem gesunden Fundament. Es hat jetzt vielleicht einen Riss bekommen, wir bauen aber weiter auf langfristige Sponsoren- und VIP-Verträge.
Als Cupsieger hätten Sie eine bessere Ausgangslage im Uefa-Cup gehabt, statt in der dritten hätten sie in der zweiten Qualifikationsrunde einsteigen können.
Sicher zählt das, aber auch dann hängt viel vom Gegner ab, der zugelost wird. Das Ziel, im Europacup zu spielen, haben wir mit dem dritten Rang in der Meisterschaft erreicht – aber das ist ein schwacher Trost. Mit einem Cupsieg im Rucksack könnten wir sicher anders auftreten.
Über allen Erwägungen steht ja, dass YB seit über 20 Jahren einem Titel nachrennt.
Jede Saison fängt wieder bei null an. Wir werden alles daransetzen, um diesen Bann so bald wie möglich zu brechen.
Ihr Rezept, damit der Titel endlich kommt?
Man muss die Saison analysieren und Schwächen ausmerzen. Wenn wir überall dort, wo wir noch nicht bei 100 Prozent sind, sauber, ernsthaft und ehrlich arbeiten, wird es auch Fortschritte geben. Wir müssen versuchen, der ganzen Liga einen Schritt voraus zu sein. Die Mannschaft ist auf einem guten Weg, sie muss punktuell verstärkt werden, aber wir dürfen nicht alles infrage stellen. Sie können aber sicher sein, dass wir alles kritisch hinterfragen.
«Alles kritisch hinterfragen» würde auch bedeuten, sich mit dem Geschehen in- und ausserhalb des Stadions auseinanderzusetzen. Wer war zuständig für die Sicherheit im Stadion?
Veranstalter war der Schweizer Fussballverband. In seinem Auftrag haben wir die Dispositive zur Sicherheit und Organisation umgesetzt. Wir haben an den Stadioneingängen einiges an Feuerwerksmaterial sicherstellen können, offenbar aber nicht genug.
Wie viel Material war das?
Wir haben ein paar Taschen und Rucksäcke erwischt, aber offensichtlich wurde doch einiges hineingeschmuggelt. Für uns ist das höchst bedauerlich. Wir versuchen, mit den Fanorganisationen zu arbeiten, aber es gelingt nicht, die ganze Fangemeinde anzusprechen. Wenn etwas so «in» ist wie YB vor dem Cupfinal, zieht das offensichtlich Leute an, die nicht führbar sind. Leute, die nur eines im Sinn haben: Krawall. Dafür liefert der Fussball die richtige Plattform, da gibt es die nötige Masse an Menschen. Wir haben im Stadion aber sicherstellen können, dass der Match ruhig über die Bühne ging.
Es sind nach dem Abpfiff keine Zuschauer aufs Feld eingedrungen. War das für Sie schon ein Erfolg?
Ja, in den letzten Cupfinals hat es das – ausser im Stade de Suisse – immer gegeben. Bilder wie nach dem Spiel Luzern - Sion, als Fans den Platz stürmten und sich prügelten, wollte am Mittwoch niemand sehen. Die Pyroaktionen verurteilen wir aufs Schärfste, aber dieses Problem wird nicht so einfach lösbar sein.
Wieso werden keine Leibesvisitationen durchgeführt?
Das geht nicht, da müssten Sie eine Masse an Personal aufbieten, oder aber es würde sechs, sieben Stunden dauern, bis 30000 Leute im Stadion wären.
Betroffen ist im Fall der YB-Fans eigentlich nur der Sektor D. Dort müsste rigoroser untersucht werden.
Das tun wir, davon können Sie jederzeit einmal einen Augenschein nehmen. Aber man kann nicht bei jeder Person jeden Zentimeter des Körpers abtasten.
Ich selber war im Sektor D und bin kaum untersucht worden.
Junge werden eben genauer untersucht als etwas ältere Männer.
Was ist mit jenen passiert, die bei den Kontrollen mit Pyromaterial erwischt worden sind?
Wir haben die Leute, es war eine Handvoll, der Polizei übergeben.
Werden die Unbelehrbaren, die Feuerwerk gezündet haben, zur Rechenschaft gezogen?
Ja. Wir haben Videomaterial in sehr guter Qualität. Dieses Material wird ausgewertet, die Leute werden identifiziert, verzeigt und mit einem Stadionverbot belegt.
Wie viele Stadionverbote sind in Kraft?
Zwischen 40 und 50. Diese Verbote gelten für zwei Jahre. Je nach Fall kommt das Programm «Zweite Chance» zur Anwendung, d.h., die Leute können mit Begleitung den Beweis erbringen, dass sie aus dieser Geschichte gelernt haben. Diesen konstruktiven Dialog müssen wir vielleicht überprüfen. Wenn wir merken, dass er nichts nützt, müssen wir härter durchgreifen.
Wird YB wegen des Abbrennens von Feuerwerk gebüsst werden?
Wenn man es an einem Spiel der Super League misst, haben die Fackeln eine Busse von 6000 bis 8000 Franken zur Folge.
Der Stadtberner Polizeidirektor Reto Nause hat erklärt, die Stadionverbote seien nicht rigoros durchgesetzt worden, die Sicherheitskontrollen hätten versagt.
Nach einer solchen Veranstaltung kernige Aussagen zu machen, ist ziemlich einfach. Wir werden zusammen mit allen Verantwortlichen alle Abläufe und Massnahmen genau hinterfragen. Dann kann man urteilen, was misslungen und was gelungen ist. Man kann sich zum Beispiel auch fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, die Extrazüge mit den Walliser Fans statt zum Hauptbahnhof zur Station Wankdorf zu bringen. Es ist aber falsch, wenn man vor einer gemeinsamen Analyse einander die Schuld in die Schuhe schiebt.
Das Alkoholverbot im Stadion hat – mit Blick auf die Krawalle nach dem Spiel in der Stadt – nicht viel genützt.
Die Fans waren ja schon auf dem Marsch zum Stadion ziemlich alkoholisiert. Da müsste man wohl ein regionales Alkoholverbot aussprechen, und auch das würde nichts nützen. Alkohol spielt in der ganzen Bewegung leider eine grosse Rolle.
Fifa-Präsident Josef Blatter verlangt, dass auch Schweizer Stadien nur noch Sitzplätze anbieten sollten, weil es dann weniger Zwischenfälle gäbe.
Wir haben ja im Stade de Suisse nur Sitzplätze. Unsere Analyse ist klar: Wir hatten in der Stadt böse Ausschreitungen, die unter dem Einfluss von Alkohol geschahen. Hier im Stadion haben wir ein friedliches Fussballspiel erlebt, allerdings mit 30 Vollidioten, die Feuerwerk abgebrannt haben. Die standen vor ihren Sitzplätzen. Es wäre auch für Herrn Blatter schwierig, den Leuten in einem Stadion zu befehlen, sich zu setzen. Ein Fussballspiel ist keine Oper.
«Ein friedliches Fussballspiel im Stadion». Sieht das der Fussballverband auch so?
Ja. Der Verband war mit unserer Arbeit sehr zufrieden. Auch wenn das nach Schönreden tönt: Wir haben für die gesamte Durchführung grosse Komplimente erhalten. Das versteht niemand, der gesehen hat, dass Feuerwerk gezündet wurde, aber wir werden sicher nicht müde, noch mehr und noch besser zu kontrollieren.
Also machen Sie in Sachen Fanarbeit noch nicht genug?
Wir haben sehr viel gemacht, wir haben einen YB-Match mit speziellem schwarzem Trikot dem Thema Antirassismus und Gewalt gewidmet, mehrmals ist die Mannschaft mit speziellen Banderolen gegen Gewalt und Rassismus eingelaufen. Wir haben ein Fanprojekt, wir haben Spieler und Fans zusammengebracht, und die Spieler haben sich gegen Feuerwerk ausgesprochen.
Die Polizei hat bei Krawallen in der Stadt 60 Leute festgenommen, alle waren kurz darauf wieder frei. Sollten Krawallanten härter bestraft werden?
Eindeutig. In England sind Schnellrichter vor Ort, die Gewalttäter im Stadion mit einem Stadionverbot auf Jahre hinaus und mit einer anständigen Busse und Gefängnis belegen. Wenn Eltern oder Lehrmeister erfahren, dass ihr Kind oder ihr Lehrling hinter Gittern steckt, hat das eine andere Wirkung. Es liegt nicht an mir, das Gesetz zu ändern, aber Strafen, die einen höheren Leidensdruck bewirken würden, würden wir sicher unterstützen. Ich wäre dafür, im Stadion auf der Grossleinwand die Leute zu zeigen, die ein Stadionverbot haben.
Aber das dürfen Sie nicht.
Nein, da würden wir geprügelt. In St. Gallen hat die Polizei das gemacht, sie wollte die Informationen, die sie hat, transparenter machen. Der Leidensdruck bei den Übeltätern muss steigen. Der Klub ist nicht der Täter, Geisterspiele, Bussen schaden nur dem Klub. Die meisten der 30000 Zuschauer sind auch keine Täter, das trifft vielleicht auf ein Prozent davon, 300, zu.
Die Polizeikosten für den Cupfinal haben ein Mehrfaches der 60000 Franken gekostet, die Sie der Stadt jährlich für die Sicherheit bezahlen. Wie stehen Sie zu Forderungen, Fussballklubs müssten für die gesamten Sicherheitskosten aufkommen?
Ein Klub kann nicht für etwas aufkommen, dass er nicht verursacht hat. Im Fokus muss stehen, die Leute zu erwischen, die randalieren. Der Klub, der Sport ist das Opfer. Wir sind nicht die Täter, wir verteilen keine Fackeln. Der Fluch ist, dass viele die Provokation suchen. Sie haben mit YB und Fussball nichts zu tun, sie warten, bis das Spiel vorüber ist, und suchen den Krawall.
Sie wollen also nicht mehr bezahlen.
Ich habe Verständnis für die Leute und Politiker, die finden, wir müssten mehr bezahlen. Aber was wird geschehen? Wir müssten die Eintrittspreise erhöhen, und es kämen weniger Zuschauer. Gut, damit hätten wir vielleicht das Problem gelöst, aber in absehbarer Zeit gäbe es vielleicht keinen grossen Fussballklub mehr in Bern.
Am Sonntag spielt Luzern im Stade de Suisse. Da gibt es schlechte Erinnerungen ans letzte Spiel. Sicherheitsleute der Protectas haben mit Gewalt ein Transparent aus der Luzerner Fanzone herausgeholt.
Die Untersuchung ist abgeschlossen, und wir haben Fehler eingestanden. Wir haben mit den Luzerner Fangruppen mehrere Treffen gehabt, wir haben uns kulant gezeigt und für die Luzerner Fanarbeit Geld gegeben. Der Konflikt ist gelöst.
Sie erwarten am Sonntag also keine Konflikte?
Wir müssen auf alles vorbereitet sein, auch in der Luzerner Szene gibt es – wie bei uns – Bewegungen, die dem Fussball wenig förderlich sind. Aber grundsätzlich erwarte ich ein ruhiges Spiel.
Was erwarten Sie fussballerisch?
Es ist eine Charakterfrage. Die Mannschaft muss den wahren Charakter zeigen, aber auch die Fans müssen sich von ihrer besten Seite zeigen.
Die Fans kommen nach der Enttäuschung im Cupfinal vielleicht gar nicht.
Dann sind es keine Fans. Ein echter Fan gewinnt und verliert mit YB. Aber sicher gibt es keinen Zuschauerrekord.
Die Niederlage im Cupfinal steht am Ende einer Saison, die für YB halt doch ein bisschen enttäuschend war.
In dieser Saison hat es viele tolle Momente mit vielen guten Spielen gegeben. Schön, sind wir nach drei Jahren wieder in den Cupfinal gekommen. Das hat die ganze Stadt bewegt, aber eine solche Niederlage ist brutal. Die ganze Saison können wir erst beurteilen, wenn wir gegen Basel gespielt haben.
Sie haben vor ein paar Jahren einmal erklärt, das Ziel sei in der folgenden Saison Rang drei, dann Rang zwei, dann eins.
Das ist definitiv nicht aufgegangen. Aber man muss sich im Leben doch Ziele setzen. Auch dieses Jahr haben wir Schritte vorwärts gemacht. Um in den Cupfinal zu kommen, mussten wir gegen GC und Basel gewinnen. Aber wir haben es nicht geschafft, einen Pokal nach Hause zu holen. (Der Bund)
Erstellt: 26.05.2009, 13:56 Uhr
Bern
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