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«Wir können die Young Boys in eine europäische Liga bringen»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 15.12.2009

Nicht Doumbia, die Mannschaft ist der Schlüssel zum Erfolg, sagt Vladimir Petkovic, Trainer des Wintermeisters YB.

Vladimir Petkovic. (Adrian Moser)

Vladimir Petkovic. (Adrian Moser)

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Vladimir Petkovic

Vladimir Petkovic, Jahrgang 1963, ist in Sarajevo geboren und aufgewachsen. Er besuchte das Gymnasium und studierte zwei Jahre lang Jus, bevor er Profifussballer wurde, sich daneben aber auch zum Sozialarbeiter ausbilden liess. 1987 kam er in die Schweiz und spielte bei Chur, Sion, Martigny, Bellinzona und Locarno. Seine Trainerkarriere führte ihn von Bellinzona (97/98) über Agno (99/2004), Lugano (04/05) und Bellinzona (05/08) zu den Young Boys, die er seit August 2008 trainiert. Vladimir Petkovic ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er wohnt in Zollikon und Locarno. (bur)

Herr Petkovic, YB ist mit sieben Punkten Vorsprung Wintermeister. Was will ein Trainer mehr?

Im Moment stimmts, aber wir müssen noch mehr leisten. Ziel ist es, den Meisterschaftspokal zu gewinnen.

YB hat den besten Torschützen, die meisten Zuschauer. Kann man das noch steigern?

Man kann sich immer steigern, das habe ich auch den Spielern gesagt. Wenn sie 100 Prozent gegeben haben, erwarte ich beim nächsten Mal 105 Prozent – auch von mir, auch von der Umgebung, auch von den Zuschauern. Die Kulisse sollte immer so sein wie gegen den FC Basel.

Ist es nicht belastend, dass erstmals seit 1987 für YB unbedingt ein Titel her muss?

Es ist eine positive Belastung. Diese Situation habe ich auch schon bei Bellinzona gehabt, das 22 Jahre lang nicht mehr in der obersten Liga war. Wir haben dieses Ziel erreicht. Aber man soll nicht übertreiben: Am Ende ist Fussball nur ein Spiel, das man mit Geduld, Freude und Leidenschaft betreiben muss.

Wie stark steckt in Ihrem Hinterkopf und auch in jenem Ihrer Spieler, dass sie im Cupfinal 2009 versagt haben?

Ich sehe das nicht als Versagen, sondern als grossartige Leistung, dass wir im Cupfinal waren. Dort haben wir das Unglück provoziert: Zuschauer provozierten die Spieler des FC Sion, und die zeigten eine Reaktion. Aber von einem Versagen kann ich nicht reden. Das Einzige, was in der neuen Saison bisher nicht geklappt hat, war die Qualifikation für die Europa League.

Wie wichtig war das?

Das spielte keine sehr grosse Rolle. Wir haben gegen einen sehr starken Gegner in zwei Spielen ein 2:2 erreicht und waren die bessere Mannschaft. Der FC Bilbao liegt jetzt auf dem guten sechsten Platz in der spanischen Liga und hat sich für die Zwischenrunde in der Europa League qualifiziert.

Ist es Ihr höchstes Ziel, YB in die Champions League zu führen?

Das muss immer ein Ziel sein. Wir wollen Meister werden, damit der Gang in die Gruppenphase der Champions League leichter wird.

Ist Doumbia der Schlüssel zum YB-Erfolg?

Nein, die Mannschaft ist es. Ein Spieler wie Doumbia profitiert von der Mannschaft. Das hat man in einigen Spielen gesehen, als Doumbia nicht dieselbe Wirkung wie sonst erzielte, weil auch die Mannschaft schlechter spielte.

Ist der Trainer der Schlüssel zum Erfolg?

Nein. Ich bin der Koordinator, der etwas bewegt und Ideen bringt. Die Spieler nehmen die Ideen auf und versuchen, sie umzusetzen. Das ist bis jetzt gut gegangen. Vielleicht habe ich etwas in Richtung Siegermentalität bewirkt, in Richtung der Mentalität, überall gewinnen zu können. Aber wir müssen noch vieles verbessern.

Was macht den guten Trainer aus?

Er muss viel arbeiten und gut zuhören können und ein gewisses Talent haben.

Und wie äussert sich das Talent eines Trainers?

Bauchgefühl, die Fähigkeit, einen Konflikt zu verhindern, bevor er ausbricht, ein Spiel zu lesen und die richtigen Ein- und Auswechslungen vorzunehmen.

Muss ein Trainer über eine gewisse Autorität verfügen?

Er muss authentisch sein, er darf nicht schauspielern. Er muss glaubwürdig sein, eine eigene Linie finden und dieser Linie folgen. Wer respektiert, dem wird auch Respekt entgegengebracht. Als Zuschauer sieht man den Trainer an der Linie schreien und Anweisungen geben und denkt: Das hören die Spieler ja gar nicht. Doch, die Reaktion des Trainers ist sehr wichtig. Nötig ist eine Technik, wie man kommunizieren kann: Bei 30?000 Zuschauern kann man nicht auf die andere Seite schreien, da muss man Verantwortung auf Spieler in der Nähe übertragen oder in einem Spielunterbruch eine Leaderfigur zu sich rufen. Auch in der Pause und bei Auswechslungen kann man etwas bewegen.

Es gibt verschiedene Trainer-Temperamente. Ein Felix Magath regt sich auf, tritt gegen die Reklamenbande. Sie sind eher der ruhige Typ.

Das ist eine Stilfrage. Auch bei mir sind oft Emotionen mit im Spiel, es ist wichtig, dass die Unzufriedenheit rauskommt, man will ja etwas bewegen.

Ich habe Sie noch nie wütend an der Linie gesehen.

Doch, das kommt vor. Etwa beim Spiel gegen Bilbao. Oder als wir letztes Jahr gegen Aarau in den letzten Minuten zwei Penaltys eingefangen haben.

Sie seien ein Perfektionist, sagt man Ihnen nach. Was heisst das?

Dass man sich immer steigern kann. Wir haben mit YB eine Grundordnung, jetzt kann man Details verbessern. Es gibt immer etwas zum Perfektionieren.

Zum Beispiel, indem man im Training Freistösse bis zum Umfallen übt?

Ja, das ist eine unserer Schwächen. Auch das Penaltyschiessen könnte perfektioniert werden. Penaltys kann man üben. Aber im Training eine gleiche Situation zu finden wie im Spiel, ist schwieriger.

Sie sind jemand, der sein Team offensiv spielen lässt. Aus Prinzip?

Es ist meine Überzeugung. Bei unserer taktischen Grundaufstellung ist aber das defensive Verhalten sehr wichtig. Wenn wir den Gegner schon 70 Meter vor unserem Tor angreifen, haben wir immer noch viele Möglichkeiten, einen Fehler gutzumachen. Wenn wir erst 30 Meter vor unserem Tor angreifen und ein Fehler passiert, wird es gefährlich. Das ist meine Philosophie. Im offensiven Bereich gebe ich zwar Ideen, aber unsere Stürmer haben viele Freiheiten. Das macht es für den Gegner schwierig.

Wenn Regazzoni die Seite wechselt, macht er das aus eigenem Antrieb?

Manchmal schon auf meine Intervention. Aber für mich ist vor allem die Grundordnung in der Defensive wichtig.

Ist Angriff auch im Fussball die beste Verteidigung?

Ja. Ich schaue nicht so viel auf den Gegner, auch wenn man natürlich seine Schwächen ausnutzen muss. Aber ich sage meiner Mannschaft immer: Wir sind in der Hauptrolle.

Vieles spielt sich auch im Fussball im Kopf ab. Ist ein Trainer auch ein Pädagoge und Psychologe?

(Lacht.) Manchmal sogar ein Psychiater. Man muss Lehrer sein, spontan verschiedene Rollen übernehmen und selber davon überzeugt sein.

Als Trainer haben Sie in zwölf Jahren einen steilen Aufstieg gemacht, von Agno in der ersten Liga über Bellinzona zu YB.

Mit Agno war ich zweimal Tabellenführer, bin aufgestiegen und habe den vierten Platz in der Challenge League erreicht. Mit Bellinzona habe ich zweimal Aufstiegsspiele gemacht, und mit Bellinzona und YB war ich im Cupfinal. Vielleicht ging es zuletzt ein bisschen schnell, aber ich habe das in zwölf Jahren vorbereitet und zuvor einige Jahre Junioren trainiert.

Sie sind ein Sonderfall unter den Trainern, Sie sind noch nie entlassen worden.

Da habe ich Glück gehabt. Das ist auch eine schöne Bestätigung für meine Arbeit. Ich habe bis jetzt auch nur dreimal die Mannschaft gewechselt.

Entlassungen gehören zum Geschäft – steckt das nicht im Hinterkopf eines jeden Trainers?

Deshalb ist Locarno nach wie vor mein Standort. Als Trainer weiss man nie, ob man 10 Monate oder 10 Jahre bleibt.

Im Tessin haben Sie neben der Trainertätigkeit als Sozialarbeiter bei Caritas gearbeitet. Worin genau bestand Ihre Tätigkeit?

Ich hatte mit Spendern zu tun und habe Beschäftigte geführt, bei denen es sich vor allem um Arbeitslose, Sozialfälle oder Menschen mit Drogenproblemen handelte, die in der Arbeitswelt wieder Fuss fassen sollten. Vorher war ich zwei Jahre lang als Erwachsenenbildner tätig.

Jetzt machen Sie etwas völlig anderes, jetzt arbeiten Sie mit Gut- und sogar Grossverdienern zusammen.

Alle sind Menschen, alle brauchen Unterstützung und müssen sich vielleicht in der einen oder andern Weise verbessern. Man muss bereit sein, Menschen anzuhören und zu korrigieren. Bei Caritas war die langfristige Arbeitslosigkeit das Problem, die Frage, ob Caritas gleich viel bezahlt wie das Arbeitsamt. Um Bezahlung geht es auch beim Fussball.

Der Job eines Trainers sei von dem eines Sozialarbeiters gar nicht so verschieden, haben Sie einmal gesagt.

Nein. Es geht in beiden Fällen darum, die Leute zu motivieren und Erfolg zu haben. Beim Fussball heisst Erfolg drei Punkte, bei der Sozialarbeit ist es ein Erfolg, wenn einer am Morgen erscheint und einen freien Kopf für die Arbeit hat.

Sie sind 1987 aus Sarajevo in die Schweiz gekommen. Haben Sie geahnt, dass im damaligen Jugoslawien Krieg drohte?

Überhaupt nicht, ich war von 1987 bis 1992 mindestens zweimal jährlich in Sarajevo. Es war eine multikulturelle Gesellschaft. Bis zuletzt spürte man nichts vom kommenden Krieg, man hat über solche Sachen gar nie geredet.

Der Krieg war ein Schock . . .

. . . ein Schock und eine Überraschung. Der Krieg kam etappenweise, begonnen hat alles in Slowenien. In Sarajevo haben die Leute nicht geglaubt, dass der Krieg auch bei ihnen ausbrechen könnte.

Wie beurteilen Sie heute die Situation in Ihrer ehemaligen Heimat?

Bosnien ist heute ein Klein-Jugoslawien. Es ist viel Geld ins Land geflossen, aber es ist keine industrielle Basis entstanden. Es gibt viele private Geschäfte, aber keine Grossindustrie, niemand will investieren.

Sie sind seit 2002 Schweizer. Hatten Sie Probleme mit der Einbürgerung, wie es für Menschen mit «ic» manchmal vorkommt?

Man wurde kritisch angesehen, hatte aber das Glück, schon etwas bekannt zu sein und in einer Branche zu arbeiten, die anerkannt war.

Hat Sie das Geschehen in Ex-Jugoslawien besonders für Probleme wie Diskriminierung und Rassismus sensibilisiert?

In meiner Erziehung war das nie ein Thema. Ob Muslim, Jude oder Katholik – darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Das kam erst mit dem Krieg. Da hat man sich gefragt, woher plötzlich diese Hassstrukturen kommen.

In einer Fussballmannschaft kann es ja auch Spannungen zwischen Schwarz und Weiss geben.

Nicht bei YB. Spannungen gibt es vielleicht zwischen zwei Stürmern und einem linken Verteidiger und einem linken Mittelfeldspieler.

Das Schwierigste ist es wohl, einem Spieler zu sagen, dass er heute nur auf der Ersatzbank sitzt.

Ja, und ich sage jeweils nicht, weshalb. Manchmal gibt es reale, manchmal taktische Gründe, manchmal geht es auch nur um ein Bauchgefühl.

Ist eine Fussballmannschaft ein gutes Beispiel dafür, wie verschiedene Charaktere, Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen etwas erreichen können?

Ja sicher. Es gibt das gemeinsame Ziel, den Titel zu holen oder kurzfristig: drei Punkte zu holen. Da haben rassistische oder nationalistische Gedanken keinen Platz.

Beteiligen Sie sich an Abstimmungen?

Ja.

Was sagen Sie zum Ausgang der Minarett-Initiative?

Vielen Leuten ging es nicht um Religion, es ging ihnen vor allem gegen dieses Gotteshaus, die Moschee.

Fühlen Sie sich eher als Schweizer denn als Kroate?

Ich fühle mich sehr international, sehr europäisch. Ich hatte in der Schweiz nie Probleme, nicht in Graubünden, nicht im Wallis, im Tessin, nicht in Bern. Ich habe mich überall gut eingelebt. Vielleicht hätte ich jetzt mehr Probleme in Bosnien oder Kroatien. Die wichtigere Hälfte meines Lebens habe ich in der Schweiz verbracht.

Haben Sie sich über den U17-Weltmeistertitel gefreut?

Ja sicher. Nicht nur für dieses Team, es ist gut für unseren Beruf, für jeden von uns, der im Schweizer Fussball tätig ist, der unsere Trainerschule gemacht hat. Auch für das internationale Ansehen der Schweiz war das gut.

Einen kleinen Wermutstropfen gab es doch: Bei der U17 gab es keinen YB-Spieler.

Aber im Kader der U18, U19 und U21 gibt es fast 10 YB-Spieler. Der FC Basel hat vor 10 Jahren mit 13- und 14-Jährigen angefangen, wir machen das jetzt auch. In Zukunft wird es in jeder Nationalmannschaft YB-Spieler geben. Wölfli und Regazzoni sind in der Nationalmannschaft, und Hochstrasser und Affolter haben Chancen, dorthin zu kommen.

Was geschieht mit YB, wenn Schlüsselspieler den Klub verlassen?

Doumbia wird man ja sicher nicht halten können. Niemand ist unersetzlich. Ich bin es nicht, und kein Spieler ist es. Das Team ist wichtig. Erst mit dem Erfolg des Teams hat der eine oder andere Spieler bei YB einen grösseren Wert bekommen, ist er für die Nationalmannschaft seines Landes ein Thema und gibt es Interesse an ihm im Ausland. Ich glaube nicht, dass beim FC Aarau jetzt über den einen oder andern Einzelspieler geredet wird.

Was macht ein Trainer in der Winterpause?

Man versucht, den Kopf zu leeren und für den Saisonbeginn zu planen. Weil Schneuwly verletzt ausfällt, müssen wir über einen neuen Stürmer nachdenken. Ich muss jeden Tag erreichbar sein, ich habe keine 100-prozentigen Ferien.

Sie reisen nicht in den Süden?

Nein. Bis Weihnachten bin ich im Tessin, dann bis Neujahr in Sarajevo.

Im Winter soll ja Ihr Vertrag mit YB verlängert werden.

Wir sind auf gutem Weg, ich will in Bern bleiben. Wir haben angefangen, etwas zu bewegen, wir können die Young Boys in eine europäische Liga bringen. (Der Bund)

Erstellt: 15.12.2009, 07:51 Uhr

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