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«Philosophie muss sich öffnen und auch Öffentlichkeit suchen»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 22.03.2010

Mit «Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?» hat Richard David Precht einen philosophischen Bestseller geschrieben.

Richard David Precht. (Sebastian Willnow/AFP)

Richard David Precht. (Sebastian Willnow/AFP)

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Richard David Precht

Richard David Precht, Jahrgang 1964, ist in Solingen in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Er studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln und promovierte 1994 in Germanistik. Nach einer Zeit als Assistent wandte er sich dem Journalismus zu.

1997 war Fellow bei der «Chicago Tribune», 2001 wurde er mit dem Publizistik-Preis für Biomedizin ausgezeichnet. Sein erstes Buch «Noahs Erbe» (1997) handelte von ethischen Problemen im Verhältnis von Mensch und Tier. In «Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution» (2005) befasste er sich mit der Jugend in seinem linken Eltern­haus.

«Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» (2007) wurde ein Bestseller. Ebenso sein neustes Buch «Liebe – Ein unordentliches Gefühl» (2009). Richard David Precht ist ver­heiratet und Vater eines Sohnes und Stiefvater von drei Kindern. Er lebt in Köln und Luxemburg. – Das vorliegende Interview ist im Rahmen der Preisverleihung des Swiss Excellence Award 2010 in Luzern entstanden. (bur)

Herr Precht, wie fühlt man sich als Bestsellerautor?

Richard David Precht: Es ist, obwohl dieser Status mittlerweile über zwei Jahre alt ist, immer noch keine Selbstverständlichkeit. Es war das 6. Buch, das ich geschrieben habe, und man geht, ausser man ist sehr naiv, nicht davon aus, dass es ein Bestseller wird. Und wenn es dann tatsächlich passiert, kommt es einem immer noch ein bisschen geträumt vor.

Von «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» haben Sie 800 000 Exemplare verkauft . . .

. . . es sind jetzt gegen eine Million. Auch in Frankreich ist das Buch ein Bestseller.

Wenn man das Buch in der Hand hat, fragt man sich als Erstes, was der Titel «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» eigentlich soll.

Er ist in einer feuchtfröhlichen Nacht in Leipzig auf der Buchmesse entstanden. Ein guter Freund von mir, der luxemburgische Autor Guy Helminger, hat diesen Titel in später Stunde erfunden. Ich habe sofort gedacht, dass das viel damit zu tun hat, wie Hirnforscher heute den Menschen sehen. Man könnte auch sagen: wie Soziologen den Menschen sehen, nämlich, dass wir in lauter Rollen zerfallen und kein «Ich» haben, sondern sehr unterschiedliche Ich-Zustände.

Mit diesem Buch wollen Sie dem Publikum Philosophie näherbringen. Man kann sich fragen: wozu heute überhaupt noch Philosophie?

Ich glaube nicht mehr, dass es die Aufgabe von Philosophen ist, sich neue Systeme auszudenken, an Systemen besteht kein Mangel. Die Aufgabe von Philosophen könnte darin bestehen, eine Orientierungshilfe zu leisten. Orientierungshilfe im Dickicht all der Wissenschaften, die heute Wissen über den Menschen zutage fördern.

War es nicht immer schon die Aufgabe der Philosophie, Orientierungshilfe zu geben?

Das war indirekt vielleicht so bei den alten Griechen und auch in der Aufklärung, also in den Zeiten, in denen Philosophie politisch und gesellschaftlich wichtig war. Im 20. Jahrhundert gilt das nicht, da ist die Philosophie zu einer Spezialwissenschaft verkommen.

Sie behandeln in Ihrem Buch verschiedene Themen, Vegetarismus, Sterbehilfe, Abtreibung. Aber was Sie selber für richtig halten, kommt kaum zum Ausdruck.

Indirekt habe ich in all den Kapiteln schon zum Ausdruck gebracht, was mir plausibel und was weniger plausibel erscheint. Aber es wäre kein Einführungsbuch geworden – und das soll es sein – wenn ich überall grössten Wert darauf gelegt hätte, meine Position durchzusetzen. Der Leser soll lernen, über sich selber nachzudenken; ich will ihm nicht Antworten um die Ohren hauen.

Aber Sie haben eine Meinung etwa zur Abtreibung?

Ich halte die 3-Monats-Fristenlösung alles in allem für das kleinste Übel.

In Ihrem Buch tauchen viele Philosophen auf. Haben Sie einen Lieblingsphilosophen?

Wenn ich von den klassischen Berühmtheiten auslesen könnte, mit wem ich gerne einmal zu Abend essen würde, dann würde ich mir vermutlich Epikur aussuchen, schon um in seinem schönen Garten zu sein. Epikur hat vorbildlich die Sinnlichkeit mit der Intellektualität des Lebens zusammengebracht. Also das Motto, das ich auch in meinem Buch bringe, dass nämlich Leben ohne Geniessen verhärmt und dass Geniessen ohne Lernen verblödet – das ist sinngemäss eine Weisheit von Epikur.

Man liest ein Buch, von dem man meint, es sei ein Philosophiebuch – und wird mit Hirnforschung konfrontiert. Wieso?

Heute geht das gar nicht mehr anders. Es gibt viele Bereiche der Philosophie, vor allem Erkenntnistheorie, für die heute in erster Linie Hirnforscher zuständig sind und nicht mehr Philosophen. Wir haben heute diese fantastischen Instrumente, mit denen wir Vorgänge im Hirn beobachten können. Es wird eine Zeit geben, in der sich die Hirnforschung noch viel stärker in die Gesellschaft einmischen wird, als sie das jetzt schon tut; sie wird einen Teil des Erbes der Philosophie antreten.

Was nützt es aber, wenn ich genau weiss, dieser und jener Vorgang spielt sich in diesem oder jenem Teil meines Gehirns ab?

Praktisch nützt das ganz viel. Wenn Sie einen bestimmten Defekt haben, der Sie zu einem unmoralischen Menschen macht, können Sie das medikamentös behandeln, indem Sie zum Beispiel die ventromedialen Regionen manipulieren. Das ist ein sehr spannendes Wissen, das direkt eingesetzt werden kann.

Sie werden heute schon als Deutschlands «Starphilosoph» bezeichnet. Wie werden Sie damit fertig?

Darüber mache ich mir nicht allzu viele Gedanken. Die Zeitungen haben sich eine ganze Reihe lustiger Titulierungen ausgedacht, etwa «Der Mick Jagger des Sachbuchs» oder auch «Popphilosoph». Das mögen vor allem meine Stiefkinder, die mich mit diesen Begriffen aufziehen. Wenn ich sie zur Ordnung rufen will, sagen sie: Von einem Popphilosophen lasse ich mir nichts sagen.

Sie versuchen ja auch, Philosophie in einer verständlichen Sprache zu bringen. Bringt Sie das in Misskredit bei der Gilde der Philosophen an den Hochschulen?

Nein, es bringt mich in Misskredit bei zwei Feuilletonredaktoren, einem bei der FAZ und einem bei der «Süddeutschen Zeitung». Ich werde häufig für Vorträge von Universitäten eingeladen, ich war in Lüneburg, in Karlsruhe, in Köln, in Essen. Jedes Mal war die Aula mit Studenten aus allen Fakultäten voll. Das ist sehr erfreulich für die Universitäten und auch für die philosophischen Fakultäten, die auf einmal einen hohen Zuspruch erhalten. Nachdem Philosophie in Deutschland lange Zeit ein sehr verschlafenes Dasein hatte, wird sie plötzlich zum spannenden Thema.

Gerade für Philosophie, aber auch für Sozialwissenschaften gilt doch an deutschsprachigen Hochschulen, dass man sich in einer unverständlichen Fachsprache gefällt.

Für die deutsche Hochschulphilosophie gilt das weitgehend, auch ich bin so sozialisiert worden: Meine Dissertation ist unlesbar. Aber wenn Philosophie nicht irgendwann aus all den Lehrplänen rausgekürzt werden soll, muss sie der Gesellschaft beweisen, dass sie wichtig ist. Sie muss sich gegenüber den andern Wissenschaften stärker als bisher öffnen, und sie muss auch die Öffentlichkeit suchen.

Machen das die Amerikaner vor?

Ja, zum Teil auch die Franzosen und die Engländer. Die Deutschen hinken dieser Entwicklung dramatisch hinterher.

Insgesamt haben Sie bisher sieben Bücher geschrieben. Eines interessiert mich besonders, nämlich das über Ihre Jugend in einem linken Elternhaus. «Lenin kam bis Lüdenscheid», heisst es. Distanzieren Sie sich heute von dieser Jugend?

Nein. Ich hatte alles in allem eine glückliche Kindheit, bin aber für eine Gesellschaft erzogen worden, die nie gekommen ist. Der real existierende Sozialismus hat nicht funktioniert und ist aus guten Gründen zusammengebrochen. Aber die Eltern, die Kinder aus Vietnam adoptiert hatten, gaben uns positive Impulse. Sie brachten uns bei, uns durchzusetzen, auch wenn wir Minderheitspositionen vertraten. Das Selbstbewusstsein, das ich heute auf der Bühne habe, ist auch ein Produkt meiner Erziehung. Sicher war es auch positiv, sich Gedanken um das Soziale zu machen und sich für die Schwachen zu engagieren. Das treibt mit bis heute an, aber natürlich könnte man solche Werte auch haben, wenn man aus einem sehr religiösen Elternhaus käme.

Aber es ist doch einiges von diesem linken Elternhaus übrig geblieben.

Ja, ich habe zu meiner Kindheit ein positives Verhältnis, ohne dass ich mich jetzt für die Einführung des Realsozialismus einsetzen würde, aber das würden meine Eltern in der Zwischenzeit auch nicht mehr. Übrig geblieben sind das Engagement, die Emphase und die Wahrheitssuche. Wenn Sie mit einem System konfrontiert werden, an das Sie glauben, und Sie erleben dessen Zusammenbruch, dann stellen Sie sich die Frage: Wenn das nicht gestimmt hat, was stimmt dann?

Wo stehen Sie in der kritischen Auseinandersetzung mit den 68ern, zu denen ja Ihre Eltern gehörten?

Insgesamt halte ich die 68er-Bewegung für ein hervorragendes Phänomen, ein moderner Mensch möchte kaum in einer Gesellschaft leben, die nicht von diesem Phänomen geprägt wäre. Der Muff der Adenauer-Zeit musste überwunden werden. Vieles, was man den 68ern heute in die Schuhe schiebt, hat überhaupt nichts mit ihnen zu tun.

Was ist bei Ihnen vom Antiamerikanismus Ihrer Eltern übrig geblieben?

Nichts.

Sie trinken also heute Coca-Cola.

Kaum, weil ich es nicht mag, und ich verwende auch kein Ketchup, weil es alles geschmacklich unkenntlich macht. Aber ich bin nicht antiamerikanisch. Ich habe einen kritischen Blick auf eine bestimmte Politik der USA, ich halte den Afghanistan-Krieg für so falsch wie den Irak-Krieg, aber das ist nicht gegen das amerikanische Volk gerichtet.

Sie sind ein politischer Mensch. Wen haben Sie bei den letzten Bundestagswahlen gewählt?

Das werde ich Ihnen nicht sagen. Ich stehe keiner Partei nahe und glaube nicht an die Zukunft unseres Parteiensystems. Alle Parteien sind sich einig, wir haben nur noch liberale Sozialdemokraten im Parlament. Auf die kleinen Unterschiede kommt es nicht mehr an.

Was soll dann an die Stelle von Parteien treten?

Das ist die spannende Frage, über die wir nachdenken müssen. Einen Schritt sehe ich für Deutschland, das Schweizer Konkordanzsystem zu übernehmen, das ich für klar besser halte als das Mehrheitssystem der Bundesrepublik, das sich überlebt hat. Wenn wir uns nicht Gedanken darüber machen, wie wir unser Politiksystem auffrischen, dann wird es ähnlich wie in Holland – wahrscheinlich von rechts – parteilose Populisten geben, die in Zeiten der Krise, von der ich annehme, dass sie grösser wird, die Macht übernehmen werden.

Wieso so pessimistisch? Mit der Wirtschaft geht es doch schon wieder aufwärts.

Langfristig gesehen geht es wahrscheinlich dramatisch abwärts. Was wir haben, ist eine riesige Blase.

Wieso?

Es ist relativ einfach zu erklären. Der Wohlstand der letzten 30 Jahre ist in Deutschland gleich wie etwa in Frankreich und England auf Pump finanziert worden. Wenn es diese Staaten nicht schaffen, sich durch gezielte Inflation zu entschulden – solche Gedankengänge gibt es – gehen sie bankrott. Griechenland geht uns da nur 10 oder 20 Jahre voraus. Aber die Variante, mit einer gezielten Inflation von jährlich 4 Prozent über 10, 20 Jahre die Schulden abschmelzen zu lassen, wird erstens nicht unbedingt funktionieren – es droht Hyperinflation – oder wird dazu führen, dass die Mittelschichten verschwinden, weil sie ihre Sparguthaben verlieren. Wir gehen also ganz turbulenten Zeiten entgegen.

Einen grossen Teil dieser Schuldenwirtschaft macht der Sozialstaat aus. Muss er abgebaut werden?

Ich will ihn nicht grundsätzlich abbauen, sondern würde auch ein paar andere Sachen abbauen – unsere militärischen Eskapaden in der Dritten Welt und in Afghanistan – aber nichtsdestotrotz ist natürlich der Sozialstaat viel teurer als das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan. Wir sehen aber zunehmend, dass die bürgerlichen Mittelschichten Aufgaben des Sozialstaats übernehmen, um den Kollaps zu verhindern. Das ist es, was ich meine, wenn ich in den Vorträgen sage: Letztlich sind wir selber für jeden Hartz-IV-Empfänger verantwortlich. Nehmen wir diese Verantwortung nicht wahr, können wir zugucken, wie unser Sozialstaat verschwindet.

Das ist Ihr Credo: Jeder sollte sich persönlich um Benachteiligte kümmern?

Ja, vor allem um die Kinder, weil das bei den Erwachsenen nicht gelingen wird.

Sie haben noch eine weitere Facette, die des Fussballfans.

Ich interessiere mich sehr für Fussball. Wenn etwas aus meiner Jugend unverrückbar geblieben ist, dann ist es der Lieblingsverein. Man kann in seinem Leben vieles wechseln, auch seine politischen Farben, aber seinen Fussballverein wird ein Mensch, der einigermassen Charakter und Gesinnung hat, nie ändern. Aufgrund meiner Kindheit ist mein Lieblingsverein Dynamo Kiew, auch wenn dieser Klub mittlerweile zwielichtigsten Oligarchen gehört.

Es gehört auch zu Ihrer Geschichte, dass Sie und Ihre Eltern sich 1974 bei der Weltmeisterschaft über den Sieg der DDR über die Bundesrepublik freuten und Sie nie für die deutsche Nationalmannschaft schwärmten. Ist das immer noch so?

Ich beginne, mich da etwas zu entspannen, seit mein sechsjähriger Sohn unverhohlen Sympathien für das deutsche Team zeigt. Über ihn freunde ich mich jetzt mit der Nationalmannschaft an.

Bei der WM in Südafrika hoffen Sie also, dass Deutschland weiterkommt?

Das nicht, aber ich werde auch nicht mehr direkt darauf hoffen, dass die Deutschen nicht weiterkommen.

Was wissen Sie über die Schweiz?

Da meine Mutter und mein Bruder in der Schweiz leben, verfolge ich einige Entwicklungen. Ich habe die Geschichte mit Blocher mitbekommen und habe auch mitbekommen, dass es Diskussionen über die Deutschfeindlichkeit der Schweizer und über das Bankgeheimnis gibt. Da muss ich ehrlich sagen: Ich halte die Aufrechterhaltung des Bankgeheimnisses für moralisch verwerflich, auch wenn die Schweiz dem einen Grossteil ihres Wohlstandes verdankt. Das Gleiche sage ich auch über Luxemburg, das meine Wahlheimat ist, ich lebe halb in Köln und halb in Luxemburg. Ich bin der Meinung, dass mit diesen Steueroasen Schluss sein muss.

Spüren Sie etwas von dieser Deutschfeindlichkeit, wenn Sie in der Schweiz sind?

Nein, aber ich bin ja auch nicht repräsentativ, ich nehme niemandem einen Arbeitsplatz weg.

Ihr nächstes Buch?

Das handelt vom Thema Moralpsychologie. Ich will herausfinden, wieso sich die meisten Menschen für gut halten und es trotzdem so viel Mist auf der Welt gibt. (Der Bund)

Erstellt: 22.03.2010, 11:49 Uhr

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