«Mein Einsatz hat sich wahrscheinlich doch gelohnt»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 01.02.2010
Roger Blum
Roger Blum, Jahrgang 1945, ist in Liestal aufgewachsen. Er studierte Geschichte und Staatsrecht in Basel, wo er 1976 auch doktorierte.
Von 1971 bis 1978 sass er für die FDP im Baselbieter Landrat. Seine journalistische Karriere startete er bei der «Basellandschaftlichen Zeitung» und den «Basler Nachrichten».
Von 1978 bis 1980 war er Chef des Inlandressorts der «Luzerner Neusten Nachrichten». Ab 1981 arbeitete Blum für den «Tages-Anzeiger», ab 1985 war er Mitglied der Chefredaktion. 1989 wurde er zum Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern ernannt. Ende Januar wird er emeritiert.
Von 1991 bis 2001 war er auch Präsident des Presserats, seit 2008 präsidiert er die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen. Roger Blum ist in zweiter Ehe verheiratet und aus erster Ehe Vater von zwei Kindern. Er lebt in Köln. (bur)
Herr Blum, Sie waren über 20 Jahre lang Professor für Medienwissenschaft an der Uni Bern. Sind Sie froh, dass die Pensionierung Tatsache wird?
Ein Stück weit schon. Viele Aufgaben, gerade auch im administrativen Bereich, werden mit der Zeit etwas lästig.
Sie haben ja auch einen langen Kampf für mehr Budget, mehr Stellen hinter sich.
Es war ein ewiger Kampf, zu einem schönen Teil auch ein erfolgloser Kampf, weil es immer noch nicht mehr als eine Professorenstelle gibt. Aber es ist doch gelungen, diese Stelle als definitive 100-Prozent-Stelle zu erhalten.
Sie sind mit 50 Prozent gestartet, später waren es 75 Prozent und erst 2004 100 Prozent. Das war doch fast etwas demütigend.
Ja, aber es war die logische Konsequenz aus einer Situation, in der die Ressourcen unglaublich knapp waren und sich die Situation nur langsam etwas verbesserte.
Sie waren unterprivilegiert, hatten 600 Studenten und mehr – ganz anders die Theologie, wo mehrere Professoren für relativ wenige Studenten lehren.
Wir hatten auf dem Höhepunkt bis 900 Studierende. Den Vergleich mit der Theologie habe ich ein paar Mal gemacht, der kam aber nicht gut an, vor allem nicht bei den Theologen. Das Fach Kommunikations- und Medienwissenschaft musste sich zuerst etablieren, es hat mittlerweile etwa in Zürich, Freiburg und Lugano auch keine schlechte Position. Aber in Bern ging es einfach nicht voran.
Wie erklären Sie sich das?
Wir waren zu klein, um überhaupt eine Chance zu haben. Um ein umfassendes Master-Fach zu werden, hätten wir massiv ausbauen müssen. Das konnte die Uni einfach nicht bezahlen.
Die Medienwissenschaft ist ein relativ neues Fach. Was ist eigentlich darunter genau zu verstehen?
Es ist die Wissenschaft, die sich vor allem um die öffentliche Kommunikation kümmert, die analysiert, wie die Medien auf die Gesellschaft einwirken, welche Chancen und Gefahren damit verbunden sind. Das Fach befasst sich also auch mit Gewalt in den Medien, ihrem Einfluss auf Kinder, mit der Geschichte der Medien, der Rolle der Medien in der politischen und ökonomischen Kommunikation. Das sind Themen und Gegenstände des Fachs Kommunikations- und Medienwissenschaft.
Wird das nicht alles schon durch Fächer wie Soziologie und Politologie abgedeckt?
Nein, es gibt nur wenige Universitäten, die Medien- oder Kommunikationssoziologie betreiben. In der Politikwissenschaft gab es sogar einmal eine Debatte, weil sie sich kaum mit politischer Kommunikation befasst. Die Lehrstühle in politischer Kommunikation, die es heute gibt, sind mehrheitlich im Fach Kommunikations- und Medienwissenschaft angesiedelt. Wenn man Bücher über politische Systeme in bestimmten Ländern liest, wird über Parlament, Regierung, Gerichte geschrieben . . .
. . . und doch sicher auch über den Einfluss der Medien auf Wahlen.
In ganz kleinen Kapiteln, manchmal nur auf 20 Zeilen in ganzen Büchern. Erstaunlich ist ja gerade, dass die Medien in den Analysen anderer Disziplinen auf der Seite gelassen werden, deshalb brauchte es unser Fach als sozialwissenschaftliche Ergänzung unbedingt.
Wollen die meisten, die dieses Fach studieren, in den Journalismus einsteigen?
Das war so vor 100 Jahren, als das Fach entstanden ist. Damals wollte man an der Uni Journalisten ausbilden. Das hat sich geändert. Heute ist ein grosser Teil der Absolventen in der Öffentlichkeitsarbeit oder in der Medientechnologie, im Mediendesign tätig. Viele nutzen ihre Kompetenzen als Zusatzqualifikation. Für jemanden mit einer wichtigen Funktion in einem Bundesamt oder in der Wirtschaft ist es von Vorteil, eine Ahnung von Kommunikation zu haben.
Bei uns, der Zeitung «Der Bund», melden sich sehr viele Interessenten mit dem Hintergrund Medienwissenschaft.
Das sind hauptsächlich Leute, die bei mir studiert haben. Ich stamme aus einer Schule, die den praktischen Journalismus mit der Wissenschaft verbunden hat. Von den aber etwa 7000 Studierenden der Medien- und Kommunikationswissenschaft in der Schweiz geht der kleinere Teil in den Journalismus.
So viele Stellen gäbe es auch nicht. Die Haltung vieler Medien ist die: Medienwissenschaft ist gut und recht, aber es braucht auf einer Redaktion auch Historiker, Juristen, Germanisten, Politologen, Ökonomen, Naturwissenschaftler.
Genau deshalb habe ich immer dafür plädiert, dass man nicht nur Medienwissenschaft belegen, sondern das Fach mit entsprechenden andern Fächern kombinieren soll. Wenn jemand zum Beispiel Germanistik oder Ökonomie kombiniert mit Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert, ist das eine sehr gute Voraussetzung für die Arbeit in einem Kultur- oder einem Wirtschaftsressort.
Mit Ihrem Abgang wird es die Verbindung zum praktischen Journalismus nicht mehr geben. Stört Sie das?
Es stört mich privat, von meiner eigenen Laufbahn her. Aber ich sehe ein, dass man nicht alles machen kann. Eine Uni in der Schweiz steht heute mit sehr guten andern Universitäten in der Schweiz, in Europa, in den USA im Wettbewerb. Das heisst: Man muss in international renommierten Zeitschriften publizieren und zeigen, was man geforscht hat.
Gerade diese Verwissenschaftlichung bringt dem praktischen Journalismus nicht viel.
Das ist die Frage. Wer Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert, soll, wie auch Absolventen anderer Fächer, die Möglichkeit haben, eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Das ist das eine. Das andere: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind für die Praxis unglaublich wichtig. Ein Journalist, der Medien- und Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft studiert hat und in einem Politikressort tätig ist, hat ein anderes Standing als einer, der einfach durch «Learning by Doing» zum Job gekommen ist.
Braucht es also ein Diplom, um Journalist zu sein?
Nein, aber es ist ein Vorteil, wenn Journalistinnen und Journalisten eine akademische Ausbildung haben, weil sie immer wieder mit Akteuren aus Politik und Wirtschaft konfrontiert werden, die selber sehr viel wissen und akademisch ausgebildet sind. Da ist es entscheidend, dass man auf einem ähnlichen Niveau steht wie die Leute, über die man schreibt. Journalistinnen und Journalisten ohne akademische Ausbildung haben einen Nachteil.
Es ist doch gut, dass Journalismus immer noch für jedermann offen ist.
Klar, aber es ist doch im Journalismus nicht mehr möglich, einfach irgendwie anzufangen.
Es braucht Kenntnisse. Ihre Nachfolgerin an der Universität Bern, Silke Adam, hat keinen Bezug zum praktischen Journalismus. Wäre das anders, wenn Sie ausgewählt hätten?
Nein. Es ist entschieden worden, das Fach auf politische Kommunikation zu fokussieren und es ins neu organisierte Departement Sozialwissenschaften einzubauen. Deshalb war klar, dass jemand mit ihrem Hintergrund gewählt wurde.
Nur noch 30 Prozent der Professoren an der Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät sind Schweizer. Und mit Frau Adam ist wieder eine Deutsche geholt worden.
Die sind einfach besser. Gerade im Bereich politische Kommunikation gibt es ganz, ganz wenige Schweizer, die infrage gekommen wären.
Wieso ist das so – haben Sie den Schweizer Nachwuchs zu wenig gut ausgebildet?
Wir sind ja nur ein kleines Institut. Bei mir hat nur eine kleine Zahl doktoriert und eine wissenschaftliche Karriere begonnen, und nur ein Viertel davon hat sich auf politische Kommunikation spezialisiert, weil ich ja die vier Schwerpunkte Mediensysteme, Journalismusforschung, Mediengeschichte und politische Kommunikation gelehrt habe. Im Übrigen ist die Universität eine Stätte, in der nicht die Kategorie der Nationalität, sondern der Qualität von Bedeutung sein sollte.
Ist es nicht doch etwas seltsam, dass uns an der Universität Bern eine deutsche Professorin erklären wird, wie politische Kommunikation in der Schweiz funktioniert?
Es geht ja nicht um eine Nabelschau, sondern ist doch spannend, wenn man internationale Vergleiche über politische Kommunikation macht und die Schweiz in diesen Rahmen stellt.
Braucht aber eine Person auf diesem Posten in Bern nicht ein sehr gutes Verständnis von den hiesigen politischen Verhältnissen?
Der Blick von aussen kann viel fruchtbarer sein als immer nur der Blick von innen. Nehmen Sie die Beispiele der Professoren Otfried Jarren in Zürich oder Miriam Meckel in St.?Gallen. Beide sind Deutsche und haben heute in der Schweiz zum Thema politische Kommunikation viel zu sagen.
Gegen das Ende Ihrer Zeit an der Universität gab es Studentenproteste gegen das Bologna-System. Haben Sie Verständnis dafür?
Ja. Bei allen Vorteilen hat das Bologna-System auch grosse Nachteile. Die Vorteile liegen darin, dass die Studien straffer organisiert und schneller abgeschlossen sind und erworbene Leistungen an andern Unis im In- und Ausland voll angerechnet werden können. Der Nachteil ist der, dass viele Studierende nur noch darauf schauen, ihre Leistungen zu machen, und dabei nicht mehr links und rechts über den Rand ihres Faches hinausschauen. So geht die Idee der Universitas verloren.
Hochschulen sind nun einmal furchtbar teuer, da hat der Steuerzahler ein Anrecht darauf, dass speditiv gearbeitet wird.
Das ist der Vorteil des Bologna-Systems. Wenn aber fast nur noch gelernt wird wie für ein Quiz am Fernsehen und man die Zusammenhänge nicht kennt, ist das sicher nicht die Idee einer Universität.
Zu glauben, das Bologna-System werde wieder abgeschafft, ist unrealistisch.
Natürlich. Man kann darüber nachdenken, Mechanismen, die zu einer Verschulung geführt haben, wieder etwas aufzulockern. Aber dass man wieder zurückgeht, ist undenkbar.
In der Zeit, in der Sie Professor waren, hat sich die Medienlandschaft massiv verändert. 1989 gab es noch kein Internet, dafür viel mehr Zeitungen. Gibt es in weiteren 20 Jahren noch Zeitungen?
Ich glaube schon. Wobei ich mich nicht darüber auslasse, ob sie noch gleich wie heute gedruckt oder über den Computer zu Hause ausgedruckt werden. Aber die Art von Medium mit einer täglichen Auswahl, einem Programm, wird es weiter geben.
Es deutet aber alles auf eine Zeitungskrise hin, bedingt auch durch die Wirtschaftslage. In der Deutschschweiz gibt es nur noch drei grosse Konzerne.
Es gibt eindeutig eine Krise der Medien insgesamt, die sie sich allerdings zum Teil selber zuzuschreiben haben. Sie haben eingewilligt, dass ihre Produkte so billig sind . . .
. . . zum Teil sogar gratis.
Gratis, und sie kannibalisieren sich gegenseitig. Kein Autokonzern würde ein Modell gratis abgeben. Die Produktion von Medien ist aber ähnlich aufwendig wie die Produktion von Autos.
Immerhin: Dank den Gratiszeitungen lesen viele Junge überhaupt noch Zeitungen.
Dennoch: Die Idee, dass man etwas gratis gibt, was viel kostet, ist eigentlich absurd. Auch dass man abonnierte Zeitungen und auch das Radio und Fernsehen so günstig macht, ist absurd. Wir haben eine Situation, in der der grössere Teil der Medien entweder gratis oder günstig ist: Internet ist mehrheitlich gratis, Privatradio und -fernsehen, viele Zeitungen. Und da soll man noch für gewisse Programme und Zeitungen viel Geld bezahlen? Das leuchtet nicht ein. Das aber haben sich die Medien weitgehend selber zuzuschreiben. Sie müssen einen Weg finden, um zu neuen Finanzierungsmodellen zu kommen.
Wenn Zeitungen darben, wird schnell einmal nach staatlichen Subventionen gerufen.
Das ist falsch. Man muss eine Kombination aus drei Elementen finden. Erstens höhere Abonnementsgebühren, zweitens Werbung, drittens Stiftungen. Mäzene sollten darüber nachdenken, ob sie ihr Geld statt nur in Kunst oder sonst wohin nicht auch in Medien stecken könnten.
Gibt es dafür Beispiele?
In den USA ja, aber auch dort wird das noch zu wenig gemacht. Ich denke, dieser Weg müsste forciert werden, damit die Medien ihre für die Demokratie so wichtige Rolle spielen können.
Vor Jahresfrist haben Sie sich im Komitee «Rettet den Bund» eingesetzt. Hat sich das gelohnt?
Ich glaube schon, auch wenn ich nicht weiss, was die Wirkung dieses Komitees war. Die Zusammenarbeit «Bund»-«Tages-Anzeiger» war die beste unter allen schlechten Lösungen. Die Alternative hätte ja geheissen: nur noch eine Zeitung auf dem Platz Bern. Jetzt kann das Berner Publikum immer noch auswählen, und es gibt Wettbewerb unter den Journalisten.
Also passt Ihnen der neue «Bund»?
Es ist eine interessante, gut gemachte Zeitung. Für jemanden, der auch den «Tages-Anzeiger» liest, gibt es natürlich viele Wiederholungen. Aber fürs Berner Publikum ist der «Bund» ein Geschenk, ein Geschenk, das etwas kostet.
Was für Pläne haben Sie in der Zukunft?
Ich habe in meinen beiden Forschungssemestern über den politischen Journalismus vergleichend in sechs Ländern recherchiert. Dieses Buch sollte ich endlich schreiben. Daneben bin ich Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen und werde mich beratend und gutachterisch betätigen.
Aber Sie verlassen die Schweiz.
Ja, meine Frau hat eine Professur in Köln übernommen. Da ich jetzt nicht mehr an Bern gebunden bin, ist es logisch, dass ich dorthin ziehe, wo sie eine Anstellung hat.
Sie ziehen also nicht aus Frustration über die Schweiz weg. Überhaupt nicht.
Früher wollte ich immer auswandern, wenn Volksabstimmungen anders ausfielen, als ich es für richtig hielt. Heute finde ich, man sollte genau deswegen bleiben. Also werde ich mich von Deutschland aus einmischen.
In Ihrem Berufsleben gab es drei Teile: Politiker im Baselbieter Landrat, Journalist und Professor. Auf welchen Teil schauen Sie am liebsten zurück?
Per saldo waren alle drei Teile spannend. Die politische Phase war spannend, weil man wirklich etwas bewegen konnte. Die journalistische Phase war es, weil es faszinierend war, bei wichtigen Ereignissen dabei zu sein, etwa zu beobachten, wie das jurassische Volk seine Unabhängigkeit anstrebte, oder bei einer Tagung der Sozialistischen Internationale oder dem SP-Ausstiegskongress zugegen zu sein. In der wissenschaftlichen Phase waren die Arbeit mit jungen Leuten und die Forschung spannend.
Sie würden keinen Teil über den andern stellen?
Nein. Nach dem Wechsel vom Journalismus an die Uni habe ich zwar häufig gedacht, das sei eine Kalberei gewesen, vor allem wegen des Kampfs, den ich führen musste. Wenn ich jetzt aber zurückschaue, finde ich: Mein Einsatz hat sich wahrscheinlich doch gelohnt. (Der Bund)
Erstellt: 01.02.2010, 15:50 Uhr
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