«Man muss auch an die positiven Effekte des Fussballs denken»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 30.11.2009
Herr Gilliéron, sind Sie vom Wettskandal überrascht worden?
Wir haben vor einiger Zeit von der Uefa Informationen erhalten, dass etwas im Tun sei. Dass die Sache jetzt aber so schnell aufgebrochen ist, hat mich etwas überrascht.
Die Uefa hat in Sachen Wetten ein Warnsystem. Hat es versagt?
Nein, einige der verdächtigen Spiele sind wegen dieses Frühwarnsystems auf die Liste gekommen. Aber es ist erst im Aufbau, es kann noch nicht alles erfassen.
Wie funktioniert ein solches System?
Da werden öffentliche Wetten beobachtet. Wenn beispielsweise auf ein relativ unbedeutendes Spiel sehr viel gewettet wird, fragt man sich, weshalb auf ein solches Spiel überhaupt gewettet wird. Aber die Suche nach Verdachtsfällen ist in der globalisierten Welt sehr schwierig.
Sie waren am Mittwoch bei der Uefa-Tagung zum Thema Wettskandal dabei. Was kann die Uefa, was könnten die betroffenen Landesverbände unternehmen?
In der präventiven Arbeit ist die Weiterentwicklung des Frühwarnsystems sehr wichtig. Bei der Aufarbeitung des gegenwärtigen Wettskandals stossen wir aber an die Grenzen der Verbandsjustiz. Wir können nicht wie die Polizei Hausdurchsuchungen machen und Akten beschlagnahmen. Wir sind auf Informationen und die Unterstützung der Behörden angewiesen.
Wären Sie dafür, überführte Fussballer lebenslang zu sperren?
Ja. Es geht auch um Abschreckung. Wenn ein Fussballer nicht realisiert, dass er gewisse moralische Verpflichtungen hat, dann sollte man aufräumen.
Thun und Gossau sollen in den Wettskandal involviert sein. Ist das immer noch der aktuelle Stand?
Ich darf nichts bestätigen, ich bin an die Schweigepflicht gebunden.
Können Sie aber ausschliessen, dass auch Schiedsrichter involviert sind?
Nach dem heutigen Stand der Ermittlungen sind in der Schweiz kein Schiedsrichter und auch kein Klubfunktionär betroffen. Das hat mich beruhigt. Laut Uefa wird aber auf europäischer Ebene auch gegen Schiedsrichter ermittelt.
Beim Amtsantritt im Juni hatten Sie andere Sorgen. Fan-Gewalt sei Ihre grösste Herausforderung, haben Sie erklärt.
Dieses Thema ist die grösste Herausforderung, ich möchte aber gleich bei Ihrer Formulierung einhaken: Ein «Fan» wendet keine Gewalt an, «Fangewalt» gibt es nicht, für mich heisst das Problem «Gewalt rund um Sportveranstaltungen». Der Fussball kann dieses Problem allein nicht lösen, da sind zum Teil Elemente daran beteiligt, die den Fussball nur zum Anlass für Gewaltanwendung nehmen.
Seit Ihrem Amtsantritt hat sich das Problem verschärft.
Verschärft nicht, aber auch nicht gebessert, obwohl sehr viele Leute involviert sind. Ohne Hilfe der Polizei kann sich nichts ändern. Nehmen Sie das jüngste Beispiel, das Cupspiel Basel - Zürich: Da hat sich eine Gruppe von 100 bis 150 Leuten ohne Ticket gewaltsam den Zutritt zum Stadion verschafft. Da waren die Ordnungskräfte des FC Basel einfach nicht mehr in der Lage, der Situation Herr zu werden.
Seltsam, dass das nicht zu verhindern war, man wusste doch, dass es ein Risikospiel war.
Das hätte nur die Polizei verhindern können. Wir dürfen Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworten.
Sie haben vorgeschlagen, Polizisten ins Stadion zu holen.
Als Ultima Ratio, ja.
Sollen Polizisten Eingangskontrollen machen und Leibesvisitationen durchführen?
Ja. Wenn man das Abbrennen von Pyros bekämpfen will, ist das nötig. Wer nichts zu verstecken hat, hat auch nichts dagegen.
Wie steht es mit Alkoholausschank im Stadion?
Bei Hochrisiko-Spielen und Länderspielen ist ein Alkoholverbot schon heute gang und gäbe.
Der FC Zürich verkauft ab sofort keine Billette mehr für seine Auswärtsspiele.
Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass das unter dem Eindruck der Ereignisse bei Basel - Zürich angeordnet wurde. Aber wenn das nur ein Klub macht, fragt es sich, ob das Problem so gelöst werden kann. Die Leute können ohne Billette anreisen und sich gewalttätig benehmen.
Sie haben zu Beginn Ihrer Amtszeit einen offenen Brief von Gemeinderat Reto Nause und Regierungsrat Hans-Jürg Käser mit der Forderung erhalten, die Klubs punkto Sicherheitsmassnahmen in den Stadien stärker in die Pflicht zu nehmen.
Herr Grimm, Präsident der Swiss Football League, und ich haben mit den beiden Herren ein Gespräch geführt und dargelegt, was schon alles gemacht wird. Oft weiss man gar nicht, dass die Klubs schon sehr viel Geld für die Sicherheit ausgeben.
YB und der SCB bezahlen der Stadt für Sicherheitsmassnahmen nur je 60?000 Franken . . .
... das ist nichts im Vergleich zu dem, was intern für die Sicherheit, für den Ordnungsdienst, für Fan-Arbeit, für Prävention ausgegeben wird. Man darf den Klubs nicht alles anhängen, man muss auch an die positiven Effekte des Fussballs denken.
Sie wären dagegen, wenn YB der öffentlichen Hand mehr Geld für die Sicherheit abliefern müsste?
Ihr Kommentar zum Hands von Thierry Henry?
Als Unbeteiligter habe ich mich furchtbar darüber aufgeregt. Richtig ist dennoch, dass heute ausgeschlossen ist, wegen eines Fehlurteils ein Spiel zu wiederholen. Das wäre entgegen dem Regelwerk. Die Fifa darf sich auch in einer Ausnahmesituation nicht über die eigenen Regeln hinwegsetzen.
Eine halbe Minute nach dem Tor wussten Millionen Fernsehzuschauer, aber nicht der Schiedsrichter, dass Henry für seinen Pass die Hand zu Hilfe genommen hatte.
Das ist tatsächlich paradox. Die Frage der Videokontrolle muss man wirklich einmal ernsthaft prüfen. Wahrscheinlich kann man sie nicht während 90 Minuten unbeschränkt zulassen, sonst gibt es endlose Diskussionen mit Videobeweisen. Es ist auch fraglich, ob die Schiedsrichter auf den Videobeweis erpicht sind.
Die Lösung könnte sein, dass eine Mannschaft einmal pro Halbzeit einen Videobeweis verlangen darf.
Was im Tennis gemacht wird, scheint mir interessant. Aber es brauchte dann auch wieder eine Eingrenzung: Videobeweis für ein Dutzendfoul oder nur für ein Hands im Strafraum oder eine Torszene? In der Europa-League läuft ja der Versuch mit den zwei Torrichtern. Davon verspreche ich mir etwas, aber frage mich, ob der Torrichter Henrys Hands gesehen hätte.
Was würden Sie bevorzugen: Torrichter oder Videobeweis?
Im Moment möchte ich den Versuch mit Torrichtern abwarten.
In der Champions League, bei Ausscheidungsspielen für die WM geht es um dermassen viel Prestige und Geld. Nochmals: Da kann es doch einfach nicht sein, dass der Schiedsrichter der Einzige im Stadion ist, der einen solchen Regelverstoss nicht sieht.
Im Fall Henry haben zwei nichts gesehen, der Schiedsrichter und der eine Assistent. Aber wie wäre es gewesen, wenn Henry gegenüber dem Schiedsrichter das Hands zugegeben hätte?
Das hätten Sie sich erhofft?
In der relativ kurzen Zeitspanne einen solchen Entscheid zu fällen, wäre für Henry schwierig gewesen. Es geht um viel Geld, er steckte in einem Dilemma, in dem ich nicht stecken möchte.
Sie haben in Nigeria mit der U17-Nationalmannschaft mitgefiebert. War der Erfolg auch für Sie überraschend?
Ein Weltmeistertitel ist immer überraschend, man kann den Erfolg im Fussball nicht planen, sonst wären Mannschaften mit Geld immer oben. Aber ich wusste, dass unsere Juniorenauswahlen gute Resultate machen, diese U17 war im Halbfinal der Europameisterschaft, und intern haben wir erwartet, dass das Team die Gruppenphase überstehen könnte.
Im Final war auch Glück dabei, Nigeria war über weite Strecken das stärkere Team.
Das möchte ich bestreiten. Es gibt verschiedene Elemente im Fussball, die physische Stärke, Abgebrühtheit, Cleverness. Wenn eine Mannschaft alle Spiele gewinnt, ist sie ein würdiger Weltmeister.
Als Ursache des Erfolgs wurde überall die Juniorenarbeit des Fussballverbands gelobt.
Es ist in den technischen Abteilungen gute Arbeit geleistet worden, und es gibt seit den 90er-Jahren dank Sponsoren auch die nötigen Finanzen. So etwas dauert lange, als ich als Generalsekretär des Fussballverbands angefangen habe, gab es für die Juniorenteams noch keine Profitrainer. Heute gibt es für jede Mannschaft einen Trainer und einen Stab.
Dass in dieser U17-Mannschaft viele Secondos waren, ist überall erwähnt worden. Spielt das auch für Sie eine Rolle?
Ich rede nie von Secondos, ich sage immer: Es hat in dieser Mannschaft Schweizer, Schweizer, Schweizer. Woher sie kommen, ist mir eigentlich egal.
Gelobt wird in diesem Zusammenhang jeweils die Integrationskraft des Fussballs . . .
. . . die sehe ich in diesem Team als Beispiel, aber ich sehe die Integration tagtäglich im Breitenfussball. Die Situation bei der U17-Mannschaft widerspiegelt nur die Situation an der Basis. Wir haben 130?000 Jugendliche, davon 40?000, die keinen Schweizer Pass haben. In den kleinen Vereinen geschieht die grössere Arbeit.
Trotzdem: Die Zahl der Secondos im U17-Team ist überproportional. Wie erklären Sie sich das?
Wie gesagt, für mich sind das Schweizer. Fussball hat in der Mentalität der Familien mit Migrationshintergrund vielleicht einen grösseren Stellenwert als bei eingesessenen Schweizer Familien. Wenige Kinder mit Migrationshintergrund spielen Tennis oder Eishockey.
Vielleicht sind sich Schweizer Eltern auch eher bewusst, wie schwierig es ist, im Fussball ganz an die Spitze zu kommen?
Das glaube ich weniger, aber die Familie dringt wohl eher darauf, dass zuerst eine Berufsausbildung gemacht wird. Wir müssen vielleicht noch mehr tun, um Fussball und Beruf zusammenzubringen.
Die U-17- Spieler können sich immer noch entscheiden, ob sie später für die Schweiz oder ihre Herkunftsland spielen wollen. Was tun Sie, um sie für die Schweiz zu gewinnen?
Es gibt eine Gruppe in der technischen Abteilung mit Hansruedi Hasler, die sich «Karriereplanung» nennt. Die sorgt für Kontakt mit den Spielern, ihren Eltern und den Agenten, soweit das möglich ist. Von dem, was ich höre, bin ich überzeugt, dass ihr Herz für die Schweiz schlägt. Aber eines würde ich nie machen: In dieser Sache Geld fliessen lassen, wie man das von anderen Verbänden behauptet.
Sie erwähnten die Karriereplanung. Aber nicht jeder der U17-Spieler wird den Sprung nach ganz oben schaffen.
In der Nationalmannschaft spielen rund ein Dutzend Jahrgänge, also ist klar, dass nicht alle U17-Weltmeister für die Nationalmannschaft spielen werden. Von den U17-Europameistern des Jahres 2002 haben es drei, Barnetta, Ziegler und Senderos, geschafft.
Alle U17-Spieler haben auf Fussball gesetzt. Stehen sie nicht mit leeren Händen da, wenn der Sprung nach oben nicht gelingt?
Die Gefahr gibt es. Alle erhalten die gleiche Betreuung. Wir versuchen, das Maximum herauszuholen, aber manchmal werden falsche Entscheide getroffen, etwa mit einem zu frühen Wegzug ins Ausland. Manchmal erreicht einer seine Limite, vielleicht nicht unbedingt im Fussball, sondern in der Persönlichkeitsentwicklung. Es ist schwierig, für alle das Richtige zu tun. Wir können kein Auffangbecken für jene schaffen, die nicht reüssieren.
Ihre Präsidentschaft hat unter einem guten Stern begonnen: U17 -Weltmeister, Qualifikation für Südafrika, Vizeweltmeister im Beach Soccer.
Natürlich habe ich Freude und hüpfe hin und her, aber ich vergesse die Botschaft nicht, die unser Sport vermitteln kann: Man kann sich über Siege freuen, muss aber auch Niederlagen einstecken können.
Freuen Sie sich auf Südafrika?
Natürlich, insbesondere aber auch für die 250?000 Spielerinnen und Spieler unseres Verbandes. Und für das Ansehen der Schweiz sind sportliche Erfolge wichtig . . .
. . . insbesondere, weil es in der Politik ein paar Misserfolge zu verzeichnen gibt?
Die gibt es. Wenn wir vom Sport her zu einem guten Ansehen beitragen können – auch mit der Euro haben wir vom Organisatorischen her eine gute Visitenkarte abgegeben – ist das gut für die Schweiz.
Am Sonntag findet im ausverkauften Stade de Suisse der Spitzenkampf YB - Basel statt. Interessiert Sie mehr das Spiel oder die Frage, ob es zu Zwischenfällen kommt?
Gute Frage. Ich ertappe mich tatsächlich dabei, dass ich während eines Spiels auch darauf achte, was das Publikum macht.
Dürfen Sie als Stadtberner dazu stehen, dass Sie YB-Fan sind?
Ich bin kein wirklicher Fan eines Super-League-Klubs. Ich bin Fan meines Stammklubs, des FC Breitenrain in der 1. Liga.
Ihr Tipp für YB - Basel?
Ich tippe selten. Bis jetzt habe ich alle Fragen beantwortet. Gestatten Sie mir zum Schluss einen Joker. (Der Bund)
Erstellt: 30.11.2009, 16:56 Uhr
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