Bern

«Lidl wird sicher den Markt aufwühlen»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 19.01.2009

«Preise senken ist gut», sagt Sara Stalder, relativiert diese Aussage aber für Frisch- und Nischenprodukte: Da dürften die Preise höher sein als in Deutschland. Die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz kritisiert die Preissenkungen bei Coop, die Werbung für Jugendliche und verteidigt die Vorstellung einer gentechfreien Schweiz.

Sara Stalder im «Bund»-Samstaginterview. (Bild: Franziska Scheidegger)

Sara Stalder im «Bund»-Samstaginterview. (Bild: Franziska Scheidegger)

Zur Person

Sara Stalder, Jahrgang 1966, ist in Dürrenroth geboren und aufgewachsen. Sie bildete sich zur Primarlehrerin, später zur Schulleiterin aus und absolvierte auch eine betriebswirtschaftliche Fortbildung. Bis zum April 2008, bis zu ihrer Wahl als Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, arbeitete sie als Schulleiterin in Wasen im Emmental. Sara Stalder ist verheiratet und Mutter dreier Töchter. Sie wohnt in Sumiswald. (bur)

«Bund»: Frau Stalder, freuen Sie sich auf Lidl?
Sara Stalder: Lidl wird sicher den Markt aufwühlen und hat das ja auch schon gemacht. Wir haben zwei Grossanbieter, und seit dreieinhalb Jahren auch Aldi. Es ist nicht schlecht, wenn der Wettbewerb in Gang kommt. Das hat ganz klar auch Nachteile, zum Beispiel wenn Produzenten, die Frischprodukte anbieten, unter Preisdruck kommen.

«Die Abzockerei findet nun endlich ein Ende, die Konsumenten wirds freuen», ist ein Kommentar im Internet auf einen Beitrag über Lidl. Damit sind Sie offenbar nicht ganz einverstanden.
Man muss unterscheiden. Nehmen wir die Artikel, deren Preise Coop gesenkt hat. Das sind alles stark verarbeitete Nahrungsmittel wie zum Beispiel Brotaufstrich aus Schokolade. Hier ist der Anteil der Rohstoffe am Preis klein, viel grösser ist der Anteil der verarbeitenden Industrie und des Marketings. Da gibt es viel Luft für Preisreduktionen – im Gegensatz zu nicht verarbeiteten Frischprodukten.

Es erstaunt aber, dass eine Konsumentenschützerin nicht in helle Begeisterung ausbricht, wenn jetzt endlich Preise fallen.
Wie gesagt: Bei den verarbeiteten Produkten ist das der Fall, bei Produkten also, die ich genau gleich auch in Deutschland kaufen kann, für die ich dort aber 20 Prozent weniger bezahle. Da stimmt etwas nicht, wenn diese Produkte in der Schweiz mehr kosten. Aber wenn zum Beispiel die nachhaltige Produktion eines Frischprodukts so unter Druck kommt, dass sie fast aufgegeben werden muss, dann freuen uns Preissenkungen überhaupt nicht.

Denken Sie da im Wesentlichen an Produkte, die von Schweizer Bauern kommen?
Ja, um Erzeugnisse, deren Produktion einen Mehrwert darstellt. Man kann in der Landwirtschaft auch Massenproduktion machen wie in der EU. Aber es gibt bei uns viele Bauern, die in aufwendiger Arbeit ein Nischenprodukt herstellen. Die dürfen nicht unter Druck geraten.

Auch auf die Preisoffensive von Coop hat Ihre Stiftung nicht mit einem uneingeschränkten Lob reagiert. Sie haben erklärt, viele dieser Produkte seien zu fettig, zu salzig oder enthielten zu viel Zucker. Wieso überlassen Sie es nicht dem Konsumenten, welche Produkte er konsumieren will?
Natürlich ist der Konsument mündig. Aber ich habe mich gefragt, ob die Markenartikler nicht etwas Gesünderes produzieren könnten. Viele Kinder werden immer fettleibiger. Mit Preissenkungen auf solchen ungesunden Produkten hat man neue Kaufanreize geschaffen.

Ihre Reaktion wirkt sauertöpfisch: Coop senkt die Preise, aber der Konsumentenschutz findet ein Haar in der Suppe.
Nochmals: Ich habe die Liste der billiger gewordenen Produkte gut angeschaut, und es ist mir bei der Anhäufung fast schlecht geworden: Kindermilchschnitten, Zweifel-Chips, alles Dinge, die ich im Mass konsumiere. Für eine Familie, die gesundheitsbewusst isst, gibt es bei Preisreduktionen auf solchen Produkten kaum einen Spareffekt.

Eine Familie, die gerne solche Produkte einkauft, profitiert. Aber was bringt das der Gesellschaft?
Fettleibigkeit wird in unserem Gesundheitssystem Kosten in einem riesigen Ausmass auslösen.

Geht es bei Ihrer Kritik nicht auch ums Prinzip: Was Grossverteiler tun, muss man prinzipiell erst einmal infrage stellen?
Nein. Preise senken ist gut. Fraglich ist allerdings, ob es der höchste Preisabschlag aller Zeiten ist, wie Coop behauptet. Zuvor sind die Preise erst einmal gestiegen, jetzt werden sie plötzlich gesenkt, so, dass es den Produzenten nicht wehtut.

Was waren die Gründe für die zu hohen Preise – haben die Hersteller oder die Grossverteiler zu viel Profit gemacht?
Beide. Bis jetzt haben die Grossverteiler sicher nicht die optimalsten Einkaufsbedingungen gehabt. Coop hat sich deshalb mit anderen Detailhändlern zusammengeschlossen und hat jetzt beim Einkauf eine andere Marktposition.

Müssen wir uns damit abfinden, das Preisniveau Deutschlands nie zu erreichen?
Nein. Aber da muss ich wieder unterscheiden: Bei Frischwaren dürfen wir höhere Preise haben als Deutschland. Wir haben eine andere Topografie, andere Gesetze. Aber bei Markenartikeln, die europaweit verkauft werden, müssen die genau gleichen Preise her.

Sie haben jetzt immer wieder die Andersartigkeit der Frischprodukte herausgestrichen – aus Solidarität mit der Schweizer Landwirtschaft?
Es geht mir mehr um die Konsumenten. Für sie ist die Regionalität ganz wichtig. Sie wollen keinen Salat kaufen, der aus Frankreich herangekarrt wurde, sondern Salat aus dem Nachbardorf. Diesem Bedürfnis müsste die Landwirtschaft stärker entgegenkommen, auch im Hinblick auf das Freihandelsabkommen mit der EU.

Migros hat das Label «Aus der Region. Für die Region». Finden Sie das gut?
Wir unterstützen es grundsätzlich sehr, wenn Grossverteiler regionale Produkte fördern, aber die Kundschaft darf nicht getäuscht werden. Die Migros führt auch das Label «Heidi», das suggeriert, die Produkte stammten aus den Bergen Graubündens, dabei kommen viele dieser Produkte aus anderen Teilen der Schweiz.

Wenn Grossverteiler Preissenkungen machen, geht es den kleinen Läden im Quartier erst recht an den Kragen. Ist das für Sie ein Problem?
Diesen Trend gibt es, ob Coop die Preise von 600 Produkten reduziert oder nicht. Grundsätzlich gesehen, ist unser Einkaufsnetz sehr dicht. Wie viele Einkaufsmöglichkeiten und Einkaufszentren braucht die Schweiz eigentlich noch? Auch in abgelegenen Orten sollte es noch möglich sein, ohne Auto einzukaufen. Kleine Läden sollten also eine Überlebenschance haben.

Im Moment passiert das Gegenteil. Das Shopping-Center Schönbühl ist ausgebaut worden, Westside eröffnet, kleine Läden in der Nähe kämpfen ums Überleben.
Mit Migros und Coop können sie nicht konkurrieren, sie müssen eine innovative Strategie fahren, zum Beispiel, indem sie regionale Produkte anbieten.

Was ist denn für den Konsumentenschutz das wichtigste: Preis, Ökologie, Ethik?
Preis und Ethik können zusammenhängen, etwa auch bei der Diskussion über die Hochpreisinsel Schweiz: Der Zuschlag von 20 bis 30 Prozent, den wir für verarbeitete Produkte im Vergleich mit Deutschland bezahlen, wird durch irgendwelche Zwischenhändler im Ausland abgeschöpft. Das ist unethisch. Bei den Frischprodukten ist es uns wichtig, soziale Arbeitsstandards zu haben und dass ökologische und nachhaltige Produktionskriterien erfüllt werden.

Spielen denn diese Kriterien bei verarbeiteten Produkten keine Rolle?
Natürlich. Nur wird es für die Konsumenten und auch für die Anbieter mit jeder Verarbeitungsstufe schwieriger, zu überprüfen, wie diese Kriterien umgesetzt wurden. Labels für Kleidung oder Produkte könnten hier Transparenz schaffen.

Der Eindruck wäre also falsch, dass es dem Konsumentenschutz vor allem um tiefe Preise geht?
Ich wiederhole mich: Bei verarbeiteten Produkten, wo bei Zwischenhandel, Marketing und Verpackung ohne Mehrwert für die Konsumenten abgeschöpft wird, müssen die Margen zurück. Aber überall dort, wo es zur Hauptsache um Produzenten und Rohstoffproduzenten geht, ist der Preis nicht das Wichtigste, da können die Preise auch steigen.

Wieso stehen die Konsumentenschützer an vorderster Front, wenn es um den Kampf gegen Gentechnik geht?
Bis jetzt weiss niemand, was Gentechnik langfristig auslöst, es fehlen Langzeitstudien. Unsere Position ist die: Die Schweiz muss gentechfrei bleiben, das wird für sie später ein grosser Vorteil sein.

Bis jetzt hat noch niemand beweisen können, dass eine Gentech-Tomate ungesünder ist als eine normale Tomate.
Wie gesagt: Studien fehlen. Die Erfahrungen mit der Landwirtschaft in anderen Ländern zeigen, dass Armut und Elend die Folge fehlender Überlegungen für die Zukunft sein können.

Wieso soll der Konsument nicht zwischen Gentech und Gentechfrei wählen können, so wie heute zwischen Bio und Nicht-Bio?
Weil die Abgrenzung schwierig ist. Wenn ein Bauer auf seinen Feldern Gentechnik einsetzt, kann sein Nachbar nicht gentechfrei produzieren. Es wird eine Vermischung geben. Es ist bis jetzt auch nie erwiesen worden, dass ein Produkt, das mit Gentechnik produziert wurde, dem Konsumenten Vorteile bringt.

Schaden Sie mit Ihrer rigorosen Haltung gegen Gentechnik nicht dem Forschungsplatz Schweiz?
Nein. Es gibt alternative Dinge, die man auch erforschen kann. Da geschieht zu wenig. Den Feuerbrand bekämpft man mit dem Antibiotikum Streptomycin, obwohl es auch alternative Methoden gäbe. Da könnte sich die Schweiz positionieren, sie sollte nicht einfach im Mainstream Gentechnik mitschwimmen.

Ist die Gentechnik nicht schon längst da, zum Beispiel bei den Sojabohnen?
Bei Soja, Mais und Reis versucht die Schweiz, die Einfuhren von Gensorten strikt zu bremsen. Eine gewisse Verunreinigung kann man nicht ausschliessen. Aber es stimmt, dass wir solche Entwicklungen nicht rückgängig machen können.

Ihre Haltung zur Gentechnik führt zur Frage: Wie politisch ist die Stiftung für Konsumentenschutz, ist sie Teil der linken Bewegung?
Unser Leitbild stützt sich auf Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. Das sind sicher eher linke Themen. Aber ich muss klar festhalten: Wir sind politisch neutral, auch wenn SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga Präsidentin der Stiftung ist.

Es fällt aber auf, dass keine einzige bürgerliche Person in Ihrem Stiftungsrat sitzt.
Unsere Stiftung ist aus den Gewerkschaften heraus entstanden, das Konsumentinnenforum KF aus der Wirtschaft. Wir sind aber offen und schliessen uns gegen niemanden ab.

Werden Sie auch heute noch von den Gewerkschaften und vom Bund unterstützt?
Die Gewerkschaften bezahlen einen Trägerbeitrag in einem minimalen Prozentbereich. Der Bund finanziert 15 Prozent unseres Budgets.

Auf einen eher linken politischen Standpunkt deuten auch Ihre Stellungnahmen gegen den Bau neuer Atomkraftwerke hin.

Da sagen wir: alternative Energien suchen, erneuerbare Energien fördern. Den KKWs kann nicht die Zukunft gehören. Wenn wir in 200 Jahren noch Atomkraftwerke bauen, sind wir stehen geblieben.

Vielleicht braucht es sie aber als Übergangslösung.
Das sagt die Wirtschaft. Aber etwa auf dem Gebiet der Windkraft sind in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte gemacht worden. Ich frage mich, ob wirklich die Bereitschaft besteht, in erneuerbare Energien zu investieren.

Konsumentenschutz scheint auf gutem Weg zu sein: Es gibt Ihre Stiftung, den «Kassensturz», «Espresso», «K-Tipp», «Saldo» und so weiter. Der Bürger ist bewusster und mündiger geworden.
Das ist sicher so, wenn man die Situation heute etwa mit 1950 vergleicht, als die ersten Supermärkte aufkamen. Wir gehen heute von einem mündigen Bürger aus.

Und doch will man diesen mündigen Bürger überall an der Hand nehmen.
Wie mündig kann man in einer Situation sein wie zum Beispiel dieser? Das Telefon läutet, man nimmt ab, und jemand fragt: «Sara Stalder, ist das richtig?» Man bejaht diese Frage, und zehn Tage später steht eine Kiste Wein vor der Türe, weil man Ja gesagt hat. Man nimmt den Wein, bezahlt die Rechnung nicht und landet vor dem Betreibungsamt. Solche Geschichten passieren immer wieder, da kann man noch so mündig und gebildet sein.

In solchen Fällen ruft man Ihre Stiftung an oder den «Beobachter» oder den «Kassensturz», und schon wird einem geholfen.
Es braucht uns also noch. Viele Leute sind aber mit der ersten Rechnung, der ersten Mahnung oder spätestens mit der Betreibungsandrohung dermassen eingeschüchtert, dass sie die 120 Franken plus 80 Franken Gebühren bezahlen. Es ist das Verdienst des Konsumentenschutzes, solche Dinge öffentlich zu machen.

«Kassensturz», «Espresso», «Beobachter», «K-Tipp» haben die grössere Öffentlichkeit als Sie. Braucht es Ihre Stiftung trotzdem noch?
Wir kommen ohne Werbung aus und sind am neutralsten. Unter allen Konsumentenorganisationen gibt es einen Austausch. Es kommt oft vor, dass sich andere bei uns Informationen holen, und wir sind manchmal froh, wenn wir ein Thema zum Beispiel an «Espresso» weitergeben können.

Sie starten demnächst eventuell eine Initiative für billigere Medikamente. Wo sonst sehen Sie noch grossen Handlungsbedarf?
Eben zum Beispiel beim Telefonmarketing oder etwa auch bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Kürzlich habe ich 19 Seiten an Kleinstgedrucktem durchgelesen, nicht verstanden und letztlich doch unterschrieben. Generell sind wir punkto Konsumentenrechte viel schlechter gestellt als die umliegenden Länder. Die Schweiz ist stehen geblieben.

Ist das einer der Nachteile, weil wir nicht in der EU sind – müssten wir beitreten?
Manchmal fragen wir uns schon, wieso wir alles übernehmen, ohne ein Mitbestimmungsrecht zu haben. Im Moment passieren viele autonome Nachvollzüge gesetzlicher Bestimmungen, weil man mit der EU im Handel bleiben will. Vom Konsumentenschutz her begrüssen wir das meistens, weil die EU die Latte oft höher gehängt hat als die Schweiz.

Auf der andern Seite brüstet sich die Schweiz damit, dass sie, weil sie nicht in der EU sei, tiergerechter produzieren könne.
Das ist eine Diskussion, die wir intensiv beim Thema Freihandelsabkommen mit der EU im Agrarbereich führen. Wir sind dafür, dass diese Verhandlungen aufgenommen werden, weil der Schweizer Agrarsektor in 20 Jahren völlig anders aussehen wird. Wir bleiben aber dabei, dass sich die Schweizer Landwirtschaft qualitativ abheben muss, mit hochwertigen Produkten aus gentechfreier und tiergerechter Produktion.

Sind Sie aber letztlich für ein Freihandelsabkommen mit der EU im Agrarbereich?
Das hängt von den Verhandlungsergebnissen und Begleitmassnahmen ab. Bei offenen Märkten könnten auch hochwertige Schweizer Produkte exportiert werden. Dem Schweizer Konsumenten ermöglichte es eine grössere Auswahl.

Worauf achten Sie, wenn Sie selber einkaufen?
Priorität haben für mich regionale Produkte, Frischprodukte oder leicht verarbeitete Produkte. Ich wohne in einem Dorf, wo es noch kleine Läden gibt, und kann mich gut an diese Vorgabe halten.

Was ist das Wichtigste, was Sie 2009 erreichen möchten?
Die Diskussion über Kinder und Jugendliche als Konsumenten. Es muss uns bewusst werden, wie da manipuliert werden kann, zum Beispiel in der Werbung und bei Verträgen, mit denen speziell Jugendliche geködert werden.

Ist Werbung für Sie eher negativ?
Es gibt gute und schlechte Werbung. Unlauter ist Werbung, wenn zum Beispiel für «gesunde» Frühstücksflocken geworben wird, die zu 85 Prozent aus Zucker bestehen. Gut ist Werbung, wenn zum Beispiel gezeigt wird, mit welchem Aufwand Bioprodukte produziert werden. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2009, 09:21 Uhr

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