Bern

«Langnau hat Anhänger in der ganzen Schweiz»

Von Interview: Rudolf Burger. Aktualisiert am 17.08.2009

«Auch wer von Langnau nichts weiss, weiss, dass es die SCL Tigers gibt», sagt Gemeindepräsident Bernhard Antener. Er verteidigt den Entscheid, den Hockeyklub mit Aktien und Darlehen zu unterstützen.

Bernhard Antener. (Adrian Moser)

Bernhard Antener. (Adrian Moser)

Zur Person

Bernhard Antener, Jahrgang 1958, ist in Langnau geboren und aufgewachsen. An der Universität Bern studierte er Jus und erwarb 1987 das Fürsprecherpatent. Er arbeitet als selbstständiger Rechtsanwalt in einem Anwaltsbüro. Dem Grossen Gemeinderat (Legislative) von Langnau gehörte das SP-Mitglied von 1986–1992 an. 1993 wurde er Gemeinderat (Exekutive), seit 1994 ist Antener Gemeindepräsident im Nebenamt. Vier Jahre später wurde er auch in den Grossen Rat gewählt. Seit 2006 ist er Vizepräsident der SP-Grossratsfraktion. Bernhard Antener ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Er wohnt in Langnau. (bur)

«Bund»: Herr Antener, ist es die Aufgabe einer Gemeinde, einen Eishockeyklub zu unterstützen?

Bernhard Antener: Die Frage ist berechtigt. Ich habe Verständnis dafür, wenn man das als «ordnungspolitischen Sündenfall» interpretiert, glaube aber, dass die reine Lehre in Ausnahmesituationen nicht weiterführt. Im Gemeinderat haben wir uns nach einer pragmatischen Güterabwägung für die Unterstützung ausgesprochen.

Staatliche Gelder für einen Eishockeyklub zu geben – das muss Ihnen als SP-Politiker besonders schwergefallen sein.

Das war nicht einfach, aber am Schluss war ich davon überzeugt, weil der Entscheid im Rahmen eines Sanierungs- und Finanzierungskonzepts gefallen ist. Man muss auch die Dimensionen sehen: Das zinslose Darlehen von 800000 Franken, das wir für eine Dauer von 10 Jahren gewähren, entspricht in Langnau etwa einem Steuerzehntel.

Pro Jahr sollten also 80000 Franken zurückbezahlt werden. Ist das realistisch?

Wenn das Konzept des Vereins «Rettet den Tiger» zum Tragen kommt – im andern Fall wird das Darlehen gar nicht ausbezahlt –, dann ist auch die Rückzahlung wahrscheinlich.

Die Gemeinde will, wenn «Rettet den Tiger» eine Million sammeln kann, auch für 100000 Franken Aktien zeichnen.

Das soll die grosse Bedeutung der Tigers für Langnau und die Region zeigen. Die 100000 Franken entsprechen nicht einmal den Steuereinnahmen, die wir jährlich durch Steuern von den in Langnau ansässigen ausländischen Spielern beziehen.

Wie hoch sind denn diese Steuererträge?

Die werden künftig etwas tiefer sein, weil die Tigers bei den Personalausgaben sparen müssen. In der letzten Saison waren das aber rund 140000 Franken.

Gegen die Zahlung eines Darlehens gab es im Grossen Gemeinderat immerhin 11 Gegenstimmen. Werden schon Unterschriften für ein Referendum gesammelt?

Ich gehe nicht davon aus, dass eine Partei das Referendum ergreifen wird, ich nehme an, dass die Politik diesen Entscheid akzeptiert.

Und Sie glauben, dass der Entscheid auch von der Bevölkerung getragen wird?

Klar gibt es unterschiedliche Meinungen, aber wenn ich mit Leuten diskutiere, lassen sie sich gewöhnlich überzeugen. Ich habe immer gesagt: Es ist eine einmalige Aktion. Entweder gelingt es jetzt, die Tigers zu stabilisieren und mit einem Neuanfang Spitzeneishockey im Emmental zu zeigen, oder aber wir müssen uns davon nach 62 Jahren verabschieden.

Wie ist die Stimmung am Stammtisch?

Ich stelle immer wieder fest: Auch wer mit Hockey nichts am Hut hat, ist stolz darauf, dass ein Nationalliga-A-Klub in einem ländlichen Raum bestehen kann. Langnau ist ein Mythos, es geht um das David-Goliath-Prinzip. Langnau hat viele Anhänger in der ganzen Schweiz.

Offenbar kann sich aber dieser ländliche Raum diesen A-Klub nicht mehr leisten.

Das wird sich zeigen. Im Sportbereich hat eine starke Verkommerzialisierung stattgefunden, es wurde unglaublich an der Lohnspirale gedreht. Langnau hat nur eine Chance, wenn in nächster Zeit eine gewisse Vernunft einkehren wird, wenn Löhne wieder etwas sinken. Wenn die Verkommerzialisierung weitergeht, wird Langnau verschwinden.

Sie haben vor dem Grossen Gemeinderat erklärt, der Klub sei für das Selbstwertgefühl der Region enorm wichtig. Wieso?

Das hängt mit dem Stolz zusammen, ein nationales Aushängeschild zu haben. Wir werden überall in der Schweiz darauf angesprochen. Auch wer von Langnau nichts weiss, weiss wenigstens, dass es die SCL Tigers gibt. Was das an Geldwert bringt, ist unbekannt, aber immerhin kommen jährlich zwischen 140000 und 170000 Menschen zu den Spielen. Nennen Sie mir eine andere Institution, die eine ähnliche Magnetwirkung hat.

Es gibt ein paar Firmen, die das Emmental bekannt machen, Kambly zum Beispiel.

Richtig, aber wir haben nicht die Breite wie Bern oder sogar Zürich. Ich kann etwas böse sagen: Wir haben auch nicht das Glück, dass wir jährlich ein Paul-Klee-Zentrum mit mehreren Millionen unterstützen müssen, das etwa gleich viele Zuschauer wie die Tigers anzieht.

Sie sagen also: Dank dem Hockey hat Langnau einen Platz auf der Schweizer Karte. Wäre das mit einem Klub in der Nationalliga B nicht gewährleistet?

In der Nationalliga B ist es viel schwieriger als noch vor 10 Jahren. Die Kluft zwischen A und B ist grösser geworden.

Langnau könnte sich doch damit zufrieden geben, quasi das Farmteam, das Nachwuchsteam des SC Bern zu sein.

Wahrscheinlich ist Langnau für Bern schon jetzt der wichtigste Schweizer Klub. Wenn es wirtschaftlich nicht anders geht, wird auch das eine Option sein. Nochmals: Die Hockey-Schweiz und auch der Verband würden ein Verschwinden der SCL Tigers bedauern. Vor ein paar Jahren war das noch anders, da hatte man das Gefühl, es brauche nur Klubs in den Zentren. Das Beispiel EHC Basel hat eindrücklich gezeigt, das dem nicht so ist.

Was macht das kleine Ambri, das auch einen A-Klub unterhält, besser als Langnau?

Da steht das ganze Tessin dahinter, das als Minderheit der Deutschschweiz zeigen will: Auch bei uns gibt es zwei Klubs, Ambri und Lugano. Ambri gelingt es immer wieder, Mittel zu generieren, an die wir einfach nicht herankommen.

Ihnen fehlen die grossen Sponsoren.

Ja. Sehr viele Firmen bezahlen Beträge von 20000 bis 50000 Franken. Das ist wertvoll, wenn nämlich einer abspringt, fällt nicht das Ganze zusammen. Was aber fehlt, sind ein oder zwei Sponsoren, die höhere sechsstellige Beträge bringen.

Es gibt aber auch im Emmental grosse bekannte Firmen. Haben Sie mit Herrn Kambly schon einmal gesprochen?

Kambly engagiert sich sehr stark im kulturellen Bereich, das muss man akzeptieren. Ich gehe davon aus, dass Hans Grunder jede mögliche Klinke geputzt hat.

Gerade ihm, Hans Grunder, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats der SCL Tigers, wird vor allem durch die «Weltwoche» Misswirtschaft vorgeworfen. Sie selber haben erklärt, der Klub stehe kurz vor dem Lichterlöschen. Das heisst, am Befund «Misswirtschaft» muss etwas Wahres dran sein.

Ein Hockeyklub ist kein normales Unternehmen, da geht es um unglaubliche Emotionen, da ist man täglich unter Strom. Die Fans haben Erwartungen, wenn Sie nicht handeln, wenn ein Ausländer verletzt ist, gibt es einen Aufschrei. Der Trainer hat Erwartungen, die Spieler desgleichen. Der Grat zwischen Misswirtschaft und zu viel Risiko eingehen ist relativ schmal.

Hans Grunder werden konkrete Vorwürfe gemacht, etwa, dass er die Anstellung von Geschäftsführer Schlatter durchboxte, was zum Rücktritt von vier Verwaltungsräten führte.

Was im Einzelnen passiert ist, weiss ich nicht. Es ist eine Tatsache, dass Hans Grunder diesen Entscheid zu verantworten hat. Er hat daraus auch nie einen Hehl gemacht. Was im Moment aber abgeht, ist unglaublich, das wünsche ich keinem politischen Gegner. Es ist wie häufig in solchen Situationen: Leute, die sich noch vor Kurzem mit ihm gerne im Schaufensterlicht haben sonnen lassen, distanzieren sich. Der Bär liegt am Boden und wird jetzt von jedem mit Füssen getreten.

Sie selber sind von der «Weltwoche» auch befragt worden und haben offenbar gesagt, die Zeitschrift schreibe nur «Scheissdreck».

Das habe ich gesagt, weil Herr Engeler mir gegenüber behauptet hat, wir würden das Zeughausland 1:1 den Tigers geben. Tatsache ist, dass wir das Land einer Trägerschaft unter Beteiligung der Gemeinde im Gratisbaurecht überlassen würden. Meine Aussage bezog sich nur auf das Geschäft mit dem Zeughausareal. Dort waren wir aktiv. Zum Sportunternehmen habe ich mich nicht geäussert.

Wenn Sie Aktien kaufen und ein Darlehen gewähren, müssen Sie sich doch über den Geschäftsgang des Klubs orientiert haben.

Richtig, ich habe in der Gruppe «Rettet den Tiger» mitgewirkt. Dabei habe ich mir einen Grobüberblick schaffen können, wie die finanzielle Ausgangslage aussieht.

Diesen Verein gibt es ja auch nur, weil es nicht wie bisher weitergehen konnte. Und für die bisherige Geschäftsführung trägt Hans Grunder die Verantwortung.

Das ist eine Tatsache. Aber noch vor zwei Monaten hat man gejubelt: beste Saison zuschauermässig, fast die Playoffs erreicht. Alle haben sich auf die Schultern geklopft. Jetzt sieht man die Auswirkungen des relativ hohen Risikos, das die Führung eingegangen ist. Das muss der Quasi-ein-Mann-Verwaltungsrat verantworten. Das wollen wir mit dem Darlehen nicht decken, sondern die neue Strategie der Gruppe um Peter Jakob unterstützen: Bilanz sanieren, Altlasten abbauen, Liquidität herstellen, neues Geld beschaffen. Diese vier Säulen müssen erfüllt sein.

Wenn Sie die Vorlagen geprüft haben, wissen Sie auch, wie viele unbezahlte Schulden die SCL Tigers belasten.

Hans Grunder hat vor einer Woche die Bilanz präsentiert. Es sind Kreditoren von 2,3 Millionen Franken da, das sind Rechnungen aus der letzten Saison, die das neue Geschäftsjahr belasten. Das ist ein Riesenproblem, das sämtliche Liquidität nimmt. Ich weiss nicht, wie viele Schulden davon jetzt bezahlt sind, es hat Abonnementsverkäufe und Sponsorengelder gegeben. Schulden, die vorgetragen werden, gibt es auch bei andern Klubs, alarmierend ist aber die Höhe . . .

. . . und die Tatsache, dass mit den Einnahmen aus der neuen Saison Schulden aus der alten bezahlt werden müssen.

Richtig. Das ist das Hauptproblem. Neben dem buchhalterischen Sanieren der Bilanz braucht es das Abtragen von Altlasten. Die neue Saison steht bevor, und auch da werden nicht plötzlich schwarze Zahlen da sein.

Sie finden es auch richtig, dass Hans Grunder abtritt, wenn die Rettung gelingt?

Es ist häufig so, dass Wirtschaft und Politik nach neuen Leuten schreien. Sicher hätte sich Hans Grunder einen andern Abgang gewünscht. Er hat Leute gesucht, die hätten mitmachen sollen, hat sie aber nicht gefunden. Das Boot hat Löcher, die neue Crew wird es nicht besteigen, wenn vom ersten Tag an nur diese Löcher gestopft werden müssen. Die neuen Leute haben nichts zu gewinnen, sondern riskieren, ihren Ruf zu verlieren.

Wie gross ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Rettungsaktion gelingt?

Trotz positivem Beschluss des Grossen Gemeinderats schätze ich sie auf 50:50.

Was passiert, wenn die Rettung scheitert?

Dann gilt Plan B, dann ist Hans Grunder als Verantwortlicher weiter in der Pflicht und muss einen neuen Weg suchen. Entweder kommt ein Financier aus dem Ausland, oder wir müssen mit einem Lichterlöschen rechnen. Das wäre dramatisch, es würde chaotisch zugehen und für die Region Langnau wüste Monate geben.

Sämtliche Spieler würden den Klub verlassen.

Es gäbe viel Unruhe und hätte auch Folgen für die Gemeindekasse. Kein Spitzenhockey mehr zu haben, hiesse auch, über keinen Hauptbeitragszahler fürs Eis zu verfügen. Langnau müsste bedeutend mehr an die Kunsteisbahn bezahlen. Den Weg, den wir mit «Rettet den Tiger» gewählt haben, ist für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler günstiger, als wenn es zum Showdown käme. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Die SCL Tigers brauchten ein neues Stadion, die Chancen dafür sind aber momentan doch sehr gering.

Richtig, das haben wir zurückstellen müssen. Wir von der Gemeinde haben aber die Aufgabe, vom VBS das Land zu sichern. Bis 2012 verlangt die Liga ein neues Stadion, und in dieser Zeit muss etwas geschehen. Entweder ein neues Stadion, oder das alte muss irgendwie saniert werden.

Für das Gelände, das die Gemeinde sichern müsste, läuft das Kaufrecht Ende Jahr ab.

Wir haben noch diesen Monat Verhandlungen mit dem VBS, um diese Frist zu verlängern.

Der geplante Stadionbau ist Anlass für eine weitere Kontroverse: Es gibt Vorwürfe, das VBS habe unter Samuel Schmid dieses Zeughausgelände viel zu billig, für umgerechnet etwa 60 Franken pro Quadratmeter, zugesichert.

Mittlerweile gibt es einen Vorstoss der SVP und die Antwort des Bundesrats schon unter Bundesrat Maurer. Auch die Finanzdelegation der eidgenössischen Räte hat das Geschäft angeschaut und als korrekt beurteilt. Wenn sich die öffentliche Hand für das VBS-Land interessiert, hat sie Vorrang. Auf diesem Land stehen nicht verwendbare militärische Bauten. Es ist zu einem reellen Nettowert verkauft worden.

Sie können aber nicht bestreiten, dass das Land sehr günstig verkauft worden ist.

Nein, aber es darf darauf nur ein Stadion gebaut werden, und das Areal liegt in einer Zone für öffentliche Nutzung.

Was passiert, wenn das Stadion nicht gebaut wird?

Wir werden in den VBS-Verhandlungen auch danach fragen, was das Land kosten würde, wenn wir es einer erweiterten Nutzung für Industrie und Gewerbe öffnen möchten. Wir wollen die Kontroverse beerdigen, es kann nicht sein, dass einer demokratisch saubereren Geschichte immer wieder unterstellt wird, es sei etwas nicht sauber gelaufen. Ich bin gespannt, wie das VBS mit den negativen Medienberichten rund ums Stadion umgehen wird.

Es gab einmal die Idee, in Kirchberg ein regionales Stadion zu bauen. Wäre das nicht besser gewesen?

Nein, dann könnte man einen Klub genauso gut nach Olten zügeln – verkehrsmässig ist Olten bestens erschlossen. Es geht um Emotionen, einen Mythos, die Tigers können nur in Langnau funktionieren, nicht in Olten und nicht in Kirchberg.

Am Freitag hat Langnau ein Testspiel gegen eine slowenische Mannschaft 3:2 gewonnen. Ist das ein gutes Zeichen dafür, dass die Rettung gelingt?

Man darf die Bedeutung von Vorsaisonspielen nicht überbewerten. Es wird relativ körperlos gespielt. Ich habe das Gefühl, die Moral sei intakt, Trainer Weber ein Glücksfall, er ist loyal, auch die Mannschaft.

Was ist das sportliche Ziel der Tigers, wenn es gelingt, den Klub zu retten?

Für diese Saison der Ligaerhalt. Danach wird man die Nachwuchsbewegung verstärken müssen, damit die Tigers den Namen «Ausbildungsklub» wieder zu Recht tragen und vermehrt eigene Spieler in die erste Mannschaft integrieren können – mit dem Fluch, dass sie nach ein paar Jahren abgeworben werden. Aber dann ist Ausbildungsentschädigung geschuldet. Heute ist es leider so, dass die Tigers mehr Ausbildungsentschädigung zahlen als erhalten.

Haben Sie selber auch Eishockey gespielt?

Nein, aber ich habe lange als Student für «Sport» und «Berner Zeitung» darüber geschrieben. Jetzt bin ich etwa sechs bis sieben Mal pro Saison im Stadion.

Haben Sie Aktien gekauft?

Schon im Frühling in einer ersten Phase in kleinem Umfang als Privatperson. Und jetzt werden wir uns mit unserem Anwaltsbüro im Sinne der Solidarität engagieren.

Sie wollen im November als Gemeindepräsident wiedergewählt werden. Wird Ihnen Ihr Engagement für den SCL nützen?

Wenn ich politisiere, mache ich mir keine solchen Überlegungen, sonst müsste ich die Finger von einigen Dingen lassen. Wir haben mit den Tigers ein Problem, und dafür suchen wir im Gemeinderat Lösungen. Ob Wahlen oder nicht, spielt keine Rolle. (Der Bund)

Erstellt: 17.08.2009, 16:24 Uhr

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