«Im ersten Quartal 2009 hatten wir einen Einbruch von bis zu 40%»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 16.11.2009
(Valérie Chételat)
Eva Jaisli, CEO PB Swiss Tools
Eva Jaisli, Jahrgang 1958, aufgewachsen in Langenthal, bildete sich zunächst zur Lehrerin aus und studierte danach Psychologie in Bern und Boston (USA). Später folgten Master- und Nachdiplomstudiengänge in Betriebswirtschaft und Internationalem Marketing. Vor ihrem Engagement als CEO bei PB Swiss Tools (ab 1997) arbeitete sie u.?a. beim Heks und als Dozentin bei den Berner Fachhochschulen. Eva Jaisli ist verheiratet mit Max Baumann aus der Gründerfamilie von PB Swiss Tools. Er ist in der Firma als CTO (Chief Technical Officer) tätig ist. Die beiden haben vier Kinder und wohnen in Burgdorf. (bur)
Frau Jaisli, als «absolut dramatisch» haben Sie die Lage Ihrer Firma im Frühling bezeichnet. Wie sieht es heute aus?
Es gibt Zeichen dafür, dass sich die konjunkturelle Situation weltweit etwas verbessert. Allerdings gilt das nicht für alle Märkte, etwa in Japan zeigt sich der Silberstreifen am Horizont noch nicht.
Wie gross ist denn der Umsatzeinbruch bei PB Swiss Tools in diesem Jahr im Vergleich mit 2008, als Sie rund 30 Millionen Franken Umsatz machten?
Im ersten Quartal 2009 hatten wir einen Einbruch von bis zu 40 Prozent, im zweiten Quartal von etwa einem Drittel. Jetzt gibt es einen etwas besseren Trend.
2008 arbeiteten in Ihrer Firma 160 Personen. Gab es Entlassungen?
Ja. Bereits im Herbst 2008 nahmen wir einen Einbruch wahr, der aus Asien kam und sich nach Westeuropa ausbreitete. Anfang 2009 kam auch der Einbruch im Binnenmarkt. Das führte dazu, dass wir im Januar zehn Stellen und im März nochmals zehn Stellen abgebaut haben.
Waren von den Entlassungen vor allem unqualifizierte Arbeitskräfte betroffen?
Nein, es waren auch qualifizierte Mitarbeitende mit abgeschlossener Berufslehre darunter.
Es war das erste Mal, dass Sie Mitarbeiter entlassen mussten – hat das in der Belegschaft Unruhe ausgelöst?
Ja, auch deshalb, weil wir eine der ersten Firmen waren, die so stark von der Krise betroffen wurden – gerade auch in dieser Region, in der es nur wenige exportorientierte Unternehmen gibt. Der Bevölkerung war noch nicht bewusst, welches Ausmass die Krise erreicht hatte und dass der Abbau von Stellen zu befürchten war.
Gab es auch Kurzarbeit?
Ja, sie wird auch heute noch in einzelnen Produktionsbereichen aufrechterhalten. In all diesen Monaten haben wir aber im Bereich Entwicklung und neue Produkte 100 Prozent gearbeitet, ebenso im Vertrieb und Marketing.
Sie wollen bereit sein, wenn wieder bessere Zeiten kommen?
Genau.
Was erwartet eine Firma wie Ihre in einer solchen Krise vom Staat?
Zum Beispiel, dass wir unkompliziert Kurzarbeit einführen können und dass sie uns problemlos auch verlängert wird.
Ist diese Bedingung erfüllt worden?
Ja, ich war überrascht, wie schnell der Kanton reagiert hat. Wichtig sind für uns auch die Konjunkturprogramme. Sie geben eine gewisse Zuversicht und sind für die produzierende Wirtschaft insgesamt sehr wichtig.
Sie exportieren rund zwei Drittel Ihrer Produktion. Da helfen schweizerische Konjunkturprogramme nicht viel.
Unmittelbar nicht. Aber Konjunkturprogramme zeigen doch, dass der Staat bereit ist zu investieren.
Hat die Schweiz punkto Konjunkturbelebung genug getan?
Ja. Es ist auch wichtig, dass die Schuldenbremse eingehalten wurde und wir uns in den Folgejahren wegen einer zu hohen Verschuldung keine wirtschaftlichen Nachteile einhandeln.
Die Automobilindustrie ist ein guter Kunde von Ihnen, und das heisst wohl: Sie waren froh um die Abwrackprämie in Deutschland.
Das hat geholfen, die Nachfrage nach unseren Produkten auf einem gewissen Niveau zu stabilisieren.
Die Produkte der PB Swiss Tools haben einen guten Ruf, sind aber teuer. In der Landi habe ich Ihre Marke nicht gefunden. Dort kostet ein Grösse-4-Schraubenzieher Fr. 5.70. Was kostet er bei Ihnen?
Mit Fr. 5.70 haben Sie nicht den billigsten erwischt, aber diesen Preis können wir Ihnen trotzdem nicht bieten. Unser Preis für einen Vierer-Schraubenzieher liegt bei Fr. 7.50 bis 8.50, es kommt auf die Ausführung des Griffes an. Es gibt im Übrigen auch Landis, die sich wirklich gute Werkzeuge wünschen und die wir beliefern können.
Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, Ihre Werkzeuge seien zu teuer?
Unser grosser Vorteil ist die Langlebigkeit unserer Produkte. Wir haben den Anspruch, dass ein Lehrling, der eines unserer Werkzeuge in die Hand bekommt, mit diesem Werkzeug bis zur Pensionierung arbeitet. Wir machen das Werkzeug für den Profi, der höchste Ansprüche stellt und es für alle möglichen Arbeiten, auch einmal für einen «Murks», einsetzen kann.
Ist ein Schraubenzieher nicht ein Schraubenzieher, ob aus Fernost oder Wasen im Emmental?
Ein Schraubenzieher ist ein universelles Werkzeug, mit dem Sie alles Mögliche machen wollen, ohne dass die Klinge bricht. Wichtig sind die Federeigenschaften, die wir mit einer hauseigenen Rezeptur für den verwendeten Stahl sicherstellen. Diesen Stahl gibt es nur bei uns.
Aber gelingt es Ihnen auch, dieses Einmalige herauszustreichen? Sie müssen zeigen, dass Ihr Schraubenzieher für 8 Franken besser ist als jener für 5 Franken.
Da erwischen Sie mich auf dem linken Fuss. Profis kennen unsere Marke, sie arbeiten tagtäglich damit und kennen die Vorteile. Das gilt nicht für normale Konsumenten und Konsumentinnen. Dieses Problem haben wir erkannt, und wir wissen, dass es ganz wichtig ist, die Vorteile unserer Werkzeuge auch Hobby-Handwerkern klarzumachen.
Findet man Ihre Werkzeuge in Hobby-Märkten überhaupt?
Sie finden uns in der Schweiz in Warenhäusern und Baumärkten mit einer gezielten Auswahl von Artikeln, die für zu Hause, für die Werkstatt und fürs Atelier sehr geeignet sind. Ein grösseres Sortiment gibt es aber natürlich im Fachhandel.
Können Sie in den Baumärkten gegen die riesige Auswahl an ähnlichen Produkten in den Regalen bestehen?
Das gelingt uns sehr gut. Die Verkäufer, die für diese Regale verantwortlich sind, sind von unseren Werkzeugen begeistert, weil sie dazu nie Reklamationen erhalten. Im Weiteren stellen wir fest, dass unsere Produkte gefallen. Auch ein Laie merkt, wenn ein Werkzeug vom Griff, von der Ergonomie her gut in der Hand liegt. Das führt dazu, dass unsere Werkzeuge auch von Leuten gekauft werden, die nicht wissen, dass sie im Emmental hergestellt werden und es sich um eine bewährte Marke für Profis handelt.
Auf Ihrer Internetseite heisst es über die Strategie von PB Swiss Tools: «Wir gewinnen laufend Marktanteile.» Ist das wirklich so?
Ja, und das gilt für zwei Aspekte. Erstens wollen wir in Märkten, in denen wir schon präsent sind, eine grössere Durchdringung erreichen. Zweitens wollen wir laufend neue Märkte erschliessen. Beides ist entscheidend. In den für uns wichtigen A-Märkten, Schweiz, Westeuropa, Asien, sind wir in den letzten drei Jahren vor 2009 zweistellig gewachsen. Noch vor zwei Jahren haben wir erst in 35 Länder geliefert, jetzt sind es 43.
Welches sind Ihre wichtigsten Auslandmärkte?
Deutschland, Japan, Holland, Italien. In diesen vier Ländern machen wir 75 Prozent unseres Exports.
Wachsen könnten Sie auch, indem Sie andere Firmen übernähmen.
Das wollen wir nicht. Unsere Hauptmerkmale sind unser Federstahl, unsere spezielle Ergonomie. Bei jedem Produktionsschritt haben wir unsere Spezialität. In der Summe ergibt das unser langlebiges Produkt.
Klein, aber fein . . .
. . . es geht Richtung Exzellenz. Unser Markt gibt uns das Feedback, dass wir die besten Handwerkzeuge produzieren.
Sie stellen sogar mit Gold beschichtete Schraubenzieher her. Wer kauft so etwas?
Leute, die mit Leidenschaft Werkzeuge entweder für sich selber kaufen oder aber verschenken. Vergoldete Werkzeug verkaufen wir vor allem in Westeuropa und Asien.
Ihre Produkte werden zu 100% in der Schweiz gefertigt. Heisst das: Sie gehören zu den überzeugten Verteidigern des Labels «Swiss Made» wie Herr Minder von Trybol?
Vielleicht nicht ganz so stark wie er, aber auch wir leben stark vom Thema «Swissness» und sind darauf angewiesen, dass die Schweiz mit all ihren Produkten ein gutes Image behält. Dass wir zu 100 Prozent in der Schweiz produzieren, glaubt uns fast niemand mehr. Unter den Handwerkzeugherstellern sind wir weltweit der einzige, der an seiner Ursprungsdestination die volle Fertigung aufrechterhält.
Sie produzieren im Emmental, das ja nicht gerade als grosser Industriestandort bekannt ist. Ist das nicht eher ein Nachteil?
Nein. Natürlich liegen wir nicht an einer Hauptverkehrsachse, aber unser Produkt ist für den Transport gut geeignet, es verdirbt nicht, ist nicht speziell schwer und kann in einer wirtschaftlichen Form zum Abnehmer gebracht werden. Im Emmental haben wir von unseren Mitarbeitern her sehr gute Rahmenbedingungen: Loyalität, Treue, eine hohe Motivation, mit uns zusammen dafür zu sorgen, dass sich die Firma weiterentwickelt.
Dank Mitarbeitern auch, die im Em-
mental etwas weniger verdienen?
Nein. Wir machen jedes Jahr mit unserem Verband Swissmem Vergleiche, die zeigen, dass wir über dem Durchschnitt liegen. Ich lege absolut hohen Wert darauf, dass unsere Leute für die geniale Leistung, die sie hier erbringen, auch wirklich ganz gut zu bezahlen.
Sind Ihre Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert?
Zum kleineren Teil. Aber es hat in den letzten Jahren immer Gewerkschaftsvertreter gegeben, und es gibt auch eine Betriebskommission. Ich kenne jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin mit Namen. Der enge Kontakt stärkt die Motivation.
Ist es also letztlich ein Vorteil, an einem Ort zu produzieren, der eher für Kühe als für Schraubenzieher bekannt ist?
Von den Menschen her betrachtet ist es ein Vorteil. Es gibt keine Nachteile, die den Standort infrage stellen würden.
Ist es auch ein Vorteil, ein Familienunternehmen zu sein, das im 132. Jahr seiner Tätigkeit ist?
Ja, in all den Turbulenzen der letzten Zeit hat es sich positiv ausgewirkt, dass wir kurze Entscheidungswege hatten und in engem Kontakt mit unseren Mitarbeitenden standen.
Ist die PB Swiss Tools auch heute noch schuldenfrei, wie Sie in einem früheren Interview erklärt haben?
Nein, zu einem kleinen Anteil haben wir eine Fremdfinanzierung. Es macht von der Rendite her für ein KMU sehr viel Sinn, gewisse Investitionen so zu finanzieren. Bis zu einem Viertel unseres Gesamtumsatzes wird laufend in Neuerungen investiert, sei das in Technologie, in neue Produkte oder die Erweiterung unserer Märkte.
Verschiedene KMUs haben geklagt, es sei schwieriger geworden, Kredite zu erhalten.
Damit haben wir noch nie ein Problem gehabt. Wir arbeiten mit einer Grossbank und einer Regionalbank zusammen. Diese Lösung hat sich auch in der Krise bewährt.
Sie sind seit 1997 in der Geschäftsleitung. Was machen Sie anders als ein Mann?
Darauf weiss ich keine Antwort. Für mich ist es ganz wichtig, zielorientiert zu führen, das heisst, dass Entscheide mit den richtigen Leuten am Tisch gemeinsam gefällt werden.
Hilft Ihnen Ihr Psychologiestudium dabei?
Auf jeden Fall. Manchmal kommt es mir aber auch in die Quere, etwa im Zusammenhang mit den Kündigungen. Weil ich diese Personen gut kannte, konnte ich mir vorstellen, was das für sie bedeutet. In einem Familienunternehmen Kündigungen auszusprechen, nachdem auch diese Leute unter Umständen immer ihr Bestes für die Firma gegeben haben, ist hart. Wir haben versucht, mit Sozialprogrammen, mit Inseraten, die wir aufgegeben haben, zu helfen, damit die Betroffenen rasch wieder eine Stelle finden. Das ist bei bis zu zwei Dritteln gelungen.
Braucht es in der Schweiz mehr Frauen in den Unternehmungsführungen?
Ganz klar, dafür setze ich mich ein.
In Norwegen ist gesetzlich vorgeschrieben, dass 40 Prozent der Verwaltungsräte Frauen sein müssen. Ist das nachahmenswert?
Nein, eine Quotenregelung ist für mich kein Lösungsansatz. Wir brauchen qualifizierte Männer und Frauen. Gerade die letzten Monate haben gezeigt, wie anspruchsvoll strategische Führungsaufgaben sind. Mir ist es ganz wichtig, dass diese Aufgaben in einem gesunden Mix von Männern und Frauen wahrgenommen werden.
Am «Bund»-Gemeindepräsidentenpodium, an dem Sie in dieser Woche teilgenommen haben, wurde gesagt, Unternehmer sollten sich in der Politik mehr engagieren. Sie hätten gute Chancen, in ein Parlament gewählt zu werden.
Ich bin oft angefragt worden, aber die Partei, mit der ich mich identifizieren könnte, gibt es einfach nicht. Ich nehme mir die Freiheit, nach links und rechts so abzustimmen, wie ich es für richtig halte. Ich bin aber bildungspolitisch und in verschiedenen Verbänden und Gremien sehr engagiert.
Eine Forderung an diesem Podium war die, dass der Kanton Bern nicht jedes Seitental entwickeln könne, sondern sich auf die Hauptstadtregion konzentrieren müsse.
Das ist eine Realität. Gerade in der Bildung unterstütze ich die Konzentration auf gewisse Standorte, unsere Lehrlinge gehen nach Bern, Langenthal, unter Umständen nach Solothurn. Wir müssen in den Firmen der Region aber breite Ausbildungsmöglichkeiten anbieten können. Wir müssen für Zuzüger attraktiv bleiben, sonst haben wir eines Tages Probleme mit der Rekrutierung von qualifizierten Leuten.
Sie sind CEO einer Firma, Mutter von vier Kindern – kommt bei Ihnen nichts zu kurz?
Es gibt Momente, in denen ich das Gefühl habe, die Familie oder anderes komme zu kurz. Aber ich habe bis jetzt immer wieder Zeit gefunden, um mich regenerieren zu können. Ich habe das Glück, dass mich meine Familie unterstützt. Die Aufgabenteilung mit meinem Mann ist ganz wichtig.
Sie sind ein Familienunternehmen. Steht die nächste Generation schon bereit?
Nein. Unsere vier Kinder sind in der Ausbildung, die jüngste Tochter ist 15 Jahre alt, die älteste 24 und studiert Medizin. Ob eines der Kinder Interesse hat, steht in den Sternen.
Ist es ein Ziel, eine Nachfolgeregelung in der Familie zu finden?
Nicht zwingend, weder für mich noch meinen Mann. Uns ist es wichtig, in den Kaderpositionen gute Leute zu haben. Es ist also denkbar, dass sich aus der Firma heraus eine Lösung ergibt, oder auch, dass sich eines oder mehrere unserer Kinder qualifizieren, Aufgaben zu übernehmen.
Gibt es auch die Möglichkeit, dass die Firma übernommen wird?
Eine Übernahme steht nicht bevor, obwohl es in den letzten Jahren laufend interessante Angebote gegeben hat. Wir sind aber mit unseren Mitbewerbern im Gespräch, um allfällige Allianzen und Kooperationsformen auszuloten.
Schauen Sie trotz Krise optimistisch in die Zukunft?
Ja. Ich sehe, was wir alles angepackt haben. Wir sind darauf bedacht, unsere Kernkompetenz auch in anderen Geschäftsfeldern anzubieten. Wir sind mit Medizinalfirmen im Gespräch, um Werkzeuge für für das Einsetzen von Implantaten zu produzieren. Es gibt neue Möglichkeiten für neue Märkte. (Der Bund)
Erstellt: 16.11.2009, 14:11 Uhr
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