Bern

«Ich mag die Wörter 'Entwicklungshilfe' und 'Hilfe eigentlich' gar nicht»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 12.04.2010

Sie garantiere, dass das Spendengeld ankomme und in Äthiopien richtig eingesetzt werde, sagt Almaz Böhm.

Almaz Böhm. (Adrian Moser)

Almaz Böhm. (Adrian Moser)

Almaz Böhm

Almaz Böhm, Jahrgang 1964, wurde als sechstes Kind der Grossfamilie Teshome in Jijiga in Äthiopien geboren und besuchte dort die Schulen. 1978, nach Ausbruch des äthiopisch-somalischen Krieges, zog die Familie in die Hauptstadt Addis Abeba, wo Almaz Böhm die neunte bis zwölfte Klasse absolvierte. Danach studierte sie zwei Jahre am Agricultural College Awassa. Ab 1986 arbeitete sie als Abteilungsleiterin und Viehzuchtexpertin bei «Menschen für Menschen». 1991 heiratete sie Karlheinz Böhm, den Gründer dieser Hilfsorganisation. Seit 1999 ist sie Vizepräsidentin der Stiftung «Menschen für Menschen» in der Schweiz (www.menschenfuermenschen.ch). Almaz Böhm ist häufig unterwegs in Äthiopien, lebt aber mit ihrem Ehemann und den zwei Kindern in der Nähe von Salzburg. (bur)

Frau Böhm, Ihre Hilfsorganisation «Menschen für Menschen» sammelt Geld für Äthiopien. Macht sich die Wirtschaftskrise bemerkbar?

Ja, wir merken schon, dass einige Spender von der Krise betroffen sind. Aber es ist nicht so schlimm wie befürchtet.

Und es gibt ja auch viel Konkurrenz um Spendengelder, zum Beispiel durch das Erdbeben in Haiti.

Das ist keine Konkurrenz. Die Menschen dort tun mir leid, und ich bin sehr froh, dass so viel geholfen wird.

Aber wieso soll man für «Menschen für Menschen» spenden?

Weil wir in einem bestimmten Land arbeiten, weil wir die Probleme selbst an die Hand nehmen und sie in nachhaltigen Projekten zusammen mit der Bevölkerung lösen. Wir garantieren, dass das Geld ankommt und richtig eingesetzt wird. Das war von Anfang an unsere Qualität, für die auch mein Mann steht.

Man liest viele Zahlen über Ihr Hilfswerk: 800 Mitarbeiter sind im Einsatz, 220 Schulen haben Sie gebaut, aber die Zahl, wie viel Geld Sie einnehmen, erfährt man nicht.

Doch, in den Jahresberichten legen wir alles offen. Im letzten Jahr sind wir von Pricewaterhouse-Coopers in Deutschland mit dem Transparenz-Preis ausgezeichnet worden – in Konkurrenz mit 60 anderen Nichtregierungsorganisationen. In der Schweiz nehmen wir pro Jahr 6 bis 8 Millionen ein. Das Problem ist: Wenn die Menschen von Millionen hören, fragen sie: «Was helfen meine 20 oder 50 Franken?» Für uns aber zählt jeder einzelne Franken.

Wofür investiert «Menschen für Menschen» am meisten?

Wir sind vor allem in entlegenen ländlichen Gebieten aktiv. 80 Prozent der Menschen in Äthiopien leben von der Landwirtschaft. Unser Modell heisst «Integriertes ländliches Entwicklungsprojekt». Wir arbeiten für die Verbesserung der Landwirtschaft, für die Nahrungssicherheit, für die Umwelt, den Gesundheits- und Bildungsbereich sowie die Frauenförderung.

Welches ist von all diesen Gebieten das wichtigste?

Alle sind wichtig. Was hilft eine Schule, wenn die Bevölkerung krank ist? Was hilft eine Klinik, wenn keine Wasserstelle und kein sauberes Wasser in der Nähe sind? Was hilft ein Mikrokredit-Programm, wenn die Frauen vier Stunden lang Wasser und Holz suchen müssen? Das gehört alles zusammen. Die Armut hat nicht ein Gesicht, sondern mehrere Gesichter, und man muss sie von verschiedenen Seiten her bekämpfen.

Eines der Gesichter der Armut ist, dass sehr viele Menschen in Äthiopien Analphabeten sind. Sind es immer noch 60 Prozent?

Bei den Erwachsenen ja, bei den Kindern hat sich das verbessert, aber es ist noch immer nicht so weit, dass alle Kinder Zugang zu Bildung haben. Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. Unser Ziel ist es, diesen Jungen eine Chance auf Bildung und ein besseres Leben zu geben. Wir bieten in unseren Projekten aber immer auch Alphabetisierungskurse für Erwachsene an.

Eines der Probleme Äthiopiens ist die Bevölkerungsexplosion. Bei einer Zunahme von jährlich drei Prozent wird jede Entwicklung schwierig.

Das stimmt. Dieser Kreislauf muss gebrochen werden: Wer arm ist, hat mehr Kinder, und wer mehr Kinder hat, ist arm. Unser Ansatz und auch der der Regierung ist es, den Zugang zu Familienplanung zu verbessern. Wir geben Verhütungsmittel ab und leisten Aufklärungsarbeit. Eine Bäuerin hat mir kürzlich gesagt: «Unser Grundstück wächst nicht, aber unsere Familie.» Wenn dies nicht verstanden wird, kann man noch so viele Pillen abgeben und wird trotzdem nicht erfolgreich sein.

Viele Mädchen werden sehr früh verheiratet. Was tun Sie dagegen?

Als erste Organisation überhaupt in Äthiopien haben wir dieses Tabuthema aufgegriffen und gegen Kinderheiraten und auch Mädchenbeschneidungen grosse Erfolge erzielt. Jetzt gibt es Gesetze, wonach Mädchen unter 18 Jahren nicht verheiratet werden dürfen.

Werden in Äthiopien immer noch viele Mädchen beschnitten?

Wie viele es noch sind, kann ich nicht sagen. Wir sind nur in einem Teil des Landes aktiv, und Äthiopien ist 30-mal so gross wie die Schweiz. Aber nicht nur wir klären über dieses Thema auf, auch Radio, Fernsehen und andere Kommunikationsmittel sorgen dafür, dass es im ganzen Land zur Sprache kommt. In einem grossen Teil des Landes gibt es keine Mädchenbeschneidungen mehr.

In Entwicklungsländern ist die Rolle der Frau ganz wichtig. Konzentrieren Sie Ihre Programme auf Frauen?

Nicht nur. Es stimmt: Eines der Probleme Äthiopiens ist die Situation der Frauen. Das ist uns bewusst, und alle unsere Aktivitäten erhöhen die Chance der Frauen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Aber Familienplanung zum Beispiel geht nicht nur Frauen an.

Aber Sie sehen Frauen doch als Stützpfeiler der Gesellschaft?

Sicher, sie sind sehr wichtig und auch am meisten von der Armut betroffen. Wenn man ihre Situation verbessert, hat man schon viel erreicht. Frauen handeln anders. Das haben wir besonders bei unseren Mikrokredit-Programmen gesehen: Wenn Frauen eine Chance bekommen, wenn man ihnen vertraut, dann schaut etwas heraus. Sie arbeiten erfolgreich, ideenreich, selbstbewusst, und ihre Zahlungsmoral ist gross.

Mikrokredite geben Sie nur Frauen?

Ja.

Und wofür werden sie gebraucht?

Zum Beispiel für Frauen, die sich als Ladenbesitzerinnen, Schneiderinnen oder Töpferinnen selbstständig machen.

Seit Jahrzehnten gibt es Entwicklungshilfe in Äthiopien. Wieso kommt das Land nicht vom Fleck?

Das hat verschiedene Gründe. Einen haben wir schon erwähnt: In den letzten 30 Jahren hat sich die Bevölkerung verdoppelt. Weiter gab es seit den 80er-Jahren mehrere Dürren und Überschwemmungen, manchmal in einem Jahr sogar beides. Solchen Problemen ist das Land noch nicht gewachsen.

In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba soll es über 300 Hilfsorganisationen geben . . .

. . . kann sein. Wir sind nicht in Addis Abeba.

Man sagt aber auch: Hilfe macht abhängig.

Das trifft auf unsere Hilfe nicht zu. Unser Ansatz ist es, die Bevölkerung in ihrer eigenen Entwicklung zu unterstützen, das heisst, die Menschen bringen ihre eigenen Initiativen, ihre eigenen Erfahrungen in die Projekte ein. Ich mag die Wörter «Entwicklungshilfe» und «Hilfe» eigentlich gar nicht, weil da der eine gibt und der andere nimmt. Wir planen die Projekte nicht an unseren Schreibtischen in Europa, jedes Projekt ist auf die Bedürfnisse der Bevölkerung massgeschneidert und ist nachhaltig.

Eigenartig ist, dass alle Entwicklungshilfeorganisationen so argumentieren. Alle sagen, sie würden nachhaltig arbeiten und Hilfe zur Selbsthilfe anbieten . . .

. . . aber «Menschen für Menschen» ist, wie ein Bauer gesagt hat, «zum Riechen, zum Anfassen, zum Greifen». Davon könnten Sie sich überzeugen, wenn Sie sich unsere Projekte in Äthiopien einmal anschauen würden.

Nochmals: Alle wollen nachhaltig sein, und dennoch geht es mit dem Land nicht vorwärts, Äthiopien ist immer noch eines der ärmsten Länder der Welt.

Es geht vorwärts. Unsere Organisation hat am Anfang 3500 Menschen erreicht, heute erreichen wir vier Millionen. Wer von unserer Hilfe profitiert, hat ein eigenes Leben und eine Zukunft. Wir messen unseren Erfolg nicht in Prozenten wie die Regierung, aber wir sehen mit eigenen Augen, dass es vorwärtsgeht.

Es gibt eine wachsende Zahl von Studien, die zum Schluss kommen, dass Entwicklungshilfe mehr schadet als nützt, weil sich die Empfänger auf die Hilfe einstellen.

Da bin ich ganz anderer Meinung, weil ich an unserer Arbeit direkt beteiligt bin. Ich weiss, wie wir arbeiten, wie wir die Menschen in ihrer Würde respektieren. Wir haben sie nie in Abhängigkeit gebracht, sondern als Partner, als Mitentwickler und Initiatoren eingesetzt. Wir entwickeln ein Projekt an Ort und Stelle mit den Bauern.

Was aber machen asiatische Länder, die vor 30, 40 Jahren in einer ähnlichen Lage wie Afrika waren, besser – gibt es dort bessere Regierungen?

Die Entwicklung asiatischer Länder kenne ich nicht, ich kann nur sagen: In Äthiopien gibt es Verbesserungen. Das Bewusstsein der Menschen ist grösser geworden, manche Menschen sind sehr fortschrittlich. Wenn ich zum Beispiel an die Aids-Problematik denke: Ich kann darüber mit Bauern in den entlegensten Gebieten Äthiopiens besser reden als mit den Leuten hier in Europa.

Als grosses Problem in Afrika gilt die Korruption der Regierungen. Wie steht es damit in Äthiopien?

Das weiss ich nicht. Wir bauen auf drei Säulen: unser Hilfswerk, die Bevölkerung und die Regionalregierungen, die wir als Partner sehen. Jeder leistet seinen Beitrag, um ein Projekt zu entwickeln. Wenn wir irgendwo eine Schule bauen, muss die Regierung in der Lage sein, Lehrer und Betrieb zu bezahlen. Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert sehr gut, sie kommen allen ihren Verpflichtungen nach.

Gegen die äthiopische Regierung hat es aber vor ein paar Jahren schwere Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen gegeben.

Das ist nichts Neues. Wir haben keine Probleme mit der Regierung. In unseren Statuten steht, dass «Menschen für Menschen» unabhängig von Politik, Religion und Wirtschaft ist. Das war zu Zeiten der Militärdiktatur so, ist heute so und wird in Zukunft so sein. Es ist nicht Aufgabe von Nichtregierungsorganisationen, sich in die Politik einzumischen, sie müssen auch nach einem Regierungswechsel weiterarbeiten können. Mein Mann hat von Anfang an gesagt: «Meine Hilfe für euch ist bedingungslos. Die einzige Bedingung, die ich stelle, ist, dass ihr mir keine Bedingungen stellt.» Das hat die Regierung befolgt.

In der Biografie über Sie steht, Sie selber hätten unter dem früheren kommunistischen Regime in Äthiopien gelitten. Es ist doch wichtig, was für eine Regierung ein Land hat.

Sicher ist das wichtig. Aber es gibt Organisationen, die sich speziell mit Regierungen befassen, zum Beispiel die Uno und Menschenrechtsorganisationen.

Es gibt Bestrebungen, Entwicklungshilfe an die Einhaltung von Menschenrechten zu knüpfen.

Das ist der falsche Ansatz, um eine Diktatur zu bekämpfen. Unser Interesse gilt nicht der Regierung, es gilt den Menschen. Wir geben kein Geld an die Regierung. Was wir investieren, investieren wir für das Land und für die Menschen. Die Regierung ist unsere Partnerin, und das ist auch richtig so.

In einem Artikel über Äthiopien wird ein Taxifahrer mit der Aussage zitiert, Entwicklungshilfe stärke nur die Herrschenden.

Nein. Es gibt Entwicklungshilfe und Entwicklungshilfe. Unsere private Initiative arbeitet direkt mit der Bevölkerung. Etwas anderes ist die bilaterale Hilfe, die von Regierungen in Europa in Zusammenarbeit mit der äthiopischen Regierung geleistet wird.

Für die Entwicklung eines Landes ist Korruption nun einmal ein besonders grosses Problem, wenn die Eliten nur für sich selber schauen.

Von uns bekommen diese Eliten kein Geld, das bekommen sie vielleicht von westlichen Ländern. Korruption gibt es ja nicht nur in Äthiopien, nicht nur in Afrika, es gibt sie auch in Europa. Das heisst nicht, dass ich Korruption nicht verurteile, nur eben: Es gibt sie überall.

Müssten reiche westliche Staaten wie die Schweiz mehr Entwicklungshilfe leisten?

Dieser Meinung bin nicht nur ich, sondern auch viele Schweizer Politiker. Es gibt immer noch das Ziel, 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe einzusetzen. Aus unserer Sicht wäre es das Beste, wenn Wirtschaft und Industrie Afrika und Äthiopien als gleichberechtigte Partner behandeln und dort investieren würden, auch wenn das nicht sofort Gewinne brächte.

Die politischen Verhältnisse in Afrika sind zu instabil, es gibt zu wenig Rechtssicherheit.

Auch das kann durch die Wirtschaft verändert werden. Wenn man Diktatoren isoliert, liefert man ihnen das Volk aus.

Ein Land, das zurzeit in Afrika, auch in Äthiopien stark investiert, ist China. Was halten Sie davon?

Immerhin steht für China nicht der schnelle Gewinn im Vordergrund, es investiert in die Zukunft.

China baut Strassen, beschäftigt aber kaum Einheimische.

Das stimmt für Äthiopien nicht. Natürlich kommen Fachleute aus China, aber alle andern Arbeitskräfte werden in Äthiopien rekrutiert.

Noch arbeiten die meisten Menschen in Äthiopien in der Landwirtschaft. Erlaubt die Regierung jetzt Privatbesitz an Land?

Noch nicht. Sicher wäre es nützlich, wenn die Regierung das erlauben würde. Sie argumentiert aber damit, dass reiche Leute den armen Bauern die Grundstücke abkauften und dann viele Bauern vor dem Nichts stünden.

Wenn das Land den Bauern gehörte, würde sie mehr investieren.

Ja, das würde Bauern motivieren. Ich wäre dafür, das Land zu privatisieren.

Gibt es irgendeine Industrie?

Nur wenig. Hauptexportprodukte sind Kaffee, Rinderhäute und Gewürze. Es wird versucht, den Tourismus aufzubauen. Das braucht natürlich viel Zeit.

Wie verändert das Mobiltelefon Äthiopien?

Es erleichtert die Kommunikation. Es gibt jetzt ein Mobilfunknetz auch in entlegenen Gebieten, und wo das noch nicht der Fall ist, gibt es pro Dorf ein Satellitentelefon, das der Bevölkerung zur Verfügung steht. Von so einer Entwicklung haben wir noch vor zehn Jahren nicht einmal geträumt. Es ist jetzt möglich, bei einem Notfall eine Ambulanz für den Transport in ein Spital anzufordern. Für äthiopische Verhältnisse ist das ein grosser Fortschritt.

Hilft auch das Internet bei der Entwicklung?

Ja, aber es gibt noch nicht überall Zugang dazu, nur in grösseren Städten.

In welcher Kultur sind Sie heute mehr zu Hause, Europa oder Afrika?

In beiden Kulturen gibt es wunderbare Dinge, ich nehme von beiden das Schöne. Ich bin eine Äthiopierin und Österreicherin, die gerne in Europa lebt. Unser Hauptwohnsitz ist bei Salzburg, wo ich mich sehr wohlfühle.

Freuen Sie sich auf die nächste Äthiopien-Reise?

Ja sehr. Ich werde viel erleben, Schulen eröffnen, fröhliche und strahlende Augen sehen und vielen dankbaren Menschen begegnen. (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2010, 10:27 Uhr

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