Bern

«Eine Dopingmeldung überrascht mich nie»

Von Rudolf Burger, Beat Stähli. Aktualisiert am 01.12.2008

«Es kommen dauernd neue Bedrohungen auf uns zu», sagt Corinne Schmidhauser, die Präsidentin der Antidoping-Stiftung. Für den Kampf gegen gedopte Athleten fordert die ehemalige Skirennfahrerin mehr Geld. Nächste Woche entscheidet das Parlament über die Verdoppelung des Beitrags an die Stiftung auf 3,4 Millionen. Jetzt müssten die Politiker Farbe bekennen, ob sie wirklich sauberen Sport wollten, findet Schmidhauser.

Corinne Schmidhauser

Corinne Schmidhauser, Jahrgang 1964, war in den 80er-Jahren eine erfolgreiche Skirennfahrerin (unter anderem Siegerin Gesamtweltcup Slalom). Von 1990 bis 1995 studierte sie an der Universität Bern Jurisprudenz und erwarb anschliessend das Patent als bernische Fürsprecherin.

Seit dem Jahr 2000 ist sie als Partnerin in Advokatur-Büros tätig und liess sich zusätzlich zur Mediatorin SAV ausbilden. Seit 2007 ist sie Partnerin in der Bürogemeinschaft Krneta/Gurtner (Advokatur, Notariat, Mediation) in Bern. Im Weiteren ist sie Präsidentin der Stiftung Antidoping Schweiz und Schiedsrichterin am Internationalen Sportschiedsgericht in Lausanne (TAS).

Corinne Schmidhauser ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. In ihrem Wohnort Bremgarten sitzt sie für die FDP im Gemeinderat. (sbb)

«Bund»: Frau Schmidhauser, sind Sie à jour, was die jüngsten Dopingnachrichten betrifft?

Corinne Schmidhauser: Aktuell ist die Meldung über den Kunstturner Patrick Dominguez, der Cannabis und Kokain konsumiert hat. Weiter wurden diese Woche der österreichische Radfahrer Bernhard Kohl, Dritter der Tour de France, sowie der Schweizer Mountainbiker Christian Leuenberger für zwei Jahre gesperrt.

Überrascht es Sie nicht, wenn so viele Sportler des Dopingmissbrauchs überführt werden?

Zum einen erleben wir wirklich eine Häufung, wir haben in der Schweiz nicht alle vierzehn Tage zwei Dopingfälle. Zum Glück nicht! Andererseits wäre es eine Illusion zu glauben, die Dopingbekämpfung könnte ein Ende haben. Doping wird es immer geben. So gesehen überrascht mich eine Dopingmeldung nie.

Es war aber doch eine Schreckensmeldung, als Fabian Cancellara Mitte Jahr plötzlich auch unter die Verdächtigen geriet.

Ja, das hat mich erschreckt, und es hätte mir wehgetan, wenn sich der Verdacht bestätigt hätte. Fabian Cancellara ist ein Sportler, der sehr für die Dopingbekämpfung einsteht. Es freut mich sehr für ihn, dass sich der Verdacht in Luft aufgelöst hat.

Seit Juli 2008 gibt es die neue, unabhängige Antidoping-Stiftung. Vor Kurzem haben Sie eine erste Bilanz gezogen und sich vor allem über Geldmangel beklagt – trotz einem Budget von immerhin 3,8 Millionen.

Das ist ein beachtlicher Betrag, aber man muss sehen: Es kommen dauernd neue Bedrohungen auf uns zu, diesen Sommer zum Beispiel das neue Epo-Mittel Cera. Man kann Doping im Jahre 2010 nicht mit dem Geldbetrag aus dem Jahre 2005 bekämpfen.

Wozu braucht es denn mehr Geld?

Wir möchten einen klaren Schwerpunkt im Bereich Prävention setzen. Gerade wenn man immer wieder von Jugendschutz spricht, müsste man da mehr machen können, und das braucht Geld.

Allen Jugendlichen müsste doch eigentlich klar sein, dass man sich beim Sport nicht dopen sollte. Was kann man da präventiv überhaupt bewirken?

Es wäre toll, wenn es so einfach wäre. Aber: Junge Athleten wollen nicht primär gesund sein, junge Athleten wollen primär gewinnen. Das ist legitim, und deshalb gibt es den Spitzensport. Man muss den jungen Sportlerinnen und Sportlern erklären, was sie allenfalls für einen Preis zahlen, wenn sie unbedingt Erste werden wollen.

Der Preis wird vor allem mit der Gesundheit bezahlt . . .

. . . und zwar nicht bloss so, dass sie mit 50 etwas rascher ermüden. Es gibt Studien, die eine gehäufte Anzahl mysteriöser Todesfälle bei 30-jährigen Spitzensportlern belegen. Das kommt nicht davon, dass sie zu intensiv trainiert haben. Da ist viel Informationsarbeit nötig.

Wozu brauchen Sie sonst noch mehr Geld?

Wir würden und sollten unbedingt Blutanalytik betreiben können, weil da bessere Nachweismöglichkeiten bestehen. Allein dafür brauchten wir mindestens eine halbe Million Franken.

Anfang nächster Woche entscheidet das Parlament im Rahmen der Budgetdebatte über den Antrag, den Bundesbeitrag für Ihre Antidoping-Stiftung von 1,7 auf 3,4 Millionen Franken zu erhöhen. Sind Sie tüchtig am Lobbyieren?

(lacht) Der Antrag ist unterwegs. Allerdings wurde er in der Finanzkommission abgelehnt. Selbstverständlich versuchen wir, auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen, innerhalb und ausserhalb des Parlaments.

Sieht man Sie nächste Woche im Bundeshaus?

Das ist durchaus möglich. Wir sind im Gespräch mit diversen Politikerinnen und Politikern, um sie von der Wichtigkeit der Dopingbekämpfung zu überzeugen.

Wie zu hören war, hat Bundesrat Samuel Schmid die Aufstockung des Bundesbeitrags nicht gross unterstützt.

Stimmt. Bundesrat Schmid erklärte, der Beitrag werde nicht erhöht. Obwohl auch er immer wieder betont hat, wie wichtig Ethik und Fairness im Sport seien, sind wir bei ihm auf taube Ohren gestossen. Aber wenn die Mittel nicht gesprochen werden, sagt der Bundesrat letztlich, es sei ihm egal, wie der Sport betrieben werde.

Eigentlich sind doch alle Politikerinnen und Politiker für sauberen Sport. Der Antrag müsste glatt durchkommen . . .

Das schreiben sich tatsächlich viele auf die Fahne. Deshalb bin ich nicht unglücklich, dass der Antrag ins Parlament kommt. Jetzt muss jeder Farbe bekennen.

Könnte man nicht auch bei den grossen Sport-Sponsoren – Nike, Adidas, Credit Suisse – anklopfen, um Mittel für die Dopingbekämpfung zu generieren?

Doch. Weil wir jetzt eine unabhängige Stiftung sind, ist dies überhaupt erst möglich. Schon jetzt finanziert aber Swiss Olympic, das von privaten Sponsoren lebt, den grösseren Teil der Dopingbekämpfung. In den meisten anderen Ländern ist Dopingbekämpfung inzwischen vor allem eine Staatsaufgabe.

Konkrete Sponsoren haben Sie noch nicht gefunden?

Wir sind in fortgeschrittenen Verhandlungen mit zwei möglichen Partnern für spezielle Projekte in der Dopingbekämpfung.

Was geschieht, wenn die Budgeterhöhung im Parlament abgelehnt wird?

Dann wird es weiterhin keine Blutkontrollen geben, und wir werden unsere Zielsetzungen für 2009 und 2010, gerade in der Prävention, anpassen müssen.

Wo steht die Schweiz punkto Dopingbekämpfung im internationalen Vergleich?

Die Schweiz ist in Sachen Sportpolitik eine Macht. Bei uns sind etwa 50 internationale Sportverbände angesiedelt, die Schweiz steht im Fokus der Sportpolitik. Dementsprechend müsste sie eine beispielhafte Dopingbekämpfung haben. Das Problem ist: Wenn im Ausland punkto Dopingbekämpfung zu wenig passiert, hilft das unseren Athleten nicht . . .

. . . sie fühlen sich höchstens benachteiligt.

Genau. Und das wollen wir nicht, und deshalb sind internationale Vernetzungen – mit der deutschen, mit der internationalen Dopingbekämpfung – enorm wichtig. Insgesamt stehen wir gut da, haben aber in den letzten Jahren etwas an Boden verloren, weil die Finanzen fehlten. Unser klares Ziel ist es, wieder top zu werden.

Andere Länder, nehmen wir als Beispiel Spanien, nehmen es nicht so ernst mit den Kontrollen, gerade auch im Radsport.

Genau deshalb forcieren wir die internationale Vernetzung, damit wir dort auch unser Gewicht und unser Knowhow einbringen können. Spanien hat gute Gesetze – aber wenn man nicht wirklich will, kann man die Kontrollen immer zum falschen Zeitpunkt machen. Die innere Haltung ist entscheidend.

Im Jahr 2007 hat die Antidoping-Stiftung knapp 1500 Kontrollen durchgeführt. Total konnten 11 Dopingfälle aufgedeckt werden. Wie viele Kontrollen brauchte es, um effizienter gegen Doping vorgehen zu können?

Bei uns stimmt vor allem das Verhältnis zwischen Trainings- und Wettkampfkontrollen nicht. Idealerweise liegt es bei 2 zu 1, gegenwärtig ist es bei uns mit 1,1 zu 1 praktisch ausgeglichen. Nur: Die Kontrolle ausserhalb der Wettkämpfe ist viel aufwendiger und teurer – man kennt etwa das Beispiel eines Velofahrers, dem man auf einen Pass hat nachfahren müssen, um ihn zu kontrollieren.

Dopingbekämpfung ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wer sich dopen will, ist den Fahndern immer einen Schritt voraus.

Ich sage immer: Wenn es uns gelingt, nur einen halben Schritt hinter Dopingsündern her zu sein, können wir ihnen ein Bein stellen, und das reicht. Klar ist aber, dass wir nie alle erwischen.

Aber jetzt gibts Gendoping, Blutdoping, und neuerdings soll Viagra auch im Sport leistungsfördernd sein.

Das zeigt, wie extrem dynamisch das Umfeld ist. Genau deshalb sind wir auf die Zusammenarbeit mit dem Dopinganalyse-Labor in Lausanne angewiesen. Das Labor braucht aber auch Forschungsmittel, um den Dopingsündern wenigstens nur einen halben Schritt hinterherlaufen zu können.

Bei Ausdauersportarten wie Velofahren oder Langlaufen wird eher gedopt als im Fussball oder beim Golf. Gibt es bei kritischen Sportarten häufigere Kontrollen?

Ob Fussball wirklich weniger gefährdet ist, sei dahingestellt. Richtig ist: Es gibt Sportarten mit extrem starken physischen Komponenten, die eher häufiger kontrolliert werden.

Gibt es auch saubere Sportarten?

Sagen wir es so: Es gibt in jedem Sport ein gewisses Doping, das mir helfen kann, wenn meine Voraussetzungen nicht optimal sind. Ich würde für keine einzige Sportart meine Hand ins Feuer legen.

Dennoch: Der Radsport liefert die meisten Doping-Schlagzeilen. Ist dieser Sport überhaupt noch zu retten?

Der Radsport ist belastet, aber gerade im Radsport ist nun reagiert worden, weil es «a ds Läbige» gegangen ist. Es gäbe schon Möglichkeiten, wieder auf die saubere Seite zu kommen, aber das geht weit über die Kontrolle hinaus. Die Wettkampfrealität müsste wiederhergestellt werden.

Mit anderen Worten: Die Tour de France müsste einfacher werden.

Ja. Um zu sehen, wie die Profis auf die Alp d’Huez fahren, muss ich nicht wissen, ob sie vorher schon fünf oder sieben Stunden unterwegs waren. Die Tatsache, dass einige Athleten in diesem Jahr grossen Leistungsschwankungen unterworfen waren, hat aber gezeigt, dass offenbar weniger leistungssteigernde Mittel im Spiel waren.

Sie sind ja auch Anwältin. Müssten die Strafen für Dopingsünder nicht verschärft werden – wäre es also nicht besser, einen Fahrer wie Bernhard Kohl statt nur zwei gleich fünf Jahre lang zu sperren?

Das ist eine heikle Frage. Zwei Jahre sind im Spitzensport eine relativ lange Zeit. Eine Sperre von fünf Jahren käme der Beendigung der Sportkarriere gleich. Ich habe Hemmungen, das in jedem Fall zu verlangen.

Wenn die Sportler wüssten, dass ihre Karriere bei Dopingvergehen zu Ende wäre, würde weniger gedopt.

Es gibt Verbände, die auf vier Jahre gehen wollen. Einen 30-jährigen Athleten kann man von mir aus auch für zehn Jahre sperren. Aber junge Athleten, die ihren Sport mit wahnsinnig viel Ehrgeiz betreiben – da finde ich, dass sie die Chance für einen zweiten Start haben sollten.

Soll jemand, der des Dopingmissbrauchs überführt wurde, zum Beispiel von künftigen Olympischen Spielen ausgeschlossen werden?

Das ist denkbar. Letztlich hat dabei das Olympische Komitee das letzte Wort. Für viele Athleten wäre ein Ausschluss von den Olympischen Spielen auch gleich das Ende der Karriere. Wie gesagt: Ich bin für harte Strafen, neige aber dazu, einem jungen Athleten allenfalls eine zweite Chance zu geben.

Wie sicher sind die Tests in den Labors? Der Radfahrer Stefan Schumacher, der des Dopingmissbrauchs überführt wurde, ist nicht geständig und versucht nun, mit der Hilfe von Anwälten um die Strafe herumzukommen.

Ich bin nebenbei auch Schiedsrichterin am Internationalen Sportschiedsgericht in Lausanne. Da musste ich schon bei vielen Dopingfällen mitentscheiden. Wir haben schon Strafen bestätigt oder sogar erhöht. Nur in ganz wenigen Fällen konnte ein Urteil gegen einen Dopingsünder aus formellen Gründen nicht durchgesetzt werden.

Wäre es im Sinne der Prävention nicht sinnvoll, wenn jeder Sportler, der sich an einer Schweizer Meisterschaft beteiligt, einen Ehrenkodex unterschreiben müsste?

An sich bestätigt heute jeder Athlet einmal, dass er die Liste der Doping-Mittel kennt und weiss, mit welchen Sanktionen er zu rechnen hat, falls er mit Doping erwischt wird. Bei der Tour de France haben zudem einzelne Radsportgruppen ihre Fahrer zusätzlich eine «Ehrenerklärung» unterzeichnen lassen.

Was halten Sie davon, dass nächstes Jahr Lance Armstrong wieder an der Tour de France teilnehmen will?

Ich bin nicht begeistert, ich glaube nicht, dass er damit dem Radsport einen grossen Dienst erweist. Die Tatsache, dass Armstrong die Erlaubnis nicht gibt, seine früheren Proben noch einmal zu prüfen, ist bezeichnend.

Heute wäre das ja anders . . .

. . . mit der heutigen Regelung kann man Proben während acht Jahren untersuchen, der Sportler ist also acht Jahre lang im Ungewissen. Das hat eine abschreckende Wirkung. Zum Beispiel werden im nächsten Januar in Lausanne die Proben von den Olympischen Spielen in Peking noch einmal auf das Epo-Mittel Cera sowie auf Insulin untersucht.

Da werden unter Umständen Sportlerkarrieren nachträglich kaputt gemacht.

Das ist gut so, genau dem muss sich der Athlet stellen. Problematisch ist nur, dass der Sport vom momentanen Erfolg lebt. Wenn ich also vier oder acht Jahre nach den Olympischen Spielen zum Olympiasieger erklärt werde, weil der vor mir platzierte Sportler des Dopingmissbrauchs überführt wurde, hat das natürlich keine grosse Bedeutung mehr.

Braucht man wirklich acht Jahre, um herauszufinden, ob ein Sportler nicht doch gedopt war?

Eventuell kann Missbrauch erst mit einem neuen Verfahren nachgewiesen werden. Das war die Geschichte mit dem Blutdoping Cera: Die Sportler haben es benutzt, weil sie wussten, dass der Nachweis noch nicht möglich war. Plötzlich ist aber der Nachweis möglich, und einige Athleten wurden überführt. Die Athleten müssen wissen: Egal was du nimmst, in einem halben Jahr können wir es dir vielleicht nachweisen.

Trotz allen Kontrollen: Bleibt dopingfreier Spitzensport nicht doch eine Illusion?

Das ist wohl so, und ich habe mich vor Antritt meines Amtes auch gefragt, ob man nicht doch am besten alles freigeben würde.

Und wieso sollte man das nicht tun?

Es geht um unsere Kinder, die mit sechs, sieben Jahren anfangen, Sport zu treiben. Mit 18 Jahren stehen sie vielleicht an der Türe zum Spitzensport. Wenn sie dann wissen, dass sie ihre Leidenschaft nur ausüben können, wenn sie sich dopen, ist das verheerend. Wer jung ist, will im Spitzensport vor allem gewinnen und wird dafür zu jedem legalen Mittel greifen. Wenn aber nur noch gewinnen kann, wer sich dopt, müsste ich meinen Kindern empfehlen, mit dem Sport aufzuhören. Der junge Athlet muss die Perspektive haben, chancengleich gegen andere junge, auch nicht gedopte Athleten antreten zu können. Sonst herrscht im Sport die freie Wildbahn.

Letztlich ist das unvorstellbar.

Das finde ich auch. Wer sich für die Freigabe der Dopingmittel einsetzt, ist sich der Konsequenzen eines solchen Entscheids nicht bewusst. Wenn man sich die Sache zu Ende denkt, kommt man deshalb um den Kampf für einen fairen Sport nicht herum – im Wissen, dass es eine nie endende Aufgabe ist.

Sind Sie guten Mutes, was die 1,7 Millionen Franken betrifft, die das Parlament nächste Woche sprechen soll?

Es kann sein, dass die Doping-Bekämpfung zum Spielball von anderen Interes-sen wird. Vor den Turbulenzen um Bundesrat Schmid war ich relativ zuversichtlich. Jetzt weiss ich es nicht, ich wage keine Prognose. (Der Bund)

Erstellt: 01.12.2008, 15:29 Uhr

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