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«Durchschnittlich sterben pro Woche 3000 Menschen an Aids»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 07.06.2010

Die Newlands Clinic in Harare hilft den «Ärmsten der Armen» unter den HIV-Infizierten, sagt Tarisai Zata.

(Valérie Chételat)

(Valérie Chételat)

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Tarisai Zata

Tarisai Zata, Jahrgang 1967, ist in Chivhu in Simbabwe geboren und aufgewachsen. Nach­dem ihre Familie in die Hauptstadt Harare umgezogen war, besuchte sie dort eine nahe gelegene Missionsschule. An der Universität in Harare bildete sie sich dann zur Familientherapeutin aus. In einer methodistischen Familie aufgewachsen, wechselte sie zur katholischen Kirche und trat 1983 dem Dominikanerorden bei. Seit anderthalb Jahren arbeitet Schwester Tarisai in der Newlands Clinic in Harare als stellvertretende Direktorin.

Geleitet wird die Newlands Clinic vom Schweizer Professor Ruedi Lüthy, der 2003 die Stiftung Swiss Aids Care International (Internet siehe www.swissaidscare.ch) gründete und 2004 eine erste Klinik in Harare eröffnete. Mit der Newlands Clinic konnte 2008 an einem andern Standort eine neue und grössere Klinik bezogen werden. Tarisai Zata ist die designierte Nachfolgerin von Professor Lüthy. (bur)

Frau Zata, wieso haben so viele Menschen in Zimbabwe Aids?

Einer der wichtigsten Gründe ist die Tatsache, dass aus ökonomischen Gründen viele Menschen viel reisen und deshalb auch viele verschiedene Sexualpartner haben. So bringen zum Beispiel Saisonarbeiter in Minen HIV-Infektionen zu ihren Ehepartnern nach Hause.

Stimmt es, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung in Zimbabwe mit dem HI-Virus infiziert ist?

Die Regierung geht von 14 Prozent aus. Innert 10 Jahren ist der Prozentsatz von 33 Prozent also auf weniger als die Hälfte gesunken. Leider ist das nicht auf eine wirksame Präventionspolitik zurückzuführen, sondern auf die hohe Sterblichkeit. Die Zahl der Infizierten geht aber auch deshalb zurück, weil die Menschen begreifen, wie sehr Aids Familien zerstört, und umzudenken beginnen.

Wie wird Aids übertragen, vor allem durch heterosexuelle Kontakte?

Ja, nicht durch Homosexualität und auch nicht durch Ansteckungen durch Nadeltausch bei Drogenabhängigen. In Zimbabwe wie auch im südlichen Afrika ist einer der Hauptgründe für die Verbreitung von Aids die Tatsache, dass die Leute verheiratet sind. Verheiratet zu sein, ist ein Risiko: Wenn der Ehemann ein Lastwagenfernfahrer ist, ist die Frau einem grossen Aidsrisiko ausgesetzt. Wenn die Frau dann infiziert ist, steckt sie auch die Kinder an.

Gibt es Zahlen, wie gross die Verbreitung durch Sex und durch die Ansteckung von Mutter zu Kind ist?

Etwa 70 Prozent der HIV-Infektionen sind durch heterosexuelle Kontakte bedingt und in etwa 30 Prozent erfolgt die Ansteckung von Mutter zu Kind. Da gibt es aber eine gute Nachricht: Es gibt jetzt Medikamente, welche die Ansteckungsrate von Mutter zu Kind auf weniger als 2 Prozent reduzieren.

Welche Rolle spielt Prostitution bei der Verbreitung von Aids?

Eine grosse. Es gibt Menschen, die sich vor Aids sicher fühlen. Das ist zwar dumm und naiv, aber das ist so. Ein grosses Problem ist auch die Armut. Wenn du eine Mutter von vier Kindern bist, wenn dein Ehemann tot ist oder dich verlassen hat, und es kommt jemand, der dir Geld oder Essen für Sex offeriert, dann kann man verstehen, wieso diese Mutter das tut. Das ist zwar nicht richtig, aber man kann es verstehen. Es gibt auch jüngere Prostituierte, die, weil ihre Eltern Aids hatten, Waisen geworden sind und keine Verwandten haben, die ihnen helfen, entweder weil die Verwandten Angst vor Aids haben oder es aus ökonomischen Gründen nicht können, weil sie selber viele Kinder haben.

Wie steht es denn mit dem ­Gebrauch von Kondomen?

Es gibt Studien, die besagen, dass die Verwendung von Kondomen bei verheirateten Personen etwa um 30 Prozent zugenommen hat.

Wie steht es damit bei ­Prostituierten?

Die Ironie der Sache ist, dass in Zimbabwe und anderen afrikanischen Ländern die Ansteckungsgefahr für Prostituierte geringer ist als für verheiratete Frauen. Eine Prostituierte kann über Safer Sex verhandeln, sie verfügt über Kondome. Für eine verheiratete Frau ist es schwierig, ihrem Mann zu sagen, ohne Kondom gibt es keinen Sex. Viele Ehemänner werden sagen: Für meine Frau habe ich Mitgift bezahlt, in meinem Haus verwende ich kein Kondom.

Offenbar ist unter Männern auch immer noch die Meinung verbreitet, dass, wenn man mit einer Jungfrau schlafe, von Aids geheilt werde.

Vor etwa zehn Jahren haben traditionelle Heiler tatsächlich diesen Mythos verbreitet. Weil Männer das glaubten, wurden junge Mädchen vergewaltigt. Heute ist der Glaube an diesen Mythos aber nicht mehr dominant, es gab eine nationale Kampagne, die dagegen ­ankämpfte.

Können Sie in Ihrer Klinik in Harare allen Menschen helfen, die um Hilfe nachsuchen?

Leider nein. Mit der heutigen Infrastruktur können wir maximal 3000 Menschen betreuen.

Wie viele Menschen sind hospitalisiert?

Wir sind eine Poliklinik, d.?h., wir betreuen nur ambulante Patienten. Aber wir arbeiten mit anderen Spitälern zusammen, wenn Patienten von uns hospitalisiert werden müssen. Zu uns kommen Menschen, die schon positiv getestet sind. Es gibt jetzt ein Programm, bei dem von allen schwangeren Frauen, die eine Klinik aufsuchen, verlangt wird, einen Aidstest zu machen. Das ist ein grosser Fortschritt, das gab es vor zehn Jahren noch nicht.

Wie wählen Sie die Leute aus, denen Sie helfen wollen?

Unsere Zielgruppe sind die Ärmsten der Armen, nicht die Leute, die sich eine ­Behandlung mit Medikamenten leisten können. Wir nehmen bevorzugt Mütter mit Kindern, Krankenschwestern, Pfleger, Lehrerinnen und Lehrer, Waisen und Kinder auf.

Wie beeinflusst die wirtschaftliche Krise Ihre Aktivitäten und die anderer Organisationen?

Die Situation hat sich etwas verändert. Seit es eine Koalitionsregierung gibt, erhält Zimbabwe wieder mehr internationale Hilfe. Die Anfragen lokaler Hilfsorganisationen an USAID oder Save the Children werden häufiger positiv beantwortet, weil diese Organisationen wissen, dass Empfänger in Zimbabwe keine Regierungsbürokraten sind, die das Geld selber einstecken. Mit etwas Glück können die Menschen von den Spitälern also wieder Hilfe bekommen, nicht unbedingt von einem Arzt, aber von einer Krankenschwester.

Gibt es also wieder genügend ­Medikamente?

Nein. Den meisten staatlichen Spitälern fehlen Medikamente. Zum Glück gibt es verschiedene Nichtregierungsorganisationen mit Aidsprogrammen, die uns unterstützen. HIV-positive Menschen können sich an diese Organisationen wenden, von denen die meisten vom Ausland finanziert werden. Kirchliche und andere Organisationen, die wissen, nach welchen Kriterien wir Patienten auswählen, überweisen uns jene Personen, die sonst nirgendwo Hilfe bekämen.

Kommt es vor, dass Sie eine Behandlung verweigern müssen, weil Aids schon zu weit fortgeschritten ist?

Wenn es zu spät ist, schauen wir, dass diese Kranken in einem Hospiz unterkommen, wo sie in Würde sterben ­können.

Wichtig ist ja, dass die Menschen mit Aids ihre Medikamente regelmässig nehmen. Wie gehen Sie da vor?

Für einen Patienten, den wir zum ersten Mal sehen, reservieren wir anderthalb Stunden. Wir wollen seine Geschichte, sein soziales und wirtschaftliches Umfeld kennen lernen. Wir verlangen von ihm auch, eine Vertrauensperson mitzubringen, jemanden, mit dem er lebt, dem er vertraut und der ihn anhält, die Medikamente regelmässig einzunehmen.

Machen die Pharma-Konzerne spezielle Preise für Ihre Klinik?

Ja, nur deshalb können wir Medikamente gratis abgeben. Unsere Patienten haben nichts, wir können von ihnen nichts verlangen.

Weil Zimbabwe in einer tiefen Krise steckt, haben viele qualifizierte Berufsleute das Land verlassen. Finden Sie noch genügend Personal für Ihre Klinik?

Ja. Professor Lüthy hat die Klinik mit 6 Personen gestartet, jetzt sind wir 44. Davon sind 17 Krankenschwestern und neben Herrn Lüthy 3 Ärzte aus Zimbabwe. Es sind die Krankenschwestern, die sich, natürlich im Kontakt mit den Ärzten, um die Patienten kümmern.

Verglichen mit den lokalen Verhältnissen sind die Krankenschwestern vermutlich relativ gut bezahlt.

Das ist so. Wir können die Leute aus Hunderten von Interessenten auswählen, weil unsere Arbeitsbedingungen sehr gut sind, weil zum Beispiel auch die Computer, die für die Krankheitsgeschichten wichtig sind, funktionieren. Professor Lüthy ist die Garantie dafür, dass die Spenden für die Newlands Clinic nicht irgendwo verschwinden. Gibt es nicht Probleme, wenn er sich später zurückzieht?

Buchprüfer kontrollieren unsere Aus­gaben sowohl lokal wie auch in der Schweiz, und die Stiftung Swiss Aids Care International in Zürich kontrolliert alle unsere Aktivitäten. Ein lokaler Stiftungsrat garantiert, dass die Spenden nicht veruntreut werden. Wir bekommen auch regelmässig Besuch aus Zürich. Es ist auch richtig, dass wir, die wir Spenden erhalten, uns über die richtige Verwendung ausweisen müssen.

Für Sie selber wird es eine grosse Herausforderung sein, Professor Lüthys Nachfolge anzutreten.

Sicher, deshalb planen wir die Nachfolge rechtzeitig. Herr Lüthy wird aber nicht von heute auf morgen aus Simbabwe verschwinden, sondern die Arbeit so lange wie möglich weiterführen. Er hat für die Klinik viele Opfer gebracht und ein angenehmes Leben in der Schweiz aufgegeben. Schon wegen seines Engagements muss die Klinik weitergeführt werden.

Ist es kein Problem, dass Sie, eine Frau, die Klinik führen werden?

Stimmt, wir sind eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnen muss, dass Frauen Führungspositionen innehaben, aber Newlands Clinic wird nicht die erste sein, bei der eine Frau der Boss ist. Ich kann sagen, dass mich das Team in den anderthalb Jahren, seit ich dort bin, ­akzeptiert hat.

Was sagen Sie zur politischen Lage Simbabwes?

Es wird etwas besser. Immerhin gibt es im Gegensatz zu früher wieder einige funktionierende Dienstleistungen. Es gab eine Zeit, als es für Hilfsorganisationen fast unmöglich war, Hilfe zu leisten. Das ist jetzt anders. Aber wir stecken weiterhin in einem politischen Patt. Im Februar wurde das Abkommen zwischen den Parteien unterzeichnet, aber was daraus wird, ist noch offen. Hat Simbabwes Problem nicht einfach einen Namen, Robert Mugabe?

Ja, man kann sagen, Mugabe und seine Anhänger sind das Problem, aber wir müssen auch darüber nachdenken, was nach Mugabe kommt, wie wir das Land wieder aufbauen können. Wir müssen auch anerkennen, was nach der Unabhängigkeit geschaffen worden ist. Damals hat sich das Leben für den gewöhnlichen Bürger wirklich verbessert. Alle bekamen kostenlosen Zugang zu den Schulen, Zugang zu medizinischer Versorgung, und es gab Arbeit.

Aber dann begann Mugabe, die weissen Farmer zu enteignen.

Das war nur eine Sache. Die andere war, dass er sich darauf versteift hat, man könne auf die Welt ausserhalb Simbabwes verzichten, man könne alles in die eigenen Hände nehmen. Jetzt, 2010, haben wir nur wenige Verbesserungen gesehen, die auf die erweiterte Regierung zurückzuführen wären.

Immerhin ist jetzt der US-Dollar die offizielle Währung, und die Millionen-Prozent-Inflation ist weg.

Das stimmt, und deswegen könnte man vielleicht sagen, das Leben ist etwas besser geworden, aber auch nur für jene, die Dollars in ihren Taschen haben. Die können jetzt in die Supermärkte gehen und Lebensmittel kaufen, vor zwei, drei Jahren war das nicht einmal mit Geld möglich. In Harare können sie auch wieder schöne Autos bestaunen, und in einige Vorstädten merkt man, dass wieder etwas Geld vorhanden ist.

Wie aber kann jemand ohne Arbeit und ohne Zugang zu Dollars überhaupt überleben?

In den letzten Jahren habe ich den Sinn des Worts «Widerstand» verstehen gelernt und gesehen, wie erfinderisch Menschen sind, wenn es ums Überleben geht. Es gab eine Zeit, als es weder Brot noch das Mais-Grundnahrungsmittel Mealie-Meal zu kaufen gab. Die Leute haben monatelang von essbaren Wurzeln und Blättern gelebt. Oder das wenige Geld wurde zusammengelegt und Leute wurden nach Südafrika, Sambia oder Botswana geschickt, um Lebensmittel zu kaufen.

Beträgt die Lebenserwartung in Simbabwe immer noch nur 35 Jahre?

Die Zahlen sollen jetzt bei 37 für Männer und 38 für Frauen sein. Das ist sehr tief, aber auch das hängt mit der weiten Verbreitung von Aids und Tuberkulose und der hohen Säuglingssterblichkeit zusammen. Durchschnittlich sterben pro Woche 3000 Menschen an Aids. Fast immer sind das junge Männer und Frauen.

Für die internationale Gemeinschaft stellt sich jetzt, da die politische Situation etwas besser ist, die Frage, ob Simbabwe wieder Hilfe geleistet werden soll.

Solange die Koalitionsregierung sich willig zeigt, die Lage für alle Bürger des Landes zu verbessern, ist es richtig, Hilfe zu leisten. In der neuen Regierung gibt es Leute, die wissen, dass falsch war, was in der Vergangenheit passiert ist.

Aber Mugabe ist doch immer noch an der Macht.

Sicher. Aber der grösste Teil der Hilfe, die wir jetzt erhalten, kommt via Nichtregierungsorganisationen direkt zu den Notleidenden. Das ist auch richtig so. Was haben Sie für eine Vision für Simbabwe in 10 Jahren?

Eine Gesellschaft, die auf dem Weg ist, sich zu erholen, sozial, ökonomisch, politisch. Eine Gesellschaft, bei der der Heilungsprozess angelaufen ist, denn wir wissen alle von den Schäden, die angerichtet wurden und dazu führten, dass Millionen Menschen das Land verlassen haben. Meine Vision für einen Aidspatienten ist, dass er möglichst rasch Zugang zu einer Behandlung bekommt und dass die Aidsrate in Simbabwe eine ­einstellige Prozentzahl wäre.

Schön wäre, wenn es in zehn Jahren Ihre Klinik gar nicht mehr brauchte.

Da wäre ich sehr glücklich, denn das würde heissen, dass man eine Heilungsmethode für Aids gefunden hätte. Das wäre ein Traum, aber das ist wohl im Zeitraum von 10 Jahren kaum möglich.

Sie möchten sich zum Schluss an die Spender in der Schweiz richten?.?.?.

.?.?.?ich möchte den Menschen in der Schweiz für die Hilfe danken. Ich sage das aus der Tiefe meines Herzens, im Namen der vielen sehr armen und kranken Menschen in Simbabwe, die von der Hilfe aus der Schweiz profitiert haben und weiter profitieren. Ich möchte den Spendern auch versichern, dass wir Simbabwer unseren Teil dazu beitragen werden, dass unsere Aktivitäten weiterhin transparent und kontrollierbar sein werden. Das Projekt, das Professor Lüthy gestartet hat, wird nicht untergehen. (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2010, 14:17 Uhr

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