Bern

Zwei Provokateure im Geist

Von Beat Mazenauer. Aktualisiert am 02.04.2009

Der Bruch mit Konventionen provoziert neue Denkweisen. Charles Darwin und Michel Foucault waren zwei Provokateure. Beide opferten sie die alten Ideen, um ihren Geist für neue Wahrheiten zu schärfen. Die Historiker Philipp Sarasin und Paul Veyne entdecken Verwandtschaften zwischen Darwin und Foucault.

Michel Foucault stammt von Charles Darwin ab: So lautet die Kernthese von Philipp Sarasin. (Keystone)

Michel Foucault stammt von Charles Darwin ab: So lautet die Kernthese von Philipp Sarasin. (Keystone)

Die Bücher

Philipp Sarasin: Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009. 456 S., Fr. 42.50.

Paul Veyne: Foucault. Der Philosoph als Samurai. Aus dem Französischen von Ursula Blank-Sangmeister. Reclam, Stuttgart 2009. 220 S., Fr. 37.90.

Darwin hatte Foucault nicht kennen können, und Foucault schien sich nur beiläufig mit Darwin befasst zu haben. Dennoch ist Philipp Sarasins «Experiment», ihr Werk einer parallelen Lektüre zu unterziehen, ein gewinnbringendes Unterfangen. «Was der Genealoge», schreibt der 1956 in Basel geborene Geschichtsprofessor der Universität Zürich, «ins Säurebad seiner Kritik taucht, verliert sein prätendiertes Sosein und erweist sich als Zusammengesetztes, als Konstrukt, als Gewordenes».

Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf der Privatgelehrte Charles Darwin (1809–1882) eine Theorie, wie das Leben entstanden ist und sich zu höheren Organismen entwickelt hat. Eine mehrjährige Weltreise (1831–1836) als «wissenschaftlicher Gentleman-Begleiter» auf dem Marine-Erkundungsschiff «H.M.S. Beagle», auf dem er unermesslich vielfältiges Untersuchungsmaterial ansammelte, brachte ihn auf die neuen Ideen. Was heute unter dem Begriff «Evolutionsgeschichte» breiteste Anerkennung geniesst, bedeutete damals eine Revolution. Darwin entliess Gott aus der Rolle des allgegenwärtigen Schöpfers und skizzierte einen natürlichen Evolutionsprozess, dessen (vorerst) letzte Stufe der Mensch darstellt. Begriffe wie «Kampf ums Dasein» (Struggle of Life) oder «Überleben des Passendsten» (Survival of the Fittest) haben dieser Theorie allerdings zu einem zwiespältigen Ruf verholfen. Sie mutierte in der Nachfolge Darwins zum «Darwinismus», mit dem sich bis heute auch erb- und rassenhygienische Experimente oder biopolitische Konzepte rechtfertigen lassen.

Idee «Mensch» als Konstruktion

Als Provokateur wider den Zeitgeist trat Mitte der 1960er-Jahre auch der Philosoph Michel Foucault (1926–1984) auf. «Geschichte ist eine Abfolge von Diskontinuitäten» ohne vorbestimmtes Ziel, und Macht gründet nicht auf Worten, sondern auf einer «Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen». So widersprach er den damals herrschenden Dogmen, allem voran dem Strukturalismus. Vermittelt durch die Lektüre Nietzsches, liess diese Auffassung eine unbeabsichtigte Verwandtschaft zu Charles Darwin erkennen. Verabschiedete dieser Gott in die Abgeschiedenheit des Unendlichen, so rief Foucault dazu auf, den Menschen aus unseren Hirnen auszulöschen. Was anstössig klingt, beinhaltet im Grunde nur die Aufforderung, die Idee «Mensch» als eine Konstruktion zu erkennen. Diese begriffliche Idee konstituiert sich in Wirklichkeit in einer «Serie unterschiedlicher Subjektivitäten», die «niemals zu einem Ende kommen und uns niemals vor etwas stellen, das ,der Mensch‘ wäre».

Anhand von entlegenen Texten Foucaults aus den postum erschienenen Schriften «Dits et Écrits» beschreibt Sarasin das verwandtschaftliche Kraftfeld, das ein erhellendes Licht auf beide Denker wirft. Foucaults Diskursanalyse, die in ihrer Genese ohnehin gewundene Wege beschreibt und nicht auf einhelligen Beifall stiess, wird unter der Perspektive Darwins historisch legitimiert. Umgekehrt offenbart sich unter foucaultscher Optik eine trennscharfe Grenze zwischen Evolutionstheorie und «Darwinismus». Sarasins genaue Darwin-Lektüre bestätigt sie und bettet Darwins Theorie in den denkgeschichtlichen Horizont ein. Insbesondere die Rede vom «Kampf ums Dasein» wird als metaphorische Stilfigur im Sinn eines «Ringens» berichtigt. Darwin selbst war kein (Sozial-) Darwinist!

Ideale Kontrahenten

Sarasins Experiment stellt vor allem die Natur-Kultur-Polarität zur Diskussion. Demzufolge begreift Foucault den Menschen, von Darwin her, nicht mehr als höheres Wesen, das über «Geist» und «Wahrheit» verfügt, sondern aus der Natur hervorgeht. Umgekehrt stiehlt sich in Darwins Evolutionsprozess ein kulturelles Element hinein: «Es geht beim Konzept der ,sexual selection‘ primär darum, dass die Notwendigkeit, einen Geschlechtspartner zu finden, überhaupt die Möglichkeit einer Wahl eröffnet und dass diese gemäss ,ästhetischen‘ Kriterien erfolgt.» Argumente des Schönen greifen so in die Evolution ein.

Für eine kritische Reflexion dieser Polarität geben Darwin und Foucault ideale Kontrahenten ab. Parallel gelesen vermögen sie anregende gedankliche Evolutionsprozesse in Gang zu setzen. «Foucault stammt von Darwin ab», hält Sarasin zusammenfassend fest.

Der kühne Kämpfer

Einer solchen Folgerung scheint auch der französische Historiker Paul Veyne (geb. 1930) nicht abgeneigt zu sein. Zwar taucht Darwins Name in seinem Buch über Michel Foucault nur einmal ganz beiläufig auf, der Untertitel «Der Philosoph als Samurai» verrät jedoch, worauf Veyne sein Augenmerk richtet. Er porträtiert den Philosophen als solitären Denker, der mit Mut und Vehemenz gegen die Widerstände des herrschenden Zeitgeists focht. Es geht ihm dabei weniger um eine Genese von Foucaults Denken als um dessen skeptische Methode, die, wie gesehen, auch aus Sarasins Optik interessiert.

Für Foucault sind alle Begriffe, die ideell oder ideologisch in Anschlag gebracht werden, «gewordene» im Sinne Nietzsches: Resultate einer «Epigenese (. . .) durch Additionen und Modifikationen und nicht gemäss einer Präformation». Der radikale Skeptiker lehnte also jegliche überhistorischen, universellen Wahrheiten ab, um stattdessen nach den Singularitäten, den «kleinen ,diskursiven‘ Realitäten» zu forschen. In seiner Arbeit, äusserte er 1978 in einer Vorlesung über Biopolitik, gehe es ihm um den «Nachweis, wie die Koppelung einer Reihe von Praktiken mit der Herrschaft der Wahrheit ein Dispositiv des Wissens und der Macht bildet». Die Wahrheit ist ein Dispositiv der Macht, das nur so lange gilt wie die Macht selbst.

Anschaulich beschreibt Paul Veyne diese methodische Linie im Denken seines Freundes und Studienkollegen, um zwischendurch immer wieder auch ein paar freundschaftliche Lichtblicke auf dessen Person zu werfen. Die Figur des Samurais dient ihm dabei als Metapher für den kühnen Kämpfer. In dieser Pose gibt Michel Foucault eine ideale Ergänzung zum eigenwilligen Gelehrten Charles Darwin ab, wie ihn Philipp Sarasin in seinem Buch beschreibt. (Der Bund)

Erstellt: 02.04.2009, 09:10 Uhr


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