Bern

Natürliche Selektion im Garten

Von Fabio Bergamin. Aktualisiert am 26.06.2009

Die Anzahl der Vögel und das Klima haben einen Einfluss auf die Farbe von Schneckenhäusern. Was Forscher schon lange vermuten, wollen sie nun in einem europaweiten Projekt aufzeigen. Auch Schweizer Schulklassen helfen beim Schneckensammeln.

Forscher untersuchen Mechanismen der Evolution bei Schnecken. (Keystone)

Forscher untersuchen Mechanismen der Evolution bei Schnecken. (Keystone)

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Sie gehören zu den häufigsten und auffälligsten Schnecken in unserer Umgebung und sind bei feuchtem Wetter in jedem Garten, an Hecken und im Wald zu finden: die etwa zwei Zentimeter grossen Bänderschnecken. Äusserst vielfältig ist ihre Gestalt. Es gibt solche mit gelbem, rosa oder braunem Gehäuse, das von mehreren, einem oder gar keinem schwarzen Band geschmückt ist. Weil sich die Schnecken je nach Lebensraum äusserlich unterscheiden und weil das Äussere genetisch festgelegt ist, sind die Bänderschnecken beliebte Forschungsobjekte der Biologen. Sie eignen sich, um evolutionäre Anpassungen in Echtzeit nachzuweisen.

Von Drosseln gefressen

Europaweit erheben in diesem Jahr Wissenschaftler, Laien und ganze Schulklassen den Bestand dieser Schnecken und notieren jeweils detailliert Fundort und Aussehen – so auch in der Schweiz. Evolution Megalab heisst das gross angelegte Projekt, angestossen von der Open University in Grossbritannien mit dem Ziel, der Bevölkerung im Darwin-Jahr 2009 die Mechanismen der Evolution näherzubringen. Das Projekt sei sehr gut angelaufen, sagt Eva Inderwildi, Projektverantwortliche beim Schweizer Vogelschutz (Birdlife Schweiz), der die Zählung in der Schweiz organisiert (siehe Kasten).

Mit den Schneckenzählungen lässt sich die natürliche Selektion aufzeigen – das Prinzip von Charles Darwin, nach dem besonders jene Lebewesen überleben, die sich gut an ihre Umgebung angepasst haben. Bei den Bänderschnecken sind dies die gut getarnten. Auffällige fallen nämlich vermehrt ihren natürlichen Räubern zum Opfer. Etwa den Singdrosseln, die sich in den Sommermonaten zu einem grossen Teil von den Schnecken ernähren. «Sie nehmen sie in den Schnabel, fliegen zu einem grossen Stein und schlagen darauf, bis das Gehäuse aufspringt», sagt Bruno Baur von der Uni Basel, wissenschaftlicher Leiter des Projekts Evolution Megalab in der Schweiz. So liessen sich um steinerne Ambosse – sogenannte Drosselschmieden – oft mehrere Dutzend aufgeschlagene Schalen finden.

Je nach Lebensraum sind unterschiedliche Bänderschnecken im Vorteil: «Im schattigen Wald werden die gelben Schnecken weggefressen», sagt Baur. Deshalb sind die dunklen dort häufiger. Umgekehrt verhält es sich auf Wiesen oder an Felsen, wo die hellen Schnecken von den Singdrosseln weniger gut erkannt werden. Die gestreiften wiederum sind in Hecken gut getarnt, wo sich im Geäst dunkle und helle Stellen abwechseln.

Die Vögel sorgen also dafür, dass die Bänderschnecken ihre Vielfalt an Schneckenhäusern behalten – um eben je nach Umgebung angepasst zu sein. Fällt die Selektion nach dem Äusseren durch die Vögel weg, würden Biologen erwarten, dass auch die Vielfalt abnimmt.

Igel riechen Schnecken

Hinweise darauf gibt es aus England, wo die Singdrosseln in den letzten Jahrzehnten seltener geworden sind. Die Bänderschnecken haben dort zwar noch immer natürliche Feinde wie zum Beispiel Igel und – bei Jungschnecken – Insekten. «Diese finden die Schnecken aber mit dem Geruchs- oder Tastsinn», sagt Inderwildi. «Auf die Gehäusefarbe haben diese keinen Einfluss.» Vergleiche mit historischen Schneckenzählungen zeigen für England tatsächlich, dass die Vielfalt der Schnecken abgenommen hat.

Auch die jetzt in der Schweiz erhobenen Daten sollen mit früheren verglichen werden. Baur hat dazu 74 historische Schneckenzählungen für Evolution Megalab erfasst – sie sind nun im Internet öffentlich einsehbar. «Allerdings erwarte ich für die Schweiz keine Veränderungen der Farbverteilung», sagt Baur. Dies, weil die Singdrosselpopulation hierzulande über die letzten Jahrzehnte unverändert blieb. Noch sind die Daten nicht ausgewertet. Einzelne Vergleiche von Baur deuten jedoch darauf hin: «Im Botanischen Garten Basel etwa blieb die Farbverteilung in den letzten 25 Jahren gleich.»

Anpassung an das Klima

Nicht nur Vögel, auch das Klima hat einen Einfluss auf die Schnecken. Solche mit dunklen Gehäusen sind in kälteren Gegenden wie etwa im Norden Europas im Vorteil. Sie reflektieren die Sonnenstrahlen weniger und können die Wärme besser aufnehmen. Mit der derzeitigen Klimaerwärmung dürften sich die gelben Schnecken weiter Richtung Norden ausbreiten, vermuten die Wissenschaftler. Denn der Vorteil eines dunklen Gehäuses wird kleiner, wenn es wärmer wird.

Derzeit werden alle Daten Europas bei der Open University in England gesammelt und schliesslich dort ausgewertet. Wissenschaftler und beteiligte Laien dürften gleichermassen gespannt sein auf die Ergebnisse. (Der Bund)

Erstellt: 26.06.2009, 08:49 Uhr


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