Darwins Glaube
Von Martin Amrein. Aktualisiert am 10.02.2009
Vielen gilt er als der Denker, der dem christlichen Glauben den schwersten Schlag versetzt hat. Doch Darwin selbst wetterte nie gegen die Religion. Und sorgte damit für Rätselraten: Bereits in der Zeit nach der Publikation von «On the Origin of Species» begann sich die viktorianische Gesellschaft zu fragen, wie es denn um Darwins Glauben stand. Glaubte er an einen Gott? Gab es für ihn ein Leben nach dem Tod? Hielt er Evolutionstheorie und Glauben für vereinbar? Noch heute stellen sich Gläubige wie Wissenschaftler dieselben Fragen. Für den Biologieprofessor und Buchautor Richard Dawkins, der die Welt am liebsten zum Atheismus bekehren würde, ist klar: Darwin war der erste Mensch, der erkannte, weshalb er existierte, und damit jeglichen Aberglauben ablegte. Unter Kreationisten, den Verfechtern einer bibeltreuen Schöpfungslehre, kursiert dagegen die Meinung, Darwin habe auf dem Sterbebett zum christlichen Glauben zurückgefunden und seine Evolutionstheorie widerrufen. Woran glaubte Darwin wirklich?
Glaube ist Privatsache
Darwin hielt sich bezüglich Religion zeitlebens sehr bedeckt. Glaubensfragen hielt er für Privatsache, und wissenschaftliche Werke sollten in seinen Augen unabhängig von den religiösen Vorstellungen ihres Autors sein. Als Darwins Sohn George, selber Astronom und Mathematiker, in jungen Jahren eine Arbeit mit abschätzigen Bemerkungen über Gebete, göttliche Moralgebote und das Leben im Jenseits veröffentlichen wollte, riet der besorgte Vater zur Besonnenheit: «Ich empfehle dir dringend, den Artikel frühestens in einigen Monaten zu veröffentlichen.» Bis dahin solle sich George überlegen, ob das Werk neu und wichtig genug sei, um die damit verbundenen Nachteile aufzuwiegen: «Mit Nachteilen meine ich, die Gefühle anderer zu verletzen.» Der Naturforscher ging sehr diskret mit dem Thema Religion um. Nicht erstaunlich daher, dass die Kenntnisse, die wir heute über Darwins Glauben haben, nicht aus seinen veröffentlichten Büchern, sondern aus Briefen und privaten Notizen stammen.
Darwin fehlte es nicht an religiöser Erziehung. Noch im Geburtsjahr 1809 liessen ihn seine Eltern in einer anglikanischen Kirche taufen. Zwar stand der Vater – ein angesehener Landarzt – der Religion skeptisch gegenüber, doch die Mutter besuchte mit den Kindern jeden Sonntag die Kirche.
Nachdem der junge Charles das Medizinstudium abgebrochen hatte, war es aber Vater Robert, der beschloss, seinem Sohn mithilfe der Kirche von England die Flausen auszutreiben: Er schickte Charles nach Cambridge, wo er den Beruf des Pfarrers erlernen sollte. Seltsame Ironie der Geschichte: Darwin, der später – wenn auch ohne Absicht – der Religion tiefe Wunden zufügen sollte, betrieb das Studium der Theologie mit mehr Eifer als das der Medizin und schloss es 1831 mit Bravour ab. Er hegte in jener Zeit keine Zweifel am Wahrheitsgehalt der Bibel und fand Gefallen am Gedanken, dereinst das gemütliche Leben eines Landgeistlichen zu führen.
Während seines Studiums entdeckte Darwin die Naturtheologie. Ihr Ziel bestand darin, die Natur um der Theologie willen zu erforschen und zu zeigen, dass in allen Funktionen des Lebens Gottes Wirken erkennbar ist. Das sagte Darwin zu. Als talentierter Sammler von Käfern und als lernbegieriger Student machte er auf sich aufmerksam. So erhielt er kurz nach dem Studienabschluss ein Angebot, das seinem Leben die entscheidende Richtung wies: Als junger Naturforscher sollte er das Vermessungsschiff «Beagle» auf einer fünfjährigen Weltreise begleiten. Trotz Bedenken seiner Eltern stach der 22-Jährige im Dezember 1831 in See. Die Bibel war auf der langen Reise immer präsent: «An Bord der ,Beagle‘ war ich ganz orthodox, und ich weiss noch, wie etliche Schiffsoffiziere laut über mich lachten, weil ich die Bibel als unanfechtbare Autorität in einer Frage der Moral zitierte», erinnerte sich Darwin später.
Langsam beginnt es zu bröckeln
Doch sein Glaube an die Heilige Schrift begann zu bröckeln. Die Bücher des Geologen Charles Lyell gehörten zu Darwins liebster Reiselektüre. Laut dessen Theorie waren die Gebirge auf natürliche Weise in gigantischen Zeiträumen entstanden. Bei einem Erdbeben in Chile erlebte Darwin die von Lyell beschriebenen Naturgewalten am eigenen Leib, worauf in ihm Zweifel an der Wahrheit der in der Bibel beschriebenen Wunder aufstiegen: Lyells Worte beschrieben das Erlebte besser als das Alte Testament. Und fasziniert durch den Kontakt mit verschiedenen Naturvölkern, grübelte Darwin weiter: Weshalb soll ausgerechnet das Christentum und nicht irgendeine andere Religion den richtigen Glauben darstellen?
Als Darwin Ende der 1830er-Jahre als gereifter Mann wieder nach England zurückkehrte und die Fundstücke der Reise auszuwerten begann, entwickelte er nicht nur die Evolutionstheorie, er hatte auch einen inneren Konflikt zu bewältigen. Sein Glaube an einen Gott, der durch Wunder ins Weltgeschehen eingriff, war verloren. Gleichzeitig bereitete er sich auf die Hochzeit mit der tiefreligiösen Emma Wedgwood vor. Ihre Gefühle wollte er auf keinen Fall verletzen, und doch galt es, aufrichtig zu sein. So gestand er ihr seine Glaubenszweifel. Emma glaubte fest daran, durch den Glauben an Jesus das ewige Leben zu erringen. Der Gedanke, Charles gebe dieses durch seine Zweifel auf, quälte sie. Nach der Hochzeit schrieb sie ihm: «Es ist ein Albtraum, wenn ich mir vorstelle, dass wir einander nicht für immer gehören.» Der Brief rührte Darwin zu Tränen, und er behielt ihn zeitlebens in Erinnerung. So glücklich Darwins Ehe von Anfang an war, die Glaubensfrage blieb immer ein wunder Punkt. Wohl auch aus Rücksicht auf Emma hat er das Thema Religion in der Öffentlichkeit stets gemieden.
Beim Verfassen von «On the Origin of Species» – 20 Jahre hielt die Ehe nun schon – war Darwins Geisteshaltung die eines Deisten: Er glaubte, Gott habe das Universum zwar geschaffen, lasse diesem im Folgenden aber seinen Lauf. Im Buch ist mehrmals vom «Schöpfer» zu lesen, der am Anbeginn aller Naturgesetze stand. Nach der Veröffentlichung schrieb Darwin seinem Freund Asa Gray: «Es befriedigt mich nicht, das wunderbare Universum zu sehen und zu folgern, es sei nur das Resultat roher Kraft. Ich neige dazu, alles als Folge von geplanten Gesetzen zu sehen.»
Der farbenblinde Gottlose
Mit zunehmendem Alter entschwand Darwin der letzte Rest seines Gottesglaubens. Mit daran schuld war der tragische Tod seiner liebsten Tochter Annie: Als sie im Alter von zehn Jahren dem Scharlachfieber erlag, war für Darwin die Existenz eines gütigen Gottes endgültig ausgeschlossen. Kaum eine Rolle bei seinem Glaubensverlust spielten die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Denn ein Mensch könne zweifellos an einen lenkenden Gott glauben und gleichzeitig Evolutionist sein, war Darwin überzeugt. Der Glaube habe eine andere Basis als die Wissenschaft, nämlich das «innere Bewusstsein». Früher hatte er noch ein Gottesgefühl in sich getragen, zum Lebensende war es weg. Er sei «wie ein Mensch, der farbenblind geworden ist», notierte er einige Jahre vor dem Tod.
Bei allen Zweifeln: Ein Atheist war Darwin nie. Er hatte den festen Glauben an Gott zwar verloren, dessen Existenz mit letzter Sicherheit bestreiten konnte er aber nicht. Am Ende sah er sich als Agnostiker: ein ewiger Skeptiker, für den die eindeutige Beantwortung der Gottesfrage ausser Reichweite war. Klar war lediglich: Das Christentum war zu verdammen. «Wenn es nämlich wahr wäre, würden alle Menschen, die nicht glauben, also mein Vater, mein Bruder und fast alle meine nächsten Freunde, ewig dafür büssen müssen.» Und er selbst natürlich auch.
Darwin starb 1882. Seiner Theorie schwor er nie ab, auch auf dem Totenbett nicht. Und doch fand er in gewisser Weise zurück zur Kirche von England. Die Nation beerdigte den berühmten Forscher an heiligster Stätte: in der Westminster Abbey. (Der Bund)
Erstellt: 10.02.2009, 09:43 Uhr
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