Wo hungrige Touristen sicher ankern
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 14.04.2009
Die Rechnung, bitte!
Karte:Rösti, Pasta, Pizza, Fondue, Schweizer Spezialitäten.
Preise: reelle Mittelklasse.
Kundschaft:Viele Touristen und einige einheimische Gäste.
Öffnungszeiten:Mo-Do 7.30-23.30 Uhr; Fr/Sa 7.30-0.30 Uhr;
So 9.30-18 Uhr.
Adresse:Restaurant Anker,
Beat und Susanne Bill-Kovacevic, Kornhausplatz 16, 3011 Bern,
Telefon 031 311 11 13
E-Mail: anker@roeschti.ch
www.roeschti.ch
Klinkerboden, Holzstühle, «ghüsleti» Tischdecken und karierte Lampenschirme erzeugen rustikale Beizenstimmung. Die Nischen bei den Sprossenfenstern eignen sich für ein Tête-à-tête, zumal dickes Antikglas vor Passantenblicken schützt. Wimpel und Plakate erinnern an Schwingfeste, Fussballspiele oder das Armee-95-Spatz-Essen aus der Gamelle im Jahr 1995. Eine Schiffsuhr und ein Paddel nehmen die Seemannsthematik auf, das Motiv auf den Papiersets lädt zum Träumen ein: Ein Peintre naïf hat den «Anker» als Seerestaurant gemalt, ein Bär durchpflügt die Fluten auf einem Anker mit gesetzten Segeln, der Zytglogge dümpelt auf einem Floss.
Viele Touristen wissen aus ihrem Reiseführer und dem Internet-Bewertungsportal Trip Advisor, dass das Lokal «good old-school Swiss food» und «great traditional meals» anbietet. Die «Anker»-Webseite lässt sich auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch, Japanisch, Chinesisch und Russisch anwählen – ein Unikum in Bern. So erfahren die Russen, dass das «rjestoran» beim «zitgloggeturm» sei, «w zentrje Berna». Noch immer wird den fussball- und bierverrückten Holländern der EM 2008 der «hartelijk dank an alle oranje gasten» ausgesprochen.
Für Schweizer Gastfreundschaft ist bei unserem Besuch ein Serviceteam mit Migrationshintergrund besorgt, das sich der touristischen «Gastig» polyglott annähert: «Italiano, Français, English?» Eine Familie hat sich an einen Tisch gesetzt. «Oh, come sei bella», sagt Kellner Ali zum Töchterchen, doch die brasilianischen Gäste verstehen es nur bedingt. Vom nächsten Tisch vernimmt man «Heissen-Härdöpfel»-Akzent US-amerikanischer Provenienz. Ein Kellner erklärt der Amerikanerin Eigenschaft und Grösse des «vegetarian» Salats, den sie ordert: «normal». Wo die Sprache versagt, wo die Numerierung der Gerichte nicht weiterhilft, spielt die mit Fotos illustrierte Speisekarte ihren Trumpf aus. Es gilt das «Wysiwyg»-System: What you see is what you get. Das muss man dem «Anker» lassen: Die an Verachtung grenzende Herablassung, mit der in Pariser Touristenfallen die Garçons ihre Klientel abfertigen, gibts hier nicht. Die Kellner arbeiten routiniert, flink und effizient, aber mit Freude an ihrem Job.
Zwar gäbe es ein «Pasta-Festival» und «Pizzas», wie sie in zweifelhaftem Plural genannt werden. Wir lassen es ebenso beiseite wie die Militärkäseschnitte mit Blattsalat (Fr. 16.–) oder den Fitness-Teller mit Poulet (Fr. 20.50) oder Kalbfleisch (Fr. 27.50). Das Lokal hat sich die Internetadressen www.roeschti.ch sowie www.roestischweiz.ch gesichert und sich dadurch zur Zentrale des Nationalgerichts Rösti erklärt. Das ist uns Fingerzeig genug. Wir widerstehen der Version, die auf Russisch «Pflanzbletz-Rjeschti» genannt wird, sondern entscheiden uns für die Bundeshaus-Röschti. Ali serviert sie in einer Bratpfanne auf einem Holzbrett: Rösti, Cippolata-Würstchen und Bratspeck am Spiess mit gebratenen Zwiebeln. Das deftige Gericht schmeckt uns. Dazu trinken wir ein Fläschchen Rivella (Fr. 4.40). Obwohl gesättigt, inspizieren wir die Dessertkarte mit den üblichen Verdächtigen aus der Glace-Industrie. Unser Wunsch nach «Oma’s Landkuchen» (Fr. 6.50) bringt Ali aus der Fassung. Verdutzt stellt er fest, dass das Sortiment ohne sein Wissen erweitert worden ist. Am Buffet erfährt er, dass die Kirschen- oder Zwetschenkuchen nicht hausgemacht seien. Wir bevorzugen daher Flan Caramel mit Rahm (Fr. 6.50). Ein Alu-Palmwedel, wie ihn Cheerleader schwenken, ragt aus dem Pudding. Zudem steckt darin – wie eine nordkoreanische Rakete – ein Schoko-Guezli-Stäbchen. Dazu geniessen wir einen Espresso (Fr. 3.80).
Nebenan haben Berner Stammgäste ein Osterei aus dem Ständerli genommen und «getütscht». Deutsche wundern sich oft, was in der Schweiz an Biberli, Chips und dergleichen frei verfügbar auf den Tischen steht – und am Schluss ehrlich deklariert wird. Tja, Herr Steinbrück, die Schweiz tickt auch im Kleinen anders. Noch zwei Schweizer Gäste kommen im Lokal zum Vorschein. Sie sehen, wie draussen das «Nünitram» vorfährt. «Wosch grad überesäckle?», fragt der eine. Das haben die Touristen garantiert nicht verstanden. (Der Bund)
Erstellt: 14.04.2009, 09:14 Uhr
Bern
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