Suppe löffeln im Reich der Schönheit
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 27.04.2009
Die Rechnung, bitte!
Karte: Suppen, Salate, Antipasti, kleine Häppchen zum Drink.
Preise: Am edlen Ambiente gemessen gar nicht teuer.
Kundschaft: Gut situierte Damen mit Freude am Schönen (Mode, Coiffeur, Spa, Essen, Drinks), aber auch zahlreiche Männer.
Öffnungszeiten: Aerni Haar Kleid Bar Spa, werktags 7-19 Uhr, (Do bis 21 Uhr, Sa bis 17 Uhr).
Adresse: Aerni, Aarbergergasse 60, 3011 Bern, Tel. 031 311 24 68, mail@aernibern.ch
Wer behauptet, er habe sich durch die Karte eines Restaurants gegessen, wird als Gourmand verdächtigt, als Gegenteil eines Gourmets: ein Leckermaul und Vielfrass. Das trifft nicht zu, wenn es sich um die übersichtliche Karte der Aerni-Bar in Bern handelt. In diesem Etablissement ist das Essen ein Nebenaspekt – anders als früher. Bis 2004 befand sich hier das «Churrasco», ein Treff für «eingefleischte» Karnivoren, die sich an grillierten «Töffsätteln» aus Argentinien delektierten. Hinter dem rustikal-hölzernen Finca-Dekor entdeckte die Hauseigentümerin BLS einen atemberaubend schönen hohen Saal aus der fernen Epoche des Hotels Simplon.
Wir nehmen Platz auf den Stühlen mit den gebogenen Lehnen, deren Komfort sich als weit besser erweist als befürchtet und blicken uns um im Lokal mit eingebautem Coiffeursalon und Modegeschäft. Ein oberflächlicher Blick zu einem hohen Glasregal lässt uns vermuten, bei den beleuchteten Flaschen handle es sich um Haarfestiger oder Tönungsmittel, in Wahrheit sind es Gins und Whiskeys aller Art. Eine Bar lädt zum Verweilen ein. Im Raum, der Grösse und Noblesse verströmt, inspizieren Kundinnen Kleiderständer mit Mode. Aus den hinteren Gemächern hört man zuweilen einen Haarföhn aufheulen. Dezente Musik ermöglicht Diskretion bei Tischgesprächen.
Die Karte schafft Bernbezüge, wo immer es sich machen lässt. Wir bestellen zum Auftakt einen Prosecco, aromatisiert von «Le Sirupier de Berne»: Die Cüpli bekommen einen Schuss Holunder- bzw. Rosenblütensirup (Fr. 8.–). Die Bedienung in diesem Chic-Lokal mit In-Faktor ist bemerkenswert nüchtern: Keine Nachwuchs-Stars, die zwischen zwei Castings jobben, sondern gestandene Damen, wie man sie in einem Coiffeursalon oder Kleidergeschäft vorfindet. Schade, dass die Serviererin die «Brösmeli» unserer Vorgänger von Hand erst wegwischt, als sie uns die Getränke auf den Tisch stellt.
Wir bestellen Suppe. Die Tomatencreme lassen wir beiseite und entscheiden uns für Curry-Suppe (Bio) und Rüeblisuppe mit Äpfeln (Fr. 8.50). Sie kommen im Abstand von Minuten, da die Kapazität im Aufheizgerät limitiert ist. Das milde Curry-Süppchen mundet. Auf der Oberfläche mäandert eine Schlagrahmspur mit gehacktem Schnittlauch. Die Begleiterin empfindet die Karottensuppe als eine Spur zu dünnflüssig, geniesst aber ebenfalls die hübsche Rahmdekoration.
Als Geheimtipp erweist sich die Antipasti-Portion aus dem Hause Ferrari, die in Verbindung mit einer Weinbestellung für lediglich 6 Franken verabreicht wird: Oliven, mit Frischkäse gefüllte Peperoni, getrocknete Tomaten: Italianità vom Feinsten. Gerne hätten wir eine der fünf Salatvariationen probiert (Märit, Büffel-Mozzarella, Feta, Lachs oder Antipasti, je 12 Franken oder 19 Franken als Schüssel für zwei), sehen aber davon ab. Unser Appetit hält sich heute in Grenzen. Lieber testen wir das One-and-only-Dessert Brownie (Fr. 3.–), eine süsse Kalorienbombe, die Spass bereitet. Das früher breitere Patisserieangebot wurde mangels Zuspruchs eingestellt. Der Cappuccino mit Caramel (Fr. 4.80) ist selbst eine halbe Mahlzeit. Nicht ganz glücklich ist die Begleiterin mit der Chili-Trinkschokolade mit Grappa (Fr. 5.–), wobei sie die Schuld keineswegs dem Produkt gibt, sondern ihrem noch nicht verheilten Schnupfen. Mit der Ruhe ist es für einen Moment vorbei. Unter dem Nebentisch bellt wütend ein Schosshündchen, weil sich Frauchen die Freiheit herausnimmt, mit einem Mann am Tisch zu plaudern.
In den Spa-Wellnessbereich eintauchen können wir aus Zeitgründen nicht. Aber das stille Örtchen wollen wir wenigstens besuchen. Eine Buddha-Figur im Vorraum versetzt uns in einen gesammelten Geisteszustand. Im Design-Edel-WC harrt der Herren ein Pissoir mit Deckel (!). Der zum Sitzendpinkler verdammte Mann von heute hat zwei Freuden auf einmal: die stehende Verrichtung des kleinen Geschäfts und das selten gewordene Hochklappen eines Deckels. Man(n) ist mit technischen Feinheiten auf Aborten vertraut, doch jetzt ist er überfordert. Dreht er am zylindrisch geformten Wasserhahn des Lavabos, reguliert er die Temperatur, doch es setzt kein Wasserstrahl ein. Auch Händereiben unter der vermeintlichen Lichtschranke löst nichts aus. Der Zylinder muss wie ein Joystick gegen den Händewascher geknickt werden, bis Wasser kommt. Schönheit muss leiden, heisst es. Und Design hat seine Tücken. Eine Flasche mit Hautlotion und ein Stapel mit textilen Trocknungstüchlein wie im Luxushotel trösten über das Gefühl des Überfordertseins hinweg. (Der Bund)
Erstellt: 27.04.2009, 14:26 Uhr
Bern
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