Bern

Kuchen-Café ohne Karte

Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 30.06.2009

Die Café Bar Lemp ist eines dieser Lokale, wie man sie sich an jeder Ecke wünschte, oder wenigstens auch im eigenen Quartier.

Die Rechnung, bitte!

Karte: So kurz, dass man sie sofort auswendig kennt – primär süsse und salzige Kuchen und Wähen.

Preise: Altstadt-Standard.

Kundschaft:Vornehmlich in der Altstadt arbeitstätige Bernerinnen und Berner, meist zwischen 30 und 60 Jahre alt.

Öffnungszeiten:Montag bis Freitag 7 bis 17 Uhr, samstags 8 bis 12 Uhr, sonntags geschlossen.

Adresse:Café Bar Lemp, Gerechtigkeitsgasse 27, 3011 Bern, Tel. 031 311 31 07.

Die Café Bar Lemp gehört nicht wegen eines besonders breiten Angebots oder speziell günstiger Preise in diese Reihe. Doch die Räumlichkeiten an der Berner Gerechtigkeitsgasse sind ein kleiner, ruhiger Rückzugsort, unkompliziert und gemütlich.



Der vordere Teil des Lokals, die Bar, wirkt etwas unterkühlt. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wagt sich weiter ins Lokal vor, tritt einige Stufen tiefer, kommt so in den Café-Teil: Umrahmt vom Mauerflickwerk der vergangenen Jahrhunderte und von einer ebenso historischen Holzdecke stehen sieben unprätentiöse Zweiertische im Raum. Vier davon sind an diesem Mittag bereits besetzt, zwei weitere sind (mit ebenso unprätentiösen gelben Haftnotizen) reserviert.



Ein Mittvierziger mit Krawatte blättert die Zeitung durch und leert seinen Kaffee hinunter. Zwei jüngere Frauen plaudern angeregt über ihren üppigen Salattellern. Eine andere Frau ist in den Kulturteil der Zeitung vertieft und versucht gleichzeitig, ihr Birchermüesli zu essen. Und am Ende des Raumes parlieren zwei ältere Herren auf einem alten roten Ledersofa. Zusammen mit den Stehlampen schafft das Möbel Wohnzimmeratmosphäre. Durch ein Fenster und durch ein milchglasiges Oberlicht wird die Sofa-Ecke mit Sonnenlicht versorgt. Auch der verwitterte weisse Paravent vor dem Toiletteneingang mischt im Spiel von Brockenstube und Interio-Einrichtung mit.

Eine Karte gibt es nicht, auch keine Schiefertafel oder Ähnliches. Das Menü ist bescheiden – und wer es sich von der Kellnerin mit den wasserstoffblonden kurzen Haaren aufzählen lässt, outet sich als «Lemp»-Neuling. Dies lässt einen jedoch niemand im Lokal spüren. Die Kombi aus Salat und hausgemachten Wähen (Fr. 12.50) gibts mit Käsekuchen oder mit einer vierfarbigen Gemüsewähe mit orangen und gelben Rüebli, Zucchetti und Kohlrabi.



Der Salat, eine Mischung aus Kopfsalat, Nüsslisalat und Chinakohl, wird von einer ganz passablen französischen Sauce begleitet, kommt optisch aber ziemlich lieblos daher. Dafür verdienen die Wähen das Prädikat «hausgemacht» ganz und gar: Käsemischung und Teig beziehungsweise Gemüse, Guss und Teig ergeben ein stimmiges, «chüschtiges» Ganzes. Auch das anschliessend zum Dessert servierte Stück Zwetschgenwähe mit geschlagenem Rahm (Fr. 5.50) darf positiv erwähnt werden. Es bleibt jedoch die Frage, ob es nicht saisongerechtere Früchte gäbe, die nicht im Tiefkühler hätten zwischengelagert werden müssen. Der Schokoladenkuchen, der auf der Bar im Vorraum steht bleibt leider ungetestet.



Was hingegen in keinem Café ungetestet bleiben darf, ist der Cappuccino. Hier wird die beliebte Espresso-Variante mit Milchschaum zusammen mit einem Wasserglas auf dem Tablett serviert (Fr. 4.50). Der dichte Schaum füllt die halbe Tasse – und so würde man gern noch einige Stunden weiterlöffeln. Leider ist im «Lemp» aber bereits um 17 Uhr Feierabend.



Wie das Lokal zu seinem Namen kam, wird übrigens erst nach einem Blick ins Handelsregister klar: Ursula Lemp heisst die Wirtin, die das kleine Bijou erst vor einigen Monaten ins Leben rief. Auf verlängerte Öffnungszeiten und eine entsprechende Longdrink-Karte darf man also noch hoffen. (Der Bund)

Erstellt: 30.06.2009, 10:18 Uhr


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