Italianità in amerikanischer Dosis
Von Markus Dütschler, 01.09.08. Aktualisiert am 16.06.2010
Der unlängst verstorbene Gastrag-Gründer Emil Wartmann (1926–2008) entwickelte eine ganze Reihe von Konzepten, so etwa für «Mr. Pickwick Pub» (unter anderem an der Wallgasse in Bern) oder «Mister Wong» (keine Filiale in Bern). Auch die Idee für das amerikanisch angehauchte Lokal «Papa Joe’s», von dem es in der Bundesstadt einen Ableger gibt (Schauplatzgasse 23), stammt aus der Basler Gastrag-Küche.
Das «Da Carlo» ist also ein Kettenbetrieb, aber mitnichten unpersönlich. Mit Schwarz-Weiss-Fotografien aus dem Italien der 1950er-Jahre, mit alten Weinflaschen auf Konsolen und sonstigem Nippes soll authentisches Italien-Ambiente erzeugt werden. Je nach Geschmack ist es etwas gar viel Dekoration, gerade so, als hätte eine amerikanische Gastro-Kette ein «Typical Italian Restaurant» realisiert.
Auch das Personal tut alles, um den Eindruck zu vermeiden, man sei in irgendeiner Filiale einer Restaurantgruppe. Es kennt die Stammkunden, ist freundlich und engagiert. Gianni Masullo, der Direttore, waltet wieselflink und effizient seines Amtes. Dann und wann taucht der eigentlich pensionierte Walty Huber wieder auf, der frühere quirlige Capo di Servizio, der für viele Gäste und das Personal während Jahren gewissermassen zum Inventar gehörte.
Wir besuchen das Lokal an einem Tag, an dem der Sommer vorführt, was er in früheren Wochen zu leisten versäumt hat. Die Plätze auf der Veranda – sie ist wegen des Strassenverkehrs trotz schützender Glasscheiben nicht gerade eine stille Oase – sind alle reserviert und bereits vergeben. Die Bundesbeamten, Anwälte und Wirtschaftsverbandsfunktionäre aus der Umgebung waren schneller. Im Innern des Hauses hat es noch genug Platz. Im Spiegel an der Wand betrachten wir das dominante Salatbüfett im Rücken und die umhereilende Servicebrigade.
Wir bestellen als Auftakt einen Tomatenjus (Fr. 4.50), der mit Tabasco, Pfeffermühle und Zitronenschnitz serviert wird. Die Kellnerin erweist sich als geschickte Verkäuferin: Sie empfiehlt dem Gast eine Vorspeise, da die Begleiterin ja auch einen Insalata mista (Fr. 9.–) geordert habe. Wir entscheiden uns für Bruschetta Da Carlo (Fr. 8.50), eine simple, pikante und erfrischende Vorspeise aus gewürfelten frischen Tomatenstückchen auf getoastetem Knoblauchbrot. Die Begleiterin bestellt eine kleine Portion Risotto con Verdura (Fr.17.50, ganze Fr. 21.50). Der Testesser entscheidet sich für Filetti d’Agnello alla Griglia. Die zarten Lammfilets tummeln sich, verfeinert mit Aceto Balsamico, in einem Blätterwald grünen Salates. Dieser ist – etwas unitalienisch – an einer «Thousand-Islands»-Sauce angemacht, die aber gut schmeckt. Auf beide Hauptspeisen haben wir eine ganze Weile gewartet, was aber nicht erstaunt, wenn man sieht, wie der Laden «brummt». Die Begleiterin, selbst eine leidenschaftliche Risotto-Köchin, ist mit der Gemüsevariante recht zufrieden. Die Serviererin empfiehlt uns leidenschaftlich («Mmmh, lecker!») den Wein des Monats aus Apulien, einen Squinzano rosso (Fr. 6.10/dl), der auch uns gut mundet.
Die Begleiterin ist satt und mag sich kaum noch auf die Dessertkarte einlassen. Dem Testesser geht es nicht viel anders. Die Kellnerin versichert aber, die kleine Portion Tiramisu (Fr. 7.50/gross Fr. 10.50) sei «facilmente» zu schaffen. Tatsächlich: Das kleine «Zieh-mich-auf», das mit frischen Apfelscheibchen garniert ist, macht Freude und liegt am Nachmittag nicht schwer im Magen. Die Begleiterin begnügt sich – il Dolce gehört einfach dazu – mit einer Kugel Zwetschgensorbet (Fr. 3.50). Als wir gehen, schmettert uns die Belegschaft von allen Seiten ein frohes «Arrivederci» entgegen. (Der Bund)
Bern
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