Bern

Im Polit-Sandkasten des Ancien Régime

Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 19.01.2009

Der Chic des Restaurants zum Äusseren Stand in Bern bleibt selbst flüchtigen Passanten nicht verborgen. Wer es von der Zeughausgasse her betritt, findet sich in einem hohen Raum wieder. Auf stoffgedeckten Tischen stehen grossbauchige Weingläser, Kerzen und Wandlämpchen sorgen für eine feierliche Stimmung.

Die Rechnung, bitte!

Karte:gutbürgerliche Fleisch- und Fischküche

Preise: Leicht gehoben, dem Ambiente entsprechend, Businesslunch (3 Gänge) Fr. 42.–/49.–

Kundschaft:Leute mit Sinn für gediegenes Interieur, ältere Semester, im populäreren Hofcafé altersmässig durchmischter

Öffnungszeiten:(gültig bis Juni 2009) Mo-Do 8-23.30 Uhr, Fr/Sa 8-0.30 Uhr, sonntags nur geöffnet für Bankette ab 40 Personen,

samstags von 8-14 Uhr Brunch.

Adresse:Restaurant zum Äusseren Stand, Zeughausgasse 17, 3011 Bern, Telefon 031 311 32 05, www.aeussererstand.ch

Damit scheue Leute nicht vor lauter Ehrfurcht draussen bleiben, lässt Gerhard Liechti, Pächter des Etablissements seit 1998, im Sommer die äussere Türe offen. Niederschwelliger wirkt das Hofcafé mit dem Glasdach in der Passage, wo sich viele bei einem Café vom Einkaufen erholen.



Schwellenangst ist ohnehin nicht am Platz. Mittags werden im «Äusseren Stand» Menüs zu branchenüblichen Preisen serviert, die Bedienung ist nicht überkandidelt, sondern von sachlicher Freundlichkeit. Ergraute Häupter unter den Gästen bilden bei unserem Besuch die Mehrheit, sodass die Begleiterin das Durchschnittsalter drückt. Die Tagessuppe (Fr. 3.50), eine Kartoffelcreme mit Kräuterrahm, mundet. Allerdings finden beide Suppenesser, dass sich der Koch beim Würzen mehr Zurückhaltung auferlegen könnte. Ein Glück, dass die Flasche Mineral hier 7,5 Deziliter fasst. Das löscht den Durst.



Die Dame entscheidet sich für das «Menu Poisson» (Fr. 19.50/22.50): Baramundi-Zander-Duett auf sämigem Kartoffel-Kürbisragout mit Kirchererbsen. Diesen Gang empfindet sie als etwas zu mild. Auch ist die Portion – wiewohl in einem riesigen Teller serviert – eher klein. Das «Menu Viande» zum gleichen Preis besteht aus Kalbsgeschnetzeltem nach Gärtnerinnenart mit Gemüse und Getreidegaletten. Zu beiden Menüs gibts einen grünen Blattsalat. Beide Gerichte sind schön angerichtet, doch bei den Galetten – eine Art Röstiküchlein – spürt der Testesser erneut die grosszügige Hand des Kochs beim Würzen. Der Chef fragt im Vorbeigehen, ob man Nachschlag wünsche, doch wir lehnen dankend ab. Etwas Platz wollen wir uns schon noch für ein Dessert sparen.



Beim Wein fahren wir zweigleisig: Zum Fisch passt der «Plaisir AOC 2007» aus dem schaffhausischen Thayingen, eine Assemblage aus Müller-Thurgau (in der Schweiz bekannter als Riesling x Sylvaner), Bianca, Pinot Gris (Grauburgunder) und Chardonnay (Fr. 8.–/dl). Die Dame empfindet den Wein als sehr angenehm. Zum Fleisch bestellen wir einen Tropfen vom Neusiedlersee im österreichischen Burgenland, gekeltert aus der landestypischen Sorte Zweigelt (Fr. 7.80/dl). Er hat nicht nur eine intensive dunkle Farbe, sondern schmeckt hervorragend.



Der Dessertwagen rollt an. Das Angebot ist nicht bombastisch, aber fein. Kuchen bezieht das Restaurant bei Meister Tschirren. Die Begleiterin gönnt sich ein Carac, ein kleines Mürbeteigtörtchen mit grünem Überzug (Fr. 5.50). Der Testesser sündigt mit einem Waldbeerengratin mit überbackenem Eiweissschaum (kleine Portion Fr. 9.50) und bereut es keine Sekunde.



Wie kommt das Restaurant zu seinem Namen? Im Ancien Régime übten die jungen Bernburger im «Äusseren Stand» ihre künftige Regierungstätigkeit: mit Parlamentsdebatten, Jahresrechnungen, Gerichtsverhandlungen. Es war der Sandkasten der regierenden Klasse, die mit dem Bau des herrschaftlichen Hauses durch Architekt Albrecht Stürler ihr Selbstbewusstsein demonstrierte. Nach der Auflösung der Institution 1798 durch Napoleon sah das Haus andere politische Veranstaltungen. So tagte hier der Helvetische Senat (1799–1800), kantonale und eidgenössische Tagungen fanden statt, und von 1831–1848 wurden die bernische Kantonsverfassung und die Bundesverfassung hier ersonnen. 1874 wurde daselbst auch der Weltpostverein gegründet. 1980 bis 1982 wurde das Haus umfassend renoviert. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2009, 10:44 Uhr


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