Bern

Auftgetischt: Aus «Traube» wurde edler Tropfen

Von Philipp Schori. Aktualisiert am 15.12.2008

Mittwoch, kurz nach 13 Uhr: Draussen schneits, und Ueli Maurer ist soeben in den Bundesrat gewählt worden – wir brauchen etwas Warmes. Die Schiebetür an der Ecke Aarbergergasse/Genfergasse in Bern öffnet sich automatisch, drinnen im «Sassafraz» ist noch genau ein Zweiertischchen frei.

Die «Traube» heisst nun «Sassafraz». (Google Street View)

Die «Traube» heisst nun «Sassafraz». (Google Street View)

Wir schlagen zu und entledigen uns der Mäntel, die wir über das echte Hirschgeweih an der Wand hängen. Das Restaurant ist nach einer alten Apfelsorte Süditaliens benannt. Auch das Vorgängerlokal entlieh den Namen einer Frucht, aber damit hat es sich schon mit den Gemeinsamkeiten: In der berühmt-berüchtigten «Traube» verkehrten Alkohol- und Drogenabhängige, das «Sassafraz» hingegen zieht ein junges, gut situiertes Publikum an, dem gepflegtes Interieur und drapierte Menüs etwas wert sind. Im Weiteren zeigt das Restaurant eine Grappasammlung des legendären, kürzlich verstorbenen Edelbrenners Romano Levi, es bietet eine rauchfreie Zone und hat nicht vergessen, auch die Toiletten stilvoll zu renovieren.

Schliesst man von der Inneneinrichtung auf die servierten Gerichte, könnte man leicht falsch liegen: Geboten wird urchige Kost. Wir bestellen den Salat «Vogellisi» (Fr. 11.50), Waadtländer Saucissons mit Lauch und Kartoffeln (Fr. 27.50) – und das Tagesmenü (Fr. 24.50). Es umfasst einen etwas mageren Tomatensalat und Fischknusperli ohne Sauce Tartare und ohne Zitrone, dafür mit frischem Spinat. Das «Vogellisi» überzeugt geschmacklich am meisten: Der Mischsalat ist knackig. Die Apfelscheiben und die vor Öl triefenden Croûtons verleihen der Vorspeise zudem einen Hauch geschmacklicher Exklusivität.

Üppig kommen die «Saucissons vaudois» auf Rahm-Kartoffeln und Lauch daher. Die zuvorkommende Bedienung serviert das Gericht in einer eleganten Schale, die aber nicht so recht in den Unterteller passen mag. Die Disharmonie beim Gedeck kann dem Gemüse-«Papet» nichts anhaben: Es ist fein-cremig und sättigt so sehr, dass für eine hausgemachte Meringue mit Glace und Crème Gruyère (Fr. 14.50) kein Platz bleibt. Die Waadtländer Würste dagegen sind bei der Grossmutter aus dem Welschland «plus goûteux» – und auch billiger. (Der Bund)

Erstellt: 15.12.2008, 10:00 Uhr


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