Bern

Aufgetischt: Wo die Vorurteile dahinschmelzen

Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 26.07.2010

Wer sich im Restaurant Rosengarten an einen Tisch setzt, der ist zunächst einmal skeptisch. Dieses Lokal im Blumenparadies liefert einen ganzen Strauss an Argumenten, um sich gern gehegte Vorurteile bestätigen zu lassen.

Links das Restaurant Rosengarten. (zvg)

Links das Restaurant Rosengarten. (zvg)

Die Rechnung, bitte

Karte: Von Italien über den Orient bis Asien. Einige Klassiker, die nie ganz klassisch daherkommen. Schönes Angebot an offenen Weinen.

Preise: Gehoben, aber gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Kundschaft: Bunt wie eine Magerwiese – Touristen, Geschäftsleute, Militärs, Senioren, Junge, Familien.

Öffnungszeiten: Bis Ende November täglich von 9 bis 24 Uhr.

Adresse: Restaurant Rosengarten, Alter Aargauerstalden 31 b, Bern, Telefon:
031 331 32 06; www.rosengarten.be

Da ist 1. die atemberaubende Aussicht. Was schön für das Auge ist, ist nämlich meist schlecht für den Gaumen. Aussichtslokale verlassen sich oft auf ihren Standort, und die Gästescharen geben ihnen meist noch recht und verdrücken das ranzige, überteuerte Schnipo klaglos. 2. ist da die schiere Grösse des Lokals. In solchen Verköstigungshallen, sagen die schlechten Erfahrungen, wird man ohnehin bloss abgefertigt wie eine Mastgans. Und 3. sind da noch die vielen Ansprüche, die das Restaurant Rosengarten zu erfüllen versucht. Es will nämlich das Speiselokal sein für die Touristenmassen, die täglich den lieblichen Park durchströmen; Treffpunkt für die Kuchenkunden, die ihre Nachmittage hier tratschend verbringen; Familienbeiz für die Elternschaften, die ihre Kinder am nahe gelegenen Spielplatz herumturnen lassen. Und es will dazu noch szenig-elegant sein, mit ein wenig Retro-Holz-Einrichtungen und loungigen Rattan-Möbeln. Das kann nicht gut kommen, denkt man.

Aber Achtung! Das Restaurant Rosengarten ist das beste Argument dafür, dass man seinen Vorurteilen nicht immer trauen sollte. An einem schwülheissen Sommermittag werden wir nämlich in allen Punkten eines Besseren belehrt.

Da ist zum 1. der vorzügliche Service. Das beginnt damit, dass wir gleich freundlich empfangen und an einen noch freien Tisch geführt werden, der an diesem Mittag schwerlich zu finden ist. Es geht weiter mit einer aufmerksamen, freundlichen Kellnerin, die stets ein wachsames Auge hat. Und es bestätigt sich dadurch, dass wir vom Personal keine scheelen Blicke ernten, wenn der kleine Fratz kurzerhand den Salatteller zum Schlagzeug erklärt.

Da ist 2. das wirklich gute Essen – und das zu einem wirklich fairen Preis: Mit Salat kosten die Mittagsmenüs keine zwanzig Franken. Das Fleisch: Ein Schweinsbraten nach Tessiner Art mit Merlot-Jus, dazu werden Rosmarin-Kartoffeln und Zucchini gereicht (19.50 Fr.). Das Vegetarische: Gemüsetatar mit Sauerrahm, Zitrone und Humus (18.50 Fr.). Die Portionen sind grosszügig – und dazu noch schön angerichtet. Und auch sonst gibt es am schnörkellosen Essen, das in Windeseile serviert ist, nun wirklich gar nichts auszusetzen. Der Braten zart, die Kartoffeln genau richtig, und der Zitronengoût macht das Humus frisch. Wenn der Gaumen glücklich ist, dann wird die atemberaubende Aussicht auf die Altstadt grad noch etwas schöner.

Hätten wir das Spesenbudget nicht lieber in den Wein investiert, hätten wir auch die Tagesspezialität wählen können – Kalbsfleischtranchen an Basilikum-Sauerrahmsauce. Das hätte bestimmt auch gemundet. Oder wir hätten in die Karte schauen können. Die ist zwar relativ umfangreich (was ja meist kein gutes Zeichen ist, aber unsere Vorurteile schmelzen dahin wie Butter in der Mittagssonne), es finden sich aber interessante Offerten: etwa die hausgemachten Agnolotti mit Süsskartoffel-Ricotta-Füllung an Salbeibutter (25.50 Fr.). Oder ein Rindfleischtatar, das durchaus typisch ist für die Philosophie des Hauses, das Fabian Schüttel und Fritz Riesen vor fünf Jahren übernommen haben, nicht ohne ihm eine Frischzellenkur zu verpassen – nachdem sie schon die Milchbar auf der Kleinen Schanze auf Vordermann gebracht hatten. Man hält sich durchaus an Traditionen, scheut sich nicht vor Konventionellem, aber man gestattet sich dabei auch ein paar kreative Einfälle und überraschende Momente. Das Tatar kommt mit Honigmelone und Parmegiano Reggiano (29.50 Fr.). Übrigens, die önologische Investition zahlt sich aus: ein Bianco (6.50 Fr. pro dl) aus dem Südtirol. Fruchtig, frisch und unprätentiös, so wie man einen Weissen zur sommerlichen Mittagsstunde haben will.

Und da ist 3. das Ambiente, das für die Grösse des Restaurants erstaunlich entspannt ist. Das ältere Ehepaar am Nebentisch, die japanische Touristengruppe und die Familie mit Kleinkind – alle scheinen die einmalige Umgebung gleichermassen zu geniessen. Dem Restaurant Rosengarten gelingt tatsächlich ein heikler Spagat, das müssen selbst hartgesottene Aussichtslokal-Skeptiker eingestehen. (Der Bund)

Erstellt: 26.07.2010, 09:27 Uhr

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